Neues Lebensgefühl

Italien der 50er-Jahre: Manche denken an Caprifischer, andere an Sophia Loren und nicht wenige an die Vespa. Der Kultroller hat es trotz schneller Autos immerhin bis in die heutige Zeit geschafft.

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Von
  • Diane Sieger
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Am Anfang stand das Ende eines Krieges. 1946 begann die Serienproduktion der Vespa, in Auftrag gegeben von Enrico Piaggio. Der Italiener hatte bis dahin Kriegsflugzeuge konstruiert, mit dem Bau eines Motorrollers setzte er auf eine neue Geldeinnahmequelle. Zuvor hatte er mit dem Vorgänger der Vespa, der MP5 Paperino, experimentiert. Doch Piaggio war nicht zufrieden mit dem Modell Paperino, dessen Name die italienische Bezeichnung für Donald Duck ist, und ließ nur etwa 100 Fahrzeuge dieses Typs bauen. Nachzulesen gibt es diese Infos bei austrovespa, wo fast jedes erhältliche Modell – vom Paperino bis zu den Sondermodellen Ferrari im Jahre 2001 und Trafeli 2003 – nahezu lückenlos mit Bildern und historischen Fakten versehen dargestellt ist.

Ein enormer Vorteil der ursprünglichen Vespa war, dass viele Einzelteile bereits aus dem Flugzeugbau vorhanden waren. Und so bestanden die ersten Modelle aus Materialien, die in den ehemaligen Piaggio-Flugzeugwerkshallen zu finden waren: Reifen, Motorenteile und Metalle wurden wiederverwendet. Und da Ingenieur Corradino D’Ascanio kein großer Fan von Motorrädern war, entwarf er ein Zweirad, das keine der von ihm gehassten Eigenschaften wie ölige Ketten und offenliegende Motoren aufwies. Der Discovery Channel hat diese Informationen für eine Dokumentation zusammengetragen, die es im Vespa-Blog auf YouTube zu sehen gibt .

Nicht nur der Motorroller selbst schaffte es regelmäßig, Aufsehen zu erregen, auch begleitende Werbung und Merchandising-Produkte brachten den Scooter immer wieder in aller Munde. Vespas Werbung war schon von Anbeginn an mutig. Zunächst strich man hauptsächlich die Vorteile des Motorscooters gegenüber dem Automobil heraus, doch schon bald bediente man sich attraktiver junger Damen als „Werbemittel“.

Mal ging es um fesche Anhalterinnen, die sich nicht von schicken Autos beeindrucken ließen, sondern nur auf dem Soziussitz einer Vespa mitreisen wollten . Ein anderes Mal wurde der „Double Fun“ zwischen Arbeit und Freizeit mithilfe reizender Zwillinge verbildlicht. Für den spanischen Markt gab es einen skurrilen Clip, in dem eine leicht bekleidete Tanztruppe singend für die Vespa warb.

Während Frauen auf Vespa-Werbeplakaten und Kalenderblättern zunächst ausschließlich als hübsches Beiwerk gedient hatten, sah man sie später auch als Käuferinnen und Fahrerinnen dargestellt. Schön zeigt das Flickr-Set „Pin-up Girls“ diese Entwicklung.

Auch hierzulande wurde die Vespa schnell zum Verkaufsschlager. Wie sich die Geschichte des Kultrollers aus deutscher Sicht darstellt, kann man dem Artikel „Vespa – Kult auf zwei Rädern“ im Kingsize Pictures Blog entnehmen. Das Blogprojekt bestand zwar leider nur für drei Monate im Jahr 2009, der Vespa-Eintrag ist jedoch ein echtes Highlight. Er geht unter anderem darauf ein, wie viele D-Mark der willige Käufer ursprünglich zu berappen hatte, um in den Besitz einer Vespa zu kommen, und mit welchen Tipps und Tricks die Zubehörhersteller Rollerfahrer davon überzeugten, ihr Gefährt aufzupeppen. Guter Text und passende Bebilderung machen den Artikel absolut lesenswert.

Auch heute noch gilt die Vespa als Kultobjekt. Im letzten Jahr widmete Der Spiegel dem Zweirad einen Artikel zur Feier des 60-jährigen Bestehens des Hamburger Vespa-Clubs. In diesem Bericht kommen einige hartgesottene Rollerfahrer zu Wort, die auf dem Jubiläumstreffen des Clubs anwesend waren. Unter anderem wird darüber diskutiert, ob ein echter Rollerfahrer sich mit der Vespa auf den Weg nach Italien macht oder doch das Auto als Fortbewegungsmittel bevorzugt. Eine spannende Frage, an der sich die Geister scheiden; nachzulesen im Spiegel-Archiv.

Nicht nur Printmedien berichten regelmäßig über die Vespa, im Radio spricht man ebenfalls immer wieder über den Kultroller. Zuletzt anlässlich des Vespa-Geburtstags am 23. April – die WDR-Radiosendung ZeitZeichen widmete dem Scooter eine Sendung, die als Podcast zur Verfügung steht.

Wer eine Übersicht über alle Vespa-Modelle sieht, wundert sich sicherlich, warum die Auflistungen oft Mitte der 1980er- oder Anfang der 90er-Jahre enden. Die Antwort darauf lautet, dass für viele Fans die heutzutage produzierten Fahrzeuge nicht mehr viel mit der ursprünglichen Vespa gemein haben. Die Herstellung erfolgt schon lang nicht mehr in Europa, viele Einzelteile bestehen nun aus Plastik statt aus Metall, und der Kultstatus rankt sich eher um die älteren Gefährte, deren Besitzer sie mit Liebe hegen und restaurieren.

Bei vielen Modellen handelt es sich sogar nicht einmal mehr um echte Piaggios, denn der Erfolg der Marke Vespa hat eine Vielzahl mehr oder weniger ähnlicher Nachbauten oder sogenannter Vespa-Clones auf den Plan gerufen. Der international bekannteste Anbieter moderner Vespa-Nachbauten ist die indische Firma LML. Sie gehört zum Piaggio-Konzern und stellt Roller in klassischen Vespa-Designs her, die in Deutschland über verschiedene spezialisierte Rollerläden erhältlich sind. Mit der Belladonna RV 150 vertreibt LML ein Modell mehr oder weniger exklusiv für den neuseeländischen Markt. Das Modell ist ein Schwesterprodukt des Rollers Stella, den LML in den USA anbietet.

Als Import aus Frankreich ist die Neco Italia erhältlich, die dem klassischen Vespa-Design ähnlich sieht. Die zwei angebotenen Modelle sind in China gefertigte Automatikroller. Bei Mod Vespa findet man Informationen zu einem weiteren indischen Hersteller namens Bajaj. Dieser hatte in den frühen 1970er-Jahren eine Lizenz zum Bau von Rollern im Vespa-Design, die heutigen Modelle sind jedoch optisch immer noch sehr an die Formen der klassischen Vespa-Roller angelehnt. Auch Russland hatte seine Vespa-Clones, die unter der Marke Vyatka vertrieben wurden.

Nicht jeder Vespa-Fahrer nutzt sein Gefährt für gemütliche Fahrten durch den Innenstadtverkehr, manch einer reitet sein Baby auch auf einer längeren Tour. Beispielsweise Christian und Jan, die 2003 auf ihren Zweirädern von Hamburg nach Kapstadt gereist sind.

Zum Abschluss der Hinweis auf eine sehenswerte Dokumentation. Wer eine halbe Stunde Zeit investieren kann, sollte sich auf jeden Fall „Vespa: ein Lebensgefühl“ anschauen. Von Guiseppe Stefanelli, Vespa-Enthusiast und ehemaliger Mitarbeiter in den Piaggio-Werkshallen, erfährt man zunächst Interessantes aus den Anfängen des Kultrollers. Später erhält man Einblicke in die heutige Produktion in Europa und Asien. Schließlich erzählt Christa Solbach, seit über 20 Jahren Präsidentin des internationalen Vespa-Clubs, aus ihrem durch Vespa geprägtem Leben. Die Reportage, deren Erstausstrahlung 2005 auf 3sat erfolgte, findet man bei Google Videos.

Motorroller Info
Bericht und Infos rund um den Motorroller.
Zugeschickt von: Ralf Beelitz

Vespa Forum
Wohl das grösste Vespa Forum in Deutschland welches sich mit den klassischen Blechrollern beschäftigt.
Zugeschickt von: Mark Breyer (ka)