Corona in Ostasien: Aus Vorbildern werden Impfnachzügler

Japan, Südkorea und Taiwan haben die Pandemie relativ gut im Griff. Aber bei den Impfprogrammen hinken die Ostasiaten nun hinter Europa und den USA zurück.

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(Bild: kckate16 / Shutterstock.com)

Von
  • Martin Kölling

Alles Geld und die erfolgreiche erste Eindämmung der COVID-19-Pandemie helfen Ostasiens Vorbildern im Virenkampf in der entscheidenden Phase der Gegenmaßnahmen bislang wenig: Während die USA erfolgreich ihre Bevölkerung durchimpfen und sich Europa über vermeintliche Pannen in den Impfprogrammen aufregt, hat das Massenimpfen in Japan, Südkorea und Taiwan noch nicht einmal begonnen. Dabei haben die Länder eigentlich genügend Dosen für die Immunisierung ihrer Bevölkerungen bestellt.

In Japan landeten die ersten Impfdosen erst Ende Februar. Bisher hat das Land gerade genug Impfstoff erhalten, um Pflegekräfte zu impfen. Erst am 12. April werden Senioren in großem Maßstab ihren Schuss in den Arm erhalten. Südkorea hat ebenfalls erst vor 40 Tagen begonnen, aber bisher über eine Million Menschen geimpft, immerhin zwei Prozent der Bevölkerung. Das Vorbild der Corona-Bekämpfungsvorbilder – Taiwan –, das seit Monaten kaum neue Ansteckungen verzeichnet, steht noch schlechter da: Dort trafen die ersten Impfdosen erst im März ein.

Und ob Taiwan jemals den Impfstoff des amerikanisch-deutschen Duos Pfizer und Biontech erhalten wird, ist unwahrscheinlich – aus politisch-vertragsrechtlichen Gründen. Biontech und Taiwan hatten zwar bereits einen Vertrag unterschriftsreif verhandelt, erklärte im Februar Taiwans Gesundheitsminister Chen Shih-chung. Aber plötzlich soll Biontech die Unterzeichnung verschoben haben.

Chen sprach ominös vom Einfluss Dritter. In Taiwan kursiert daher prompt die Vermutung, dass sich Biontechs chinesischer Vertriebspartner Fosun Pharma quergelegt hat. Der hat nämlich ganz im Sinne der Regierung die Vertriebsrechte für "Greater China" erworben, wozu auch Taiwan gehört. China sieht Taiwan als Teil des Landes an. Konservative taiwanische Medien erklärten die Panne daher mit privatem Vertragsrecht. Taiwans Regierung müsse nun mal direkt mit Fosun verhandeln, so der Tenor. Die will das allerdings nicht tun. Denn China wird als Bedrohung angesehen, da Pekings Machthaber offen drohen, die Insel notfalls mit Gewalt heim ins Reich zu holen.

Aus globaler Sicht ließe sich loben, dass die asiatischen Länder erst mal den am schwersten durchseuchten Ländern den Vortritt lassen. Frei nach dem Motto: Wider den Impfstoffnationalismus. Nur ist der Spätstart weniger asiatischer Höflichkeit zu verdanken, sondern vielmehr ein Zeichen der Schwäche der ostasiatischen Pharmaindustrie – aber auch der strengen Zulassungsverfahren für Medikamente.

Japan genehmigte das erste Vakzin (von Pfizer/Biontech) im Februar. Das lag zum einen daran, dass die globalen Pharmakonzerne ihre klinischen Tests lieber dort durchführten, wo es auch die Aussicht auf Ansteckungen gab. In Japan, das bei seinen 126 Millionen Einwohnern mehr Infektionen zulässt als viele andere asiatische Länder, lagen die landesweiten täglichen Spitzenwerte selbst in der letzten Welle nur knapp über denen der weit kleineren Schweiz. Zum anderen bestanden die Gesundheitsbehörden auf eigenen Testverfahren.

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Genehmigungen für die Impfstoffe von AstraZeneca und Moderna werden so erst für Mai erwartet. Japans Pharmakonzerne haben immerhin damit begonnen, den AstraZeneca-Impfstoff vor Ort zu produzieren. Nur in Taiwan wird ein eigener Impfstoff entwickelt, der aber noch nicht alle Tests durchlaufen hat.

Taiwans Gesundheitsminister Chen Shih-chung, der auch Chef des Seuchenkontrollzentrums des Landes ist, erklärte jüngst, dass die von Medigen Vaccine Biologics und United Biomedical entwickelte Impfarznei wohl Ende Juni oder Anfang Juli genehmigt werden würde. Er sagte auch, dass Vakzine gegen COVID-19 zu den strategischen Mitteln der nationalen Sicherheit werden würden.

Daher will die Hightech-Insel, deren Chiphersteller die Auftragsfertigung von Halbleitern weltweit dominieren, Produktionskapazitäten für 20 Millionen Dosen pro Monat aufbauen, obwohl nur 23 Millionen Menschen auf der Insel leben. Die Regierung hat vor, sich als Impfstoffexporteur global Freunde zu machen, um die eigene Position gegenüber China zu stärken.

Die Bevölkerungen in Japan und Südkorea sind zwar unzufrieden mit ihren Regierungen, aber schlucken den Spätstart bisher ohne große Proteste. Das mag auch daran liegen, dass selbst Japaner und Südkoreaner in der diesjährigen Welle weit geringere Einschränkungen ihres Lebens hinnehmen mussten als etwa die Europäer.

In Japan waren sogar die Kaufhäuser und Schulen im letzten Corona-Notstand geöffnet. Auf Taiwan gibt es ohnehin keine großen Einschränkungen des Lebens, Arbeitens und Feierns. Aber auch in Ostasien drängt nun die Zeit. In Japan schwillt gerade eine vierte Welle an. Und Experten befürchten, dass sie durch die ansteckendere Mutation angetrieben wird, die zuerst in Großbritannien identifiziert wurde.

(bsc)