Nano inside

Das Woodrow Wilson Center hat die erste Online-Datenbank gestartet, in der sich Verbraucher über nanotechnische Alltagsprodukte informieren können. Ein wichtiger, wenn auch noch unvollständiger Schritt zu mehr Transparenz bei Nanotechnik.

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Von
  • Niels Boeing

Für Laien ist es nicht einfach, bei all den widersprüchlichen Erfolgsmeldungen den Überblick zu behalten, was Nanotechnik bereits vermag. Was ist Fakt, was Prototyp, was Sciencefiction? Das Woodrow Wilson International Center for Scholars will jetzt zur Aufklärung beitragen: Vor wenigen Tagen hat es das Nanotechnology Consumer Products Inventory online gestellt – eine Datenbank mit derzeit 213 Produkten, in denen Nanotechnik zum Einsatz kommt. "Anhand dieser Datenbank sehen wir, dass diese Technik bereits Einzug in unseren Alltag hält", sagt David Rejeski, der das Projekt zu Emerging Nanotechnologies leitet. "Sie ist schon in den Ladenregalen und wird überall in der Welt verkauft."

Die Nanotech-Produkte sind in acht Kategorien, darunter "Gesundheit und Fitness" sowie "Elektronik und Computer", eingeordnet. Kriterium ist, dass entweder nanostrukturierte Materialien oder Nanoeffekte verwendet werden. Das führt dazu, dass auch gängige Halbleiterchips von Intel oder AMD aufgeführt werden, denn die Strukturgrößen ihrer Transistoren sind bereits kleiner als 100 Nanometer (millionstel Millimeter). Dies ist nach derzeit gängiger Vereinbarung die Grenze, unterhalb der der Wirkungsbereich der Nanotechnik beginnt. Auf diese Weise schafft es sogar Apples Verkaufsschlager iPod nano in die Datenbank, weil seine Flash-Speicher das Kriterium ebenfalls erfüllen.

Zu jedem Produkt gibt es einen Link zur Hersteller-Website sowie eine kurze Produktbeschreibung. Dabei verlässt sich das Wilson-Center allerdings auf Herstellerangaben. Produkte, die Verbraucher nicht als solche kaufen können und die lediglich eine Komponente eines komplexeren Produktes darstellen, sind mit dem Label "generic" versehen.

Sowohl die Auswahl als auch die überraschend geringe Zahl von 213 Produkten ist von der Nanotech-Gemeinde mit einem gewissen Sarkasmus quittiert worden. "Alles in allem ist das eine vernünftige Liste und auch ein bißchen harmlos", heißt es beispielsweise im Blog der britischen Nanotech-Marktforscher Cientifica. Die Washington Post stellt bissig fest: "Wie es aussieht, müssen die Verbraucher erst einmal mit geruchsfressenden Schuheinlagen, flotteren Golfbällen und Nano-Lebensmittelzusätzen gegen das Altern vorlieb nehmen". Was leider komplett fehlt, sind Produkte wie Pharmaka oder medizinische Geräte, in denen Nanotechnologien eingesetzt werden.

Immerhin macht die Datenbank endlich Schluss mit Mutmaßungen über nanotechnisch optimierte Lebensmittel – ein Anwendungsbereich, bei dem sich viele Hersteller bislang bedeckt gehalten hatten. Denn schon bald könnte sich hieran eine breite Debatte um konkrete Risiken von Nanomaterialien entzünden. Bisher gab es hierzu nur eine in akribischer Detektivarbeit zusammengetragene Studie der kanadischen ETC Group, die in Fachkreisen als Alarmismus abgetan wurde. Insgesamt 15 Produkte finden sich in der Kategorie "Lebensmittel", mit deren Hilfe die Segnungen der Nanotechnik mit voller Absicht in den Körper gelangen sollen.

So erfährt der interessierte Verbraucher beispielsweise, dass "Canola Active Oil" um wenige Nanometer große Fettkapseln angereichert ist. In ihnen will der israelische Hersteller Shemen Industries etwa Phytosterin durch den Verdauungstrakt "schleusen", dass sonst womöglich von Enzymen angegriffen würde. Phytosterin ist eine dem Cholesterin chemische verwandte Substanz, deren Anreicherung dafür sorgt, dass Cholesterin sich nicht ansammeln kann und rechtzeitig ausgeschieden wird.

Ebenfalls nicht uninteressant ist die Erkenntnis, dass bereits 125 nanotechnisch modifizierte Kosmetika und Fitnessprodukte auf dem Markt sind. Bei den meisten handelt es sich zwar noch um Textilzusätze für Outdoor-Kleidung. Aber angesichts der Tatsache, dass nicht alle Kosmetikahersteller ihre Produkte mit "Nano inside" vermarkten – so etwa Beiersdorf –, dürfte die tatsächliche Liste noch deutlich länger sein.

"Sind die Marketing-Verantwortlichen der aufgelisteten Produkte wohl glücklich oder eher beunruhigt, dass sie das Nanoetikett verwendet haben?" fragt Christine Petersen vom Foresight Nanotech Institute sybillinisch. Denn klar ist: Die Datenbank des Wilson-Centers wird nicht nur Verbrauchern nützen, sondern auch Nanotech-Skeptikern, die hier das eine oder andere Aha-Erlebnis haben – und Munition für Kampagnen finden dürften. Die Liste ist dennoch ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz bei nanotechnischen Alltagsanwendungen, auch wenn sie bislang noch unvollständig ist und Produkte fehlen, zu denen es keine Informationen in englischer Sprache gibt. Geheimniskrämerei und Abwiegeln haben schließlich schon die grüne Gentechnik in Verruf gebracht. (nbo)