New York rettet Kernkraft

Viele Betreiber von Atomkraftwerken in den USA wollen ihre Anlagen schließen, weil sie preislich nicht mehr mit Gaskraftwerken konkurrieren können. Im Bundesstaat New York soll das jetzt mit Subventionen verhindert werden.

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Von
  • Richard Martin

Unterstützt von Gouverneur Andrew Cuomo hat die Public Service Commission von New York einen bahnbrechenden Clean Energy Standard in Kraft gesetzt, nach dem die angeschlagenen Atomkraftwerke in dem Bundesstaat mit Subventionen von mehreren Milliarden Dollar gestärkt werden sollen. Dies ist der bislang bedeutendste Schritt eines US-Bundesstaats zur Rettung der Anbieter von Kernkraft, die unter der Konkurrenz durch billigeren Strom aus Gaskraftwerken leiden.

Nach dem neuen Plan werden Stromkunden den Betrieb von drei der vier Kernkraftwerke in New York bis 2029 mit durchschnittlich rund einer halben Milliarde Dollar pro Jahr und insgesamt bis zu 7,6 Milliarden Dollar subventionieren. Außerdem sieht er vor, bis 2030 die Kohlendioxidemissionen um 40 Prozent zu verringern und die Hälfte des Strombedarfs im Bundesstaat aus erneuerbaren Quellen zu beziehen.

Die Betreiber der Kernkraftwerke hatten öffentlich angekündigt, sie stillzulegen, wenn die Aufsichtsbehörden keine öffentliche Finanzierung bereitstellen. Entergy, Eigentümer des Kraftwerks James A. FitzPatrick am Ufer des Lake Ontario, wollte diesen Schritt schon Anfang 2017 vollziehen. Exelon, Besitzer der Kraftwerke R.E. Ginna und Nine Mile Point, teilte mit, die Anlagen ohne staatliche Unterstützung in den nächsten Jahren zu schließen.

Bei einer Konferenz über die Zukunft der Atomkraft in diesem Mai kamen Experten zu dem Schluss, dass im Lauf des nächsten Jahrzehnts bis zu 20 Kernkraftwerke in den USA stillgelegt werden könnten und dass dies zu einem drastischen Anstieg der Treibhausgasemissionen führen würde.

In den letzten Jahren ist der Streit um die Zukunft der Kernkraft in den USA eskaliert. Fünf Kraftwerke wurden außer Betrieb genommen, obwohl sie ihre geplante Lebensdauer noch nicht erreicht hatten, und Betreiber kündigten die Schließung von mindestens sieben weiteren an.

Kernkraft macht fast 20 Prozent der Stromversorgung in den USA und 63 Prozent des kohlendioxidfreien Stroms im Land aus. Kernkraftgegner wie die Union of Concerned Scientists und der Sierra Club behaupten, dass sich sowohl fossile als auch Atomkraftwerke vollständig durch erneuerbare Quellen ersetzen lassen, hauptsächlich durch Windkraft und Photovoltaik.

Kernkraftbefürworter dagegen argumentieren, stillgelegte Kernkraftwerke würden meist durch Gaskraftwerke ersetzt. Die Kohlendioxidemissionen in Kalifornien zum Beispiel sind nach der Schließung des Kraftwerks San Onofre im Juni 2013 um fast 11 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen; dies hat das Breakthrough Institute ermittelt, eine Forschungsorganisation in San Francisco, die sich für Atomkraft als Mittel gegen den Klimawandel einsetzt. Pacific Gas & Electric, der größte Versorger des Bundesstaats, will mit Diablo Canyon auch das letzte Atomkraftwerk in Kalifornien schließen, wenn seine aktuellen Betriebsgenehmigungen 2024 und 2025 auslaufen und es keine staatliche Unterstützung gibt.

Der New Yorker Clean Energy Standard baue „eine Brücke, um Kernkraftwerke für ihre kohlendioxidfreie Produktion zu bezahlen“, sagte Audrey Zibelman, Vorsitzender der Public Service Commission, vor der Verabschiedung. „Auf diese Weise können wir unser Mandat bei erneuerbaren Energien und Kohlendioxid-Reduktion kostengünstig und realistisch absichern.“

Zugleich könnte das Programm zum Vorbild für andere Bundesstaaten der USA werden. Im Grunde bietet New York jetzt Gutschriften für Produzenten von Strom ohne Kohlendioxidemissionen, ob aus Kernkraft-, Wind- oder Solaranlagen. In einem Bericht aus diesem Jahr empfahl das Breakthrough Institute, aus den auf Wind und Solar ausgerichteten Renewable Portfolio Standards des Bundesstaats “Low-Carbon Portfolio Standards“ zu machen, die auch Kernkraft unterstützen.

Ein solches Programm würde laut dem Institut dafür sorgen, dass „verfrühte Stilllegungen von bestehenden Kernkraftwerken die Vorteile des anhaltenden Baus von Wind- und Solaranlagen für saubere Energie und Kohlendioxid kurzfristig nicht ganz oder teilweise zunichte machen und dass langfristig die Installation von Stromerzeugungskapazität mit geringer Kohlendioxid-Intensität deutlich zunimmt.“ Der New Yorker Plan bedeutet eine geschätzte Belastung von 2 Dollar pro Stromkunde und Monat – fast ein Schnäppchenpreis zur Erreichung dieses Ziels.

(sma)