Neue Erkenntnisse zum Beginn von Corona: Experte geht nicht von Laborunfall aus

Ein erfahrener Evolutionsbiologe hat neue Daten entdeckt, die die These vom Beginn der Pandemie auf einem Tiermarkt belegen sollen.

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Stadtansicht von Wuhan.

(Bild: Willem Chan / Unsplash)

Von
  • Jane Qiu
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Michael Worobey war sich lange nicht sicher, woher das Coroanavirus stammt. Während der Pandemie hat der Professor an der University of Arizona untersucht, wie sich der Erreger im Laufe der Zeit veränderte – und gehörte auch zu einer Gruppe von 18 einflussreichen Wissenschaftlern, die im Mai einen vielbeachteten offenen Brief unterzeichneten, in dem sie weitere Forschungen nach der tatsächlich Herkunft von SARS-CoV-2 forderten. Die Theorie, ob das Virus womöglich durch einen Laborunfall entkommen ist, müsse endlich untersucht werden.

Jetzt hat Worobey in der Zeitschrift "Science" eine neue Studie veröffentlicht, die darauf hindeutet, dass der früheste diagnostizierte Fall von Corona falsch verstanden wurde und dass der Huanan-Wildtiermarkt in Wuhan mit ziemlicher Sicherheit der Ort war, an dem das SARS-CoV-2-Virus von Tieren auf Menschen übergesprungen ist. Die Theorie vom sogenannten Spillover-Virus dürfte die Debatte um die Suche nach den Ursprüngen des Coronavirus neu entfachen.

Was er herausfand – nicht nur, dass es wohl keine offensichtliche Voreingenommenheit bei den Untersuchungen gab, sondern auch, dass viele der ersten diagnostizierten Fälle von COVID-19 entweder Menschen waren, die auf dem Markt arbeiteten oder in der Nähe wohnten – hat ihn zu der Überzeugung gebracht, dass es unwahrscheinlich ist, dass das Virus aus einem Laborleck stammt.

Huanan, ein einst belebter Markt im Zentrum von Wuhan, der täglich von Tausenden von Einkäufern besucht wurde, stand im Mittelpunkt der hitzigen und oft erbitterten Debatte über den Ursprung der Pandemie. Als Folge wurde der Markt geschlossen – und viele der ersten Fälle von COVID-19 wurden mit ihm in Verbindung gebracht. Aber eben nicht alle. Der Markt war auch ein berüchtigter Ort, an dem man lebende Tiere kaufen und vor Ort schlachten lassen konnte und der als Brutstätte für Seuchen geeignet war. Mehrere Restaurants in der Nähe waren dafür bekannt, sogenanntes Yewei ("Wildgeschmack") von Tieren zu servieren, die nicht nur gerade frisch getötet worden waren, sondern auch aus Wildbeständen kamen. Schlangen, Bambusratten, Waschbärhunde – sie wurden in übereinander gestapelten Käfigen gehalten.

Der Markt befindet sich zudem in der Nähe eines Kindergartens, einiger Einkaufszentren und Dutzender von Wohnhochhäusern. Er ist auch nur eine halbe Meile vom Hankou-Bahnhof entfernt, durch den täglich Tausende von Menschen strömen, wobei die Zahl der Reisenden während des Chunyun, der "Wanderung" zum Frühlingsfest im Januar, mit gut 100.000 ihren Höhepunkt erreicht. (Sowohl das alte SARS als auch COVID-19 gerieten während des Chunyun-Festes außer Kontrolle.)

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Die genaue Rolle von Huanan bei der Ausbreitung von COVID-19 ist seit Beginn der Pandemie umstritten. Eine von drei Personen unter den 174 Patienten, die im Dezember 2019 erkrankten, war auf dem Markt gewesen, aber Epidemiologen für Infektionskrankheiten wie William Hanage von der Harvard University haben argumentiert, dass dies ein Ablenkungsmanöver sein könnte. "Wenn Menschen eine Häufung atypischer Lungenentzündungen sehen, neigen sie dazu, nach dem nächstgelegenen Markt zu suchen. Sie sagen: Oh, sieh mal, der Markt! Das muss der Markt sein!", sagt er. Zudem glaubt er, dass diese Annahme, wenn sie falsch war, zu einer Art von Zyklus geführt haben könnte, der die Rolle von Huanan unverhältnismäßig stark betonte. Gleichzeitig hätten dann eine große Zahl von Fällen in anderen Teilen der Stadt übersehen werden können. "Man neigt dazu, dort, wo man Fälle erwartet, genau hinzuschauen – und nicht dort, wo man sie eben nicht erwartet", sagt Hanage.

Worobey, der laut dem Virologen David Robertson von der Universität Glasgow dafür bekannt ist, ein Faible für "wilde Theorien" zu haben, bürstet gerne gegen den Strich und setzt sich mit aktuell heiß diskutierten Theorien auf dem Gebiet der Erreger auseinander. Während der Pandemie, so Robertson, habe sein Kollege zunächst versucht, die Theorie eines natürlichen Ursprungs zu durchlöchern, indem er die Frage stellte, ob die offensichtliche Verbindung zwischen den frühen COVID-19-Fällen und Huanan real oder eine Fata Morgana ist.

Anhand der lückenhaften und bruchstückhaften Informationen, die er erhalten konnte, zeichnete Worobey nach, wie die ersten 20 COVID-19-Patienten in drei Krankenhäusern in Wuhan diagnostiziert wurden (bis zum 30. Dezember wurden insgesamt 27 Fälle als verdächtig eingestuft). Er fand heraus, dass die Ärzte die Fälle anhand der klinischen Manifestation der Krankheit identifizierten, insbesondere anhand der Merkmale eines CT-Scans der Lunge, unabhängig von ihrer früheren Exposition in Huanan. Es stellte sich heraus, dass neun von ihnen Arbeiter auf dem Markt waren, während ein Patient, der nicht mit dem Markt in Berührung gekommen war, Freunde hatte, die dort arbeiteten und ihn zu Hause besucht hatten.

Worobeys Studie kommt zu dem Schluss, dass dies alles geschah, bevor die Gesundheitsbehörden in Wuhan ihre Aufmerksamkeit auf den Huanan-Markt richteten – und daher die Diagnose nicht verfälscht haben können: Der Markt stand tatsächlich im Mittelpunkt der ersten Fälle und war nicht das Ergebnis davon, dass die Ärzte mehr SARS-CoV-2 an jenen Orten sahen, an denen sie mehr Zeit mit ihrer Untersuchung verbrachten.

Worobey behauptet auch, dass der Patient, von dem man bisher annahm, er sei der erste dokumentierte Fall von COVID-19 – und der keine frühere Begegnung mit dem Huanan-Markt hatte – fälschlicherweise als das bezeichnet worden sein könnte. Die WHO hatte zuvor berichtet, dass bei einem 41-jährigen Buchhalter am 8. Dezember 2019 COVID-19-ähnliche Symptome diagnostiziert worden waren, was ihn zum sogenannten "Indexfall" ("Patient Zero") machte. Laut einem Videobericht in chinesischen Medien, Krankenhausunterlagen, die Worobey online fand, sowie einer wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema wurde bei dem Mann jedoch zunächst ein Zahnproblem diagnostiziert und er entwickelte erst acht Tage später COVID-19-Symptome.

Wenn sich diese Person später als ursprünglich angenommen mit dem Erreger angesteckt hat, würde das bedeuten, dass eine Frau namens Wei Guixian, die am 11. Dezember erkrankte, tatsächlich die erste dokumentierte COVID-19-Patientin war. Wei verkaufte Garnelen auf dem Huanan-Markt. Worobeys Detektivarbeit liefert auch wichtige Hinweise auf ein anderes Rätsel über die frühe Ausbreitung der Krankheit.

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Ältere Studien, die sich mit den Genomsequenzen einiger der am frühesten diagnostizierten Patienten befassten, zeigen, dass sich das Virus im Dezember 2019 bereits in mindestens zwei Linien aufgeteilt hatte: Stamm A, die von den am frühesten gemeldeten Patienten stammt – die in den Wochen vor ihrer Erkrankung nie den Huanan-Markt besucht hatten – und Stamm B, die von denjenigen stammt, die vor Ort waren. Verwirrenderweise scheinen die Genome des Stammes A – im Gegensatz zu denen der Huanan-Patienten – enger mit Fledermausviren verwandt zu sein, die als Urväter von SARS-CoV-2 gelten.