Neurotechnologie: Brille leitet Bilder für Blinde direkt ins Gehirn

Spanische Forscher lassen Blinde wieder Umrisse erkennen. Sie leiten Bilder über ein Implantat direkt ins Gehirn – unter Umgehung von Augen und Sehnerv.

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Die blinde Bernardeta Gómez trägt eine Kamerabrille, die Bilder direkt in ihr Gehirn überträgt.

(Bild: Russ Juskalian)

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Bernardeta Gómez zeigt auf eine große schwarze Linie, die über ein weißes Blatt Pappe verläuft. „Dort“, sagt sie. Für eine 57-Jährige ist das zunächst einmal keine beeindruckende Leistung. Aber die Spanierin ist blind, und das schon seit über einem Jahrzehnt. Als sie 42 Jahre alt war, zerstörte eine toxische Optikusneuropathie die Nervenbahnen, die Gómez’ Augen mit ihrem Gehirn verbinden. Normalerweise ist sie nicht einmal in der Lage, Licht zu erkennen.

Nun sitzt sie im Labor für Neurotechnik an der Universität Miguel Hernández in Elche. Sie trägt eine Brille mit einer winzigen Kamera im Bügel. Das Gerät ist an einen Computer angeschlossen, der ein Live-Video-Feed verarbeitet und in elektronische Signale umwandelt. Ein von der Decke hängendes Kabel verbindet das System mit einem Port, der aus Gómez Hinterkopf ragt. Er ist mit einem 100-Elektroden-Implantat in der Sehrinde im hinteren Teil ihres Gehirns verbunden. Sie erkennt damit eine sehr gering aufgelöste Welt aus glühenden weiß-gelben Punkten und Formen. Damit identifiziert Gómez Deckenleuchten, Buchstaben, auf Papier gedruckte Grundformen und Personen. Sie kann sogar ein einfaches Pac-Man-ähnliches Computer-Game spielen. Vier Tage in der Woche führt ihr sehender Ehemann sie in das Labor, dort schließen die Forscher sie an das System an.

Als Gómez Ende 2018 zum ersten Mal wieder sehen konnte, war das der Höhepunkt jahrzehntelanger Forschung von Eduardo Fernández, dem Leiter der Neurotechnik-Forschungsgruppe. Sein Ziel: Er möchte möglichst vielen der 36 Millionen blinden Menschen weltweit das Augenlicht zurückzugeben. Dabei umgeht er sowohl die Augen als auch die Sehnerven.

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