New York hilft Opfern von Stalkerware

Der Forscher Sam Havron sieht Bedarf für einen ­spezialisierten Beratungsdienst für ­Opfer von digitalem Stalking – und schafft Abhilfe.

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Sam Havron und seine Kollegen von der Cornell Tech haben ein Open-Source-Programm entwickelt, das nach Stalking-Apps und -Eingriffen scannt.

(Bild: Cornell University)

Von
  • Patrick Howell O'Neill

Missbrauch soll endlich mit den Waffen des 21. Jahrhunderts bekämpft werden: In einer Pilotstudie haben Forscher der Cornell Tech und der New York University gemeinsam mit dem "Büro zum Beenden von häuslicher und sexueller Gewalt" (ENDGBV) des New Yorker Bürgermeisters einen Beratungsdienst für klinische Computersicherheit entwickelt. Er soll Opfern von digitalem Stalking helfen. Das Büro betreibt in Big Apple fünf "Family Justice Center", die zum Beispiel Rechtsberatung bieten und bei der Jobsuche unterstützen, wenn Opfer häuslichem Missbrauch entfliehen wollen.

Missbrauch beschränkt sich längst nicht mehr auf physische und psychische Gewalt. Täter verfolgen ihre Opfer auch über Programme wie Facebook Messenger oder Apple Maps und spionieren sie mit sogenannten Stalkerware-Apps und Amazon Alexa aus. Heutzutage sind Hunderte von Apps auf dem Markt, mit denen Stalker den Aufenthaltsort eines Opfers verfolgen, heimlich Sprachnachrichten aufzeichnen, Textnachrichten stehlen oder andere illegale Überwachungsmaßnahmen ergreifen können. Dieses digitale Stalking mündet später oft in physischer Gewalt bis hin zum Mord. Täter drohen ihren Opfern zum Beispiel nicht selten mit körperlicher Gewalt, wenn sie offensichtlich Passwörter ändern, um ihre Privatsphäre wiederherzustellen.

Betroffene könnten sich nur schwer wehren, da sie sich oft nicht mit Computersicherheit und Datenschutz auskennen, sagte Sam Havron von Cornell Tech Mitte August auf dem USENIX-Sicherheitssymposium im kalifornischen Santa Clara. Existierende technische Kunden- und Sozialdienste könnten keine adäquate Hilfe leisten. Datenschutzeinstellungen in vielen Apps sind schwer zugänglich und können selbst für Cybersicherheitsexperten schwer verständlich sein.

Deshalb plädiert Havron für einen neuen Beratungsdienst mit speziell ausgebildeten Experten. "Ähnlich wie Menschen bei Gesundheitsproblemen zum Arzt, bei rechtlichem Ärger zum Rechtsanwalt und bei komplizierten Steuerangelegenheiten zum Steuerberater gehen, sollten sich auch Opfer von gefährlichen digitalen Angriffen an Experten wenden können", schreibt Havron gemeinsam mit Kollegen von der New York University in einem Konferenzbeitrag mit dem Titel "Klinische Computersicherheit für Opfer von Gewalt gegen Intimpartner" (pdf-Download), der die Studienergebnisse vorstellt.

Die Wissenschaftler befragten 44 Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt, welche technische Hilfe sie benötigen. Darüber hinaus zogen sie neben dem ENDGBV weitere Experten für Partnergewalt wie Sozialarbeiter, Polizisten, Rechtsanwälte und Psychologen hinzu.

Die Forscher entwickelten ein frei verfügbares Open-Source-Programm namens ISDi (Intimate Partner Violence Spyware Discovery), das nach Stalking-Apps und -Eingriffen scannt. Auf den Mobilgeräten von 23 der 44 befragten Betroffenen fanden die Forscher Spyware, Missbrauch von Nutzerkonten und Fehlkonfigurationen, die von Stalkern eingerichtet wurden oder sich von ihnen nutzen lassen.

Die App hilft allerdings nicht, wenn die Täter indirekt eingreifen: Das geschieht insbesondere, wenn Täter und Opfer sozial in Beziehung stehen. Dann können sie beispielsweise mit dem Tablet der gemeinsamen Kinder den Aufenthaltsort ihres Opfers, ihre E-Mails und Fotos oder ihre Präsenz in sozialen Medien einsehen. In solchen Fällen machten die Fachleute auf problematische Privatsphären-Einstellungen aufmerksam oder auf Gewohnheiten wie etwa sich seine neuen Passwörter selbst per E-Mail zu senden. "Es wäre naiv zu glauben, dass technische Verbesserungen den digitalen Missbrauch allein verringern können. Wir brauchen auch soziotechnologische Interventionen", schreiben die Forscher.

Die New Yorker Family Justice Center hätten bereits positive und hilfreiche Ergebnisse aus der Feldstudie gemeldet. Die Nachfrage nach der Anti-Stalking-Beratung steigt. Die Forschungsteams erhielten kürzlich von der National Science Foundation ein Stipendium in Höhe von 1,2 Millionen Dollar, um ihr Projekt fortzusetzen.

(bsc)