Nichtmehrimbetriebssystem: Was wurde aus Windows Automotive?

Wenige Autofahrer wissen es: Microsoft verkaufte eine Zeitlang eine Automotive-Version von Windows für den Einsatz in Infotainment-Systemen. Eine Ausgrabung

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 240 Beiträge

"Powered by Microsoft" stand auf Fords Sync-System. Man konnte sich das jedoch nach kurzer Benutzung schon denken ...

(Bild: Ford)

Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

"Was wurde eigentlich aus Windows Automotive?" Diese Frage stellte sich im Rahmen der Recherche zu Infotainment-Betriebssystemen in Autos. Sie erwies sich als erstaunlich schwierig zu beantworten für jemanden, der damals das Kommen und Gehen dieses Betriebssystems nicht live mitbekommen hat. Die Fossilienfunde deuten auf einen Clusterfuck erster Güte und oberster Größenordnung hin.

Was Microsoft mit einem Betriebssystem für die KFZ-Mittelkonsole vorhatte, war wohl schon damals selbst in Redmond niemandem wirklich klar. Es begann mit dem Projekt "Auto PC". Der Auto PC sollte in einer Linie mit dem "Handheld PC" und dem "Palm PC" stehen, frühe Vorfahren heutiger Smartphones mit hakeliger Stiftbedienung und regelmäßigen Abstürzen alle 30 CPU-Minuten. Auf all diesen Geräten lief Windows CE, ein Embedded-Betriebssystem, bei dem nicht einmal definiert war, was "CE" nun konkret heißen soll. Man kann sich einfach selber etwas Passendes vorstellen. "Windows Clusterfuck Ebola" oder so.

Als Embedded-BS war Windows CE nie besonders beliebt. Für Hardcore-Anwendungen in der Industrie fehlte eine vernünftige Echtzeit-Fähigkeit; für die Verwendung in Fahrkartenautomaten (oder einem "Pocket PC") fehlte Stabilität und Benutzerfreundlichkeit. Mit ein Grund, warum Pocket PCs sofort nach Erscheinen des ersten iPhones 2007 ins kollektive Vergessen fielen, war der Umstand, dass iOS fast alle Rechenzeit ins User Interface investierte und obendrein vergleichsweise stabil lief. Ein Infotainment-System braucht kein Echtzeit-Betriebssystem, Nutzerfreundlichkeit ist optional, doch Stabilität braucht es unbedingt. Microsofts Automotive-Zweig startete also schon mit undichten Reifenventilen ohne Ersatzrad. Was ihm an Stabilität und Einsatzeignung fehlte, glich er mit Namensquantität aus.

Von "Microsoft Auto PC" über "Windows CE for Automotive", "Windows Automotive", "Microsoft Auto" bis zu "Windows Embedded Automotive" vergingen gut zehn Jahre. Mir fällt ad hoc kein Betriebssystem ein, das öfter neue Kaiserkleider erhielt. Mit "Windows Embedded 8 Automotive" schubste Microsoft noch die Versionsnummer an eine andere Position, bevor dieses letzte Aufbäumen eingestellt wurde, bevor es überhaupt ausgeliefert wurde – vielleicht zum Glück. Gehen wir davon aus, dass Microsoft und die Autohersteller das Produkt inkrementell verbesserten. Doch die Zyklenzeiten der Automobilindustrie sind so lang, dass Probleme sehr lange herumfahren. Vor allem die Instabilität war dem System nicht vollends auszutreiben, sodass sie Kunden auf die Nerven fiel. Dazu kam eine vergleichsweise schlechte Performance und eine zu eingeschränkte Hardware-Auswahl.

Heute möchte Microsoft nicht über "Windows Automotive" sprechen, unter welchem Namen ich hier einmal alle seine Namensvarianten zusammenfassen möchte, um Verwirrung zu minimieren. Die Presseabteilung verweist auf den neuen, glitzernden Automotive-Bereich, der zur hauseigenen Cloud-Lösung Azure gehört: Seht! Selbst die Volkswagen AG benutzt unsere Produkte in ihrer Auto-Cloud! Dass Volkswagen mit Windows Automotive experimentierte und am Ende das tat, was Ford sich später wünschte, es getan zu haben (nämlich schreiend wegrennen), das erzählt Microsoft nicht. Microsoft sagte selbst nach mehrmaligem Nachbohren, Betteln, Insistieren einfach gar nichts mehr dazu. Microsofts Infotainment-Betriebssystem und die zugehörige Software-Plattform gibt es nicht mehr – Gründe unbekannt, aber vermutbar.