Nützes Gedöns (VII.) #heiseonline25: Wir sind die besten…

…darin, sich nicht zu überschätzen – sagt Andreas Wilkens, seit fast 20 Jahren im Newsroom.

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Wahlspruchstein bei Achim bei Bremen: Mach', was Du willst, die Leute reden doch.

(Bild: heise online / anw)

Von
  • Andreas Wilkens

Zwei Fragen begleiteten meinen Anfang im Newsticker von heise online vor knapp 20 Jahren: "Hier willst Du arbeiten?" und "Wo willst Du denn jetzt noch abschreiben?" Die erste formulierte meine Lebensgefährtin, nachdem sie mich an einem sehr heißen Sommertag 2001 am Firmengelände des Heise-Verlags abgesetzt hatte. Sie wollte mich nicht ins Gebäude begleiten, sondern draußen warten. "Das kannst Du allein." Nachdem ich meine Bewerbungsgespräche mit Jürgen Kuri und Christian Persson überstanden hatte, erzählte sie mir mit ästethizistisch-kritischen gehobenen Augenbrauen, einen Mann in kurzer Hose und Socken in den Sandalen das Haus verlassen gesehen zu haben. Die zweite Frage kam auf, als ich meinen bisherigen Arbeitgebern, einem kleinen Presse- und PR-Büro im Rhein-Main-Gebiet, offenbarte, dass ich nach Hannover wechseln würde.

So viel zur Vorgeschichte meines Rückblicks von vor fünf Jahren, der von einer Currywurst und viel Staub geprägt war. Für meinen vorigen Arbeitgeber hatte ich zwei Jahre lang auch schon viel zu Computerthemen geschrieben, aber auch über allgemeine Dinge. heise online war damals eine unserer wichtigsten Quellen. Daraus direkt abgeschrieben hatten wir natürlich nicht, aber der Newsticker bot uns ein weites Einfallstor in die Aktualitäten, und nicht selten bezogen wir uns namentlich auf ihn.

Dort, in dem kleinen Pressebüro in Ginsheim, schrieben wir allerlei Buntes für Stern online, die Berliner Zeitung, die Mainzer Rhein-Zeitung und anderes. Einen großen US-amerikanischen Online-Anbieter versorgten wir mit Nachrichten aus dem Computerbereich, Shareware-Tipps und Workshops. Die Reaktionen der Leser bekamen wir nicht mit, Maßgaben und Kritik für und an unserer Arbeit kamen per E-Mail aus der Hamburger Niederlassung der Amerikaner.

Vor meinem ersten Arbeitstag in Hannover hatten mir Kollegen das Kürzel "anw" verpasst, da "aw" bereits vergeben war. So könnte ich mich als "ANWender" als Gegenpol zum c't-Kollegen Ingo Storm mit seinem Kürzel sehen. Für heise sollte ich nur noch aus der Welt der Informationstechnik berichten. Für meine Lebensgefährtin symbolisiert durch den Mann mit den kurzen Hosen und den Sandalen, und mir selbst war das auch nicht geheuer, aber aus anderen Gründen.

25 Jahre heise online

Eigentlich ist es ja schon 27 Jahre her, dass heise online mit ix.de startete. Redakteure von iX hatten den ersten Web-Server des Verlags auf dem Redaktions-Server installiert und zeigten ihn auf dem CeBIT-Messestand. Am 17. April vor 25 Jahren aber ging es auf heise online mit Newsticker und einer ersten, noch recht rudimentären News-Meldung so richtig los. Gleichzeitig wurde mit www.heise.de ein gemeinsames Dach für alle Magazine des Verlags geschaffen.

Wenn uns auch viele Themen bereits der ersten Tage auf heise online immer wieder beschäftigten, so hat sich mittlerweile das Universum von heise online, was Meldungen, Themenspektrum und Angebote angeht, stark ausgedehnt. Bis hin zu neuen Video- und Podcast-Formaten und dem Abo-Angebot heise+ für alle Artikel aus den Magazinen von heise Medien und exklusive Hintergrund- und Know-how-Artikel.

Zum Jubiläum starten wir eine Reihe von Artikeln und Aktionen, die die Geschichte von heise online (und der Foren) beleuchten und Einblicke in hard- und softwaretechnische Hintergründe sowie die Arbeit der Redaktion ermöglichen. Nicht zu vergessen das eine oder andere Quiz zu wichtigen Geschehnissen und Meilensteinen, und[ [...], und ... – leider angesichts der Corona-Pandemie im Unterschied zum 20-Jahre-Jubiläum dieses Mal ohne User-Party. Zur Erinnerung bietet sich die Spotify-Playlist für die Party an.

Jedenfalls: Es wird auch aus Anlass des 25-Jährigen einiges los sein. Stay tuned!

Während meiner Zeit des Kulturwissenschaftsstudiums in den 1980-er Jahren hatte mir mein Professor und Mentor Franz Dröge eine c't vorgelegt, die er abonniert hatte. Ich weiß nicht mehr, worum es konkret ging, aber ich sollte ihm erläutern, wie er anhand eines Artikels in dem Computermagazin ein verflixtes Problem lösen könne, das ihn schon länger plagte. Ich sollte ihm die Fachsprache in eine ihm, dem gestandenen Soziologen, geläufige übersetzen. Damals hätte ich nie und nimmer gedacht, jemals für diesen Verlag zu arbeiten.

Einige Tendenzen, die bis 2016 zum 20-jährigen Newsticker-Jubiläum bereits aufgekommen waren und die ich seinerzeit anriss, haben sich weiter verstärkt. Deutlich wird das an zwei Ereignissen, die meine bisherige und derzeitige Tätigkeit einrahmen.

Am Anfang stand der 11. September 2001, der den endgültigen Abschied von der Illusion markiert, die Welt könne nach dem Kalten Krieg endlich einen warmen Frieden finden. Die USA voran, und mit ihr viele andere Länder nutzten die bis dahin entwickelte Technik verstärkt, um ihre Überwachungsmöglichkeiten auszuweiten, und sie zogen in weitere Kriege. Das Thema werde ich in einem Missing Link im kommenden September behandeln.

Die aktuell grassierende Coronavirus-Pandemie ist die erste in der Weltgeschichte oder in der Geschichte der Welten, über die den Menschen derart viele Informationen zugänglich sind. Eine große Zahl an Berichten über wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Vorgänge rund um die Pandemie, von der Erfassung der Infizierten und Gestorbenen bis hin zur Entwicklung des Impfstoffs und seiner Verteilung stehen theoretisch allen Menschen bereit. Einzig scheint China nicht willens, auf der Suche nach dem Ursprung von SARS-CoV-2 helfen zu wollen.

In den 20 Jahren dazwischen entwickelte sich die Informationstechnik zu einem Thema, für das sich zunehmend die Allgemeinheit interessiert. Anfangs hatten nur wenige Menschen einen Computer, geschweige denn einen Internetzugang oder ein mobiles Telefon. Heute ist Informationstechnik in vielen privaten Händen als Tablet, Notebook und vor allem Smartphone präsent.

Ihre immer einfachere, nicht mehr nur Experten vorbehaltene Nutzung und die zunehmende Verbreitung von Internetzugängen auch in privaten Haushalten machte die Partizipation von immer mehr Menschen am öffentlichen Diskurs möglich, dementsprechend waren Computer, Internet und mobile Geräte mit der Zeit nicht mehr vorwiegend Fachpublikationen wie der c't und heise online vorbehalten, diese Themen wurden zunehmend in allgemeinpopulären Tageszeitungen und in Zeitschriften behandelt. heise online war einmal nach Zugriffszahlen gerechnet gleich auf mit Spiegel online; da inzwischen auch "Nichtexperten" im Internet unterwegs sind, werden im Netz auch nicht mehr vor allem spezielle technische Themen gesucht.

Gleichzeitig verlagerte sich die Berichterstattung in Newsticker vom eher rein Technischen hin zu den Randbereichen. Im Vordergrund stand dabei nicht mehr die Technik als Problemlöser für die Verbraucherinnen und Verbraucher, die Arbeitswelt und die Unternehmen, sondern zum Beispiel als Problemlöser für Regierungen und Geheimdienste. Informationstechnik durchdringt immer mehr Lebensbereiche, so werden Autos gerne auch mal als "fahrbare Smartphones" bezeichnet. Einen "Mobil-Channel" hat heise online schon lange nicht mehr, denn heute sind die meisten Computer mobil. Datenschutz geht alle an, die sich in sozialen Netzwerken tummeln – und das sollen Milliarden sein. Auf der anderen Seite kräht kaum noch ein Hahn, wenn ein Museum seine Bilder ins Internet stellt.

Der Newsticker von heise online pflegte einen weiteren Betrachtungswinkel nicht erst nach dem 11. September 2001, er ist ein Mitbringsel der c't, die schon immer kritisch und unabhängig berichtet hatte, und wurde für die Online-Berichterstattung modifiziert und ausgeweitet. Systemtheoretisch gesehen ging es darum, zwischen der Informationstechnik und anderen Systemen wie der Politik, Wirtschaft und Kultur neue Anschlussstellen einzurichten, gewissermaßen als Spiegelung dessen, wie die IT die Lebensbereiche durchdringt. Dabei werden Grenzerweiterungen des Themenspektrums nicht von einer fernen Filiale diktiert, sondern im Kollegium jeweils austariert. Machtwörter fallen selten von oben herunter.

Unterschieden sich Journalismus für Print und Online ursprünglich im wesentlichen lediglich dadurch, dass Print langlebiger und Online minutenaktuell sind, änderte sich das mit der zunehmenden Konkurrenz in einem ständig auf Aktualität bestrebten Medium. Neben einer für den Journalismus selbstverständlichen möglichst korrekten und vollständigen Berichterstattung bekam die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser einen höheren Stellenwert.

Ist die Zeitung oder die Zeitschrift wegen der Schlagzeilen auf der Titelseite erst einmal am Kiosk gekauft, müssen die einzelnen Artikel nicht mehr um die Augen der Leser buhlen. Den Redakteuren ergibt sich dadurch Spielraum für die Formulierung von Überschriften und Anrisstexten. Das ist im Internet anders, hier konkurriert jede einzelne News mit denen der Konkurrenz und – vor allem – Google selektiert und sortiert sie.

Nicht nur die Produktions- und Publikationsweise der Nachrichten änderte sich, auch die Rezeption und Interpretation aufseiten der Leserschaft. Die Printmedien, in deren Feuilletons beispielsweise solche Debatten wie vor 40 Jahren der Historikerstreit ausgetragen wurden, verloren nicht nur ihren Stellenwert als Diskursbühne, sondern auch als Garanten für qualitativ hochwertige Medien.

Die Printmedien konkurrieren nun nicht mehr nur am Kiosk miteinander, sondern auch im Internet darüber hinaus mit "User generated Content" in Weblogs, Foren und sozialen Netzwerken. Zudem werden heutige nachwachsende Generationen nicht mehr mit einer Zeitung aus Papier am Frühstückstisch groß, sie entnehmen ihre Informationen vor allem dem Internet; ihre Medienkompetenz ist anders geartet als die der vorigen Generationen. Die Effekte, die sich daraus für die Medien und für uns Journalisten ergeben, habe ich dieses Jahres bereits an anderer Stelle in zwei Missing Links beschrieben.

Zum Thema Journalismus im Internet

So wie ich mir während meines Studiums nicht vorstellen konnte, jemals als Redakteur im Heise-Verlag zu arbeiten, lag mir in den ersten Jahren dort der Gedanke fern, abseits der schnellen Nachrichten noch andere Beitragsformen schreiben zu können so wie jene für die Rubrik "Missing Link". Dabei gibt es abseits der Newsroll bereits seit dem Jahr 2000 Hal Fabers Wochenkolumne "Was war. Was wird.", die ich oft als Redakteur betreute. Mir steckte wohl noch länger der Respekt vor dem "größten Computermagazin Europas" in den Knochen und auch die große Anzahl der Page Impressions machte mich ehrfürchtig.

heise online machte eine Entwicklung durch vom Tante-Emma-Laden zu einem in "Channel" sortierten Anbieter schließlich zu einem Supermarkt. Er offeriert weiterhin Nachrichten, aber nun weniger nach Themen als für Interessengruppen und in Informationskanäle aufgefächert – und das neuerdings rund um die Uhr. Diese Evolution begleitete ich mit meiner persönlichen Entwicklung, die vor allem geprägt war von einigen Mitarbeitern:

Jürgen Kuri, der den Newsticker bis heute in der Hand hat, mir die Grundsätze der Arbeit dort vorlebte und nahebrachte und vor allem weite Blickwinkel fördert; der ehemalige Chefredakteur von c't und heise online Christian Persson, einer Autorität aus Kompetenz heraus. Geprägt haben mich aus literarischer Sicht journalistische Beiträge der verstorbenen Kollegen Michael Wilde und Dieter Brors. Dabei hatten mich auch immer Michael Wildes E-Mails beeindruckt, die über Mailverteiler hereinkamen, denn auch in ihnen verfasste er als Chief Technology Officer technische Anweisungen in einer äußert präzisen, jede Redundanz vermeidende, aber doch lebendigen Art.

Dankbar bin ich dafür, dass der Newsroom nicht nur gewachsen ist, sondern nun auch Frauen einen größeren Anteil einnehmen als vor 20 Jahren. Und so wie mir eine größere Erfahrung zugeschrieben wird, so profitiere ich von den Sichtweisen und Lebensauffassungen der jüngeren Kollegen, die seit ein paar Jahren den anfangs mit drei Mitarbeitern bestückten Newsroom beleben. So wie uns der Verlag die Gelegenheit gibt, die Lage der Welt mit kritischen Augen zu betrachten, kommen wir nie in die Verlegenheit, uns zu überschätzen: Denn die Welt bewegt sich immer weiter, jede Sekunde.

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(anw)