NASA-Sonde Dart: "Die ESA achtet hauptsächlich auf die kleineren Asteroiden"

Skizzieren Sie doch mal, wie Sie sich so eine planetare Asteroidenabwehr?

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Es gibt für die Abwehr auf Vorschlag der Vereinten Nationen seit 2014 die Space Mission Planning Advisory Group mit 18 weltraumfahrenden Nationen. Da bereiten wir uns auf mögliche Gefahrenszenarien vor. Wir bauen eine Datenbank auf, die uns sagt, aus der Richtung ein Asteroid kommt, wie groß er und schnell ist, und was mit ihm zu tun ist.

Wenn unsere Bahnberechner sagen, da kommt etwas in drei Jahren auf uns zu, rufen wir die Arbeitsgruppe zusammen, um ein Szenario vorzuschlagen. Damit gehen wir zu unserem Director General, der zu den politischen Delegierten geht, die das Geld geben.

Aber was machen Sie dann? Es gibt ja verschiedene Methoden...

Dart arbeitet mit dem kinetischen Impakt, bei dem ohne Bombe, einfach eine Masse mit hoher Geschwindigkeit auf den Asteroiden einschlägt. Wenn etwas auf einen Körper prallt, muss die Geschwindigkeitsenergie irgendwohin. Die ist zwar für den Dart-Sonde klein im Verhältnis zur großen Masse des anvisierten Objekts. Aber ein bisschen verändert sich seine Bewegung schon. Dazu brauche ich allerdings ein paar Jahre Zeit. Für so einen typischen Einschlagsfall müssten es drei bis sechs Jahre sein, das kommt immer auf das Objekt an. Das ist meiner Meinung nach die einfachste Methode. Wir kennen die Technologie schon und testen sie jetzt auch noch.

Dart soll den kleinen Mond von Didymos ablenken. Ließen sich mit Dart auch der größere Asteroid beeinflussen?

Mit einer Sonde wie Dart lässt sich Didymos nicht ablenken. Aber so eine Sonde ist natürlich skalierbar. Der Asteroiden-Hauptkörper hat 800 Meter Durchmesser. Das heißt, er hat einen viermal größeren Durchmesser als sein Mond. Die Masse steigt mit der dritten Potenz, er ist also 50- bis 60-mal schwerer. Wenn wir also etwa 50 Sonden auf ihn schießen, lässt sich etwas erreichen. Oder wir machen es früher.

Planen Sie, gleich mehrere Sonden auf Reserve einlagern?

Genau darüber diskutieren wir. Das kostet alles Geld. Wir werde sicher nicht 20 Tonnen schwere Raumfahrzeuge irgendwo auf Lager stellen, wenn wir nicht wissen, ob und wann ein Asteroid kommt, und wie groß er ist. Das ist politisch nicht möglich.

Glauben Sie, dass die europäische Politik diese Bedrohung ernst genug nimmt?

Doch, das wird mittlerweile ernst genommen. Die Vereinten Nationen haben das auf der Agenda. Sie können allerdings nicht beliebig viel Geld bereitstellen.

Also sind die Kosten der Grund?

Ja. Außerdem macht es vielleicht auch keinen Sinn, weil ich nicht weiß, ob die gelagerten Raumfahrzeuge auf das aktuelle Szenario passen. Ich denke, wir müssen das zunächst am Zeichenbrett üben und durchspielen. Zudem diskutieren wir unter anderem das Hijacken, also das Entführen eines existierenden Satelliten. Wenn beispielsweise eine Forschungssonde für die Sonne auf der Startrampe steht, ließe sich die ja auch Richtung Asteroiden schießen. Hauptsache schwer und schnell.

Wie viel Geld bräuchte es, um vorsorglich eine globale Asteroidenabwehr zu organisieren?

Schon wieder kommt es drauf an, wie groß ein Asteroid ist. Wenn ich den Asteroiden Aprophis mit etwa 300 Meter Durchmesser als Beispiel nehme, der 2029 an der Erde vorbeifliegt. Um ihn abzuwehren, müsste ich ihn 500 Kilometer ablenken. Da hätten wir einen Satelliten wie Rosetta draufschießen müssen, das wäre gerade so ungefähr hingekommen. Und Rosetta hat etwa eine Milliarde gekostet.

Dann freuen Sie sich vermutlich, dass immer größere Raketen gebaut werden. Denn die erreichen größere Geschwindigkeiten.

Richtig. Wobei es vielleicht sicherheitstechnisch besser wäre, fünf kleine Massen dorthin zu schicken als eine große. Auch von den Kostenseite her wäre das nicht schlecht. Denn eine Sonde muss nicht kompliziert sein. Sie braucht nur eine Kamera, damit sie den Asteroiden findet. Wenn ich fünf davon baue, wird es wieder billiger pro Stück.

Wie schnell würden Sie einen Abwehrplan berechnen können?

Ein Kollege hat innerhalb von zwei Wochen mögliche Abwehrszenarien für 35 Asteroiden ausgerechnet. Da stellt sich eher die Frage, was sich starten lässt. Dann müssen wir notfalls sagen „Hey Leute, tut uns leid, wir brauchen euren wissenschaftlichen Satelliten – jetzt!“.

Wie schnell ließe sich eine Sonde wie Dart auf die Rampe kriegen bzw. umfunktionieren?

Das habe ich schon mal meine amerikanischen Kollegen gefragt, denn die die haben das ja schon mal mit der Deep Impact Sonde gemacht. Sie meinten, sie würden drei bis vier Jahre bis zum Start brauchen. Das finde ich schnell. Die ESA würde das wahrscheinlich nicht hinkriegen.

Wir könnten den Satelliten Juice nehmen, der in ein paar Monaten zum Jupiter starten soll. Das würde die Jupiter-Wissenschaftler sicher nicht freuen, aber Menschen zu retten, ist ja auch gut. Wir bräuchten vielleicht ein bisschen Zeit, um die Software anzupassen, aber eine Kamera zum Navigieren hat Juice an Bord. Aber das ist relativ schnell gemacht, bei uns heißt das, in ein paar Wochen. Dann kann er nächstes Jahr starten, das würden wir hinkriegen.

Gibt es Katastrophenschutzpläne, wenn feststeht, dass in zwei Tagen ein 50 Meter großer Asteroid einschlägt?

Das kommt auf das Land an, in dem er einschlagen wird. In der Schweiz gibt es Pläne. Kurz nach dem Tscheljabinsk-Ereignis wurden wir in die Nationale Alarmzentrale der Schweiz eingeladen. Die Schweizer haben ein Buch mit Katastrophenszenarien im Schrank. Jedes Jahr spielen sie zwei oder drei neue Szenarien durch, beispielsweise die Explosion eines Gastanks. Das wollten sie auch für Asteroiden. Daher gibt es nun ein Plan für den Fall, dass in zwei Tagen ein Asteroid einschlägt. Für Deutschland sind wir da gerade dabei. Für andere Länder gibt es noch nicht, glaube ich. Aber wir versuchen das zumindest, in den ESA-Mitgliedsländern zu etablieren.

Wie sieht so ein Plan konkret aus?

Im Fall von Tscheljabinsk ist das relativ einfach. Angenommen wir wissen zwei Tage vorher von dem Einschlag. Dann weisen die Katastrophenschutzbehörden am Abend zuvor die Nachrichtenstationen an, den Asteroiden zu melden, und dass eine Druckwelle geschlossene Fenster einschlagen könnte.

Wenn es Los Angeles treffen würde, werden die US-Amerikaner schnell reagieren. Aber was ist, wenn Afrika betroffen wäre? Wie solidarisch ist die Menschheit?

Ich denke, wenn ein Land betroffen ist, das selbst keine Möglichkeiten hat, würde die internationale Gemeinschaft zur Hilfe kommen, da bin ich optimistisch.

Aber das wird auch von Juristen diskutiert, dazu gibt es noch keine Richtlinien. Und bei der jährlichen Planetary Defense Conference haben wir mittlerweile auch die Katastrophenschutzbehörden dabei, auch für die rechtlichen Aspekte. Angenommen unser Generaldirektor sagt, ein Asteroid falle auf Paris und der Bürgermeisterin beschließt zu evakuieren. Und hinterher fällt er doch in den Ozean, dann könnte es ja passieren, dass er das Geld für die Evakuierung zurückhaben will.

Solche Überlegungen sind wichtig. Für mich ist die wichtigste Erkenntnis, dass es sehr schwierig ist, sich auf eine Bedrohung vorzubereiten, die sich über Millionen Jahre entwickelt hat, indem man es in nur zwei- oder vierjährige Budget- und Planungszyklen einteilt.

Sie sprechen wahrscheinlich auf die bei der Ministerratskonferenz 2016 gestrichene Asteroiden-Abwehr Mission AIDA an. Sitzt die Enttäuschung noch tief?

Ja. Der Hauptgrund dafür war meiner Meinung nach, dass wir sie mit den Amerikanern zusammen wollten, obwohl der amerikanische Teil offiziell noch gar nicht bewilligt war.

Generell ist mir mittlerweile klar, dass wir eine langfristige Strategie und Unterstützung der Politik brauchen. Es kann nicht sein, dass jeder etwas anderes macht.

(mho)