Schlaglöcher, Papierfetzen und andere Probleme

Die autonomen Autos von Google haben zwar auf Testfahrten schon eine Million Straßenkilometer zurückgelegt. Doch es gibt noch eine Menge Dinge, die die Fahrzeuge überfordern.

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Von
  • Lee Gomes

Die autonomen Autos von Google haben zwar auf Testfahrten schon eine Million Straßenkilometer zurückgelegt. Doch es gibt noch eine Menge Dinge, die die Fahrzeuge überfordern.

Würden Sie sich ein selbstfahrendes Auto anschaffen, das auf 99 Prozent aller Straßen und Wege nicht fahren kann? Das keine Ahnung vom Einparken hat, nicht gut durch Schneegestöber oder Wolkenbrüche kommt und auch noch Schlaglöcher übersieht? Lautet Ihre Antwort „ja“, dann ist das Google Self-Driving Car, Modell 2014, Ihr Auto.

Spaß beiseite: Google verkauft seinen Robot-Wagen natürlich noch nicht. Bevor es dazu kommt, will es das Gefährt noch diversen Tests unterziehen. Fakt ist aber, dass Google-Auto noch nicht fertig entwickelt ist. Die Liste der Dinge, die es noch nicht kann – zur Verfügung gestellt von Chris Urmson, Leiter des Google Car-Teams –, ist noch lang.

Bislang haben die autonomen Fahrzeuge des Datenkonzerns mehr als eine Million Kilometer sicher zurückgelegt. „Das hat bei der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, alle technischen Probleme seien gelöst“, sagt Steven Shladover, Forscher am Institute of Transportation Studies der University of California in Berkeley. „Das ist aber schlicht nicht der Fall.“

Niemand weiß das besser als Urmson selbst. Er gibt sich jedoch optimistisch, dass die verbleibenden Probleme zu lösen sind und dass dies „schneller passiert, als die Leute glauben“.

Google hat allerdings selbst zu dem verbreiteten Irrglauben beigetragen, wenn es kundtut, die Autos könnten überall „dort fahren, wo Autos gesetzlich fahren dürfen.“ Das stimmt jedoch nur, wenn das Auto vorher gut präpariert wird, mit einer Karte der genauen Route, samt Auffahrten. Dazu müssen noch Daten aus Fahrten mit einem speziellen Sensorfahrzeug hinzugefügt werden, das Meter für Meter die Strecke genauer analysiert – ein weit größerer Aufwand als die Erstellung der Google Maps.

Die autonomen Autos können nicht mit jeder Lücke auf der internen Karte gleich gut umgehen. Wird irgendwo über Nacht eine neue Ampel aufgestellt, wüsste das Fahrzeug nicht, wie es damit umgehen soll. Auf Verkehr oder gewöhnliche Hindernisse, die nicht auf der Karte verzeichnet sind, reagiert es hingegen, indem es abbremst oder anhält.

Auch nicht verzeichnete Stoppschilder kann es inzwischen erkennen. Die Funktion wurde hinzugefügt, um mit Baustellen umgehen zu können. In komplexen Situationen wie einer nicht verzeichneten Kreuzung bremst das Auto stark ab und fährt besonders vorsichtig, um keine Fehler zu machen. Laut Google können die Fahrzeuge fast alle unvorhergesehenen Stoppschilder erkennen. Selbst wenn das Auto ein Schild übersehen sollte, sei die Sicherheit nicht gefährdet, weil es ständig nach Fußgängern, anderen Autos und sonstigen Hindernissen Ausschau hält.

Alberto Broggi, der an der Universität Parma selbstfahrende Systeme erforschrt, macht sich allerdings Sorgen darüber, wie ein Karten-abhängiges Auto wie das von Google reagiert, wenn sich die Route geändert hat.

Robotik-Forscher Michael Wagner von der Carnegie Mellon Universität rät Google zu Offenheit über die Fähigkeiten seiner autonomen Fahrzeuge. „Die Technologie ist noch ganz am Anfang, weshalb solche Fragen mehr als berechtigt sind“, sagt Wagner.

Bislang gibt es nur für einige tausend Kilometer vorbereitetes Kartenmaterial. Für die Vision von Google müssen hingegen Millionen von Straßenkilometern aufgezeichnet und immer wieder aktualisiert werden. Urmson sieht darin kein prinzipielles Problem. Trifft ein Auto auf ein unerwartetes Schild, setzt es eine Nachricht an das Google-Team ab, das das Kartenmaterial verwaltet.

Testfahrten im Schnee stehen noch aus. Aus Sicherheitsgründen verzichte man derzeit auch auf Fahrten während starker Regengüsse, sagt Urmson. Eine weitere Aufgabe, die noch ansteht: Einparken auf Parkplätzen oder in Parkhäusern.

Die eingebauten Kameras können Ampelfarben erkennen. Steht jedoch direkt hinter der Ampel die Sonne, tut sich die Kamera mit dem Gegenlicht noch schwer. Bei der Erkennung von Bauarbeitern auf der Straße hat es bereits Fortschritte gegeben. „Ich könnte das Fahrzeug mit bestimmten Baustellen-Anordungen immer noch verwirren“, gibt Urmson zu.

Fußgänger nimmt das Bordsystem noch als bewegliche, pfostenartige Schemen aus Pixeln wahr. Einen Polizisten am Straßenrand, der wild mit den Armen rudert, könnte das Fahrzeug noch nicht erkennen, so Urmson.

Ebensowenig kann es bei Hindernissen auf der Fahrbahn ausmachen, ob es sich um einen Stein oder zerknülltes Papier handelt. In beiden Fällen würde das Google-Auto drumherum fahren. Auch Schlaglöcher oder Gullylöcher, an denen kein Warnkegel steht, sind in der Welt der Google-Fahrzeuge noch keine bekannte Kategorie. Bisher sind die Forscher einfach noch nicht dazu gekommen, sich auch mit diesen ungelösten Problemen zu beschäftigen.

Die werden jedoch immer drängender. Was würde passieren, wenn ein autonomes Auto mit der derzeitigen Sensorik plötzlich nach links in eine Schnellstraße mit entgegenkommenden Verkehr abbiegt, fragt sich etwa John Leonard vom MIT. Urmson lässt sich von solchen Szenarien nicht schrecken. Er hat sich eine persönliche Deadline gesetzt, um die Probleme gelöst zu haben – nämlich dann, wenn sein Sohn 16 wird und einen Führerschein haben kann. Sein Sohn ist jetzt elf. Fünf Jahre hat Urmson also noch Zeit. (nbo)