Panasonic entwickelt Roboter für die Seele

Der Traditionskonzern nutzt eine Crowdfunding-Plattform, um einen Heimroboter einzuführen. Kommt er an, könnte das kugelige Wesen breite Schichten erreichen.

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(Bild: Panasonic)

Von
  • Martin Kölling

Der japanische Technikkonzern Panasonic entwickelt schon lange Roboter. Bisher konzentrierte sich die Firma allerdings auf nutzwertige Geräte wie den Transport- und Kommunikationsroboter Hospi für Krankenhäuser oder Roboteranzüge für Logistikarbeiter. Nun testet das Traditionsunternehmen über die japanische Crowdfunding-Plattform Makuake den Einstieg in das Segment der maschinellen Lebensbegleiter: Gestatten, Nicobo, eine kleine Roboterkugel, die nicht viel kann.

Bei dem Roboter handelt es sich um ein oval-rundes Gerät im Strickkostüm, mit zwei kleinen LCD-Augen, einem Stummelschwanz und dem Kommunikationsvermögen eines Kleinkindes, das gerade etwas sprechen lernt. Oder wie Panasonic es in seiner Produktbeschreibung ausdrückt: "Nicobo ist ein 'schwacher Roboter', der im Schlaf spricht, pupst und wie ein Mitbewohner ist, der die Menschen zum Lächeln bringt."

Hinter dem "Dummbot" steckt ein großer Plan: "Wir haben Technologien identifiziert, die wir für die kommenden zehn Jahre als wichtig erachten", erklärte Takeshi Ando, der Chef von Panasonics Roboterentwicklung im Gespräch vor kurzem. Und Robotik im weiteren Sinne ist neben Energielösungen wie Batterien und Brennstoffzellen einer dieser Geschäftsbereiche, auf die Panasonic für seine Zukunft wettet.

Dabei gibt es bei Panasonic vier große Bereiche, die der Konzern mit Automatisierung und künstlicher Intelligenz aufwerten will: Autonomes Fahren, robotisierte Haushaltsgeräte (schon heute gleichen Klos und Klimaanlagen der Firma schon Robotern), Verbesserungen von Dienstleistungen durch die Automatisierung von Läden und Pflegeeinrichtungen und Lösungen für die Logistik, Ernte und verwandte Bereiche.

Panasonic versucht dabei, sein Wissen aus der Industrieroboterentwicklung auf weitere Arbeits- und Lebensbereiche auszudehnen. "Aber von nun an wird auch individuelles Glück wichtig, obwohl dieser Faktor nicht direkt mit Effizienzsteigerung verbunden ist", meint Ando. "Wir haben mit Automatisierung begonnen und entwickeln nun Augmentation".

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Unter dem Begriff versteht der Konzern in diesem Fall Produkte, die Gesundheit und die geistige Aufmerksamkeit von Individuen verstärken. Die Schlagworte sind Wohlbefinden, Glück, Erfüllung und Bereicherung des Lebens.

Sein Team hat schon kleine Eier getestet, die Fotos von der Familie machen und mit Kindern und Eltern kommunizieren können. "Der Punkt ist, wie wir die Kommunikation zwischen Menschen verbessern können", erklärt Ando die Stoßrichtung dieser Roboterfamilie. Und Nicobo ist nun eine Kopfgeburt seines Teams, der in sehr abstrakter Katzenform Mehrwert in Form "geistiger Bereicherung" und "neuen Formen des Glücks" in Zeiten der Pandemie bieten soll.

Damit versuchen die Japaner, zum einen das Problem von hochgezüchteten Humanoiden wie Softbanks Roboter Pepper zu umgehen, die hohe Erwartungen wecken, aber oft nicht erfüllen können. Zum anderen versuchen sie, ihre Produkte durch einfache Technik erschwinglich zu halten. Denn noch sind hochwertige Roboter mit ihrer empfindlichen Feinmechanik, Software, Prozessoren, Sensoren und Motoren generell sehr teuer und wartungsintensiv.

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Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Stattdessen setzen die Hightechexperten auf die Idee des "schwachen Roboters", die beispielsweise vom Kooperationspartner, dem Roboterlabor von Professor Michio Okada an der Toyohashi University of Technology, propagiert wird. Darunter verstehen die Wissenschaftler Geschöpfe, die ihre Schwächen und Unvollkommenheiten nicht verstecken, sondern zeigen, um die Nutzer zu Freundlichkeit und Mitgefühl zu animieren.

Neu ist die Idee nicht. Schon die legendäre, mehr als 20 Jahre alte Roboterrobbe Paro konnte nicht viel. Aber das als Therapieroboter für Heimbewohner entwickelte Gerät spielte sich mit seiner Reaktion auf Berührungen und Geräusche plus etwas einprogrammiertem Eigenleben in die Herzen der Nutzer.

Auch andere japanische Heimroboter gehen in die Richtung, darunter das schwanzwedelnde Kissen Qoobo oder das Pelzwesen Moflin vom japanischen Startup Vanguard Industries, das auf der amerikanischen Elektronikmesse CES im Januar einen Innovationspreis eingeheimst hat. Beide appellieren ans Gefühl, nicht den Geist. Das Werbevideo für Nicobo spiegelt die gleiche Philosophie wider. Alles werde stärker, effizienter, überlegt eine animierte Strichmännchenfigur. "Warum überkommt uns dann manchmal das Gefühl, erschöpft zu sein?" Überleben nur starke Dinge, ist das Schwache unvollendet. Einblendung Nicobo; "Boku moko", sagt der einfach gestrickte Roboter dann. Die Botschaft: "Nicobo needs you."

Das zeigt das Wesen auch. Es hat nur einen sehr beschränkten Bewegungs-, Funktions- und Sprachumfang. Dafür pickt es wie ein Kleinkind Wörter auf und spricht sie in leicht abgeschliffener Form nach. Es reagiert zudem auf Berührungen, gesprochene Sprache und dank eingebauter Kamera und Lichtsensoren auf Gesichter und Helligkeit. Manchmal meldet es sich auch überraschend zu Wort, selbst wenn die Nutzer sich nicht an das Gerät wenden. "Sie werden mit einem Lächeln antworten", verspricht der Konzern.

Ob dieses Konzept zum Verkaufsschlager taugt, muss sich allerdings noch zeigen. Auf der Crowdfundingplattform waren zwar alle rund 300 Euro teuren Nicobos innerhalb weniger Stunden vergriffen. Aber erstens war die erste Generation auf nur 320 Stück beschränkt. Zweitens wird das Gerät erst im kommenden Jahr ausgeliefert – wie ein richtiges Crowdfunding-Produkt eines Start-ups. Auch auf die müssen die Unterstützer oft monatelang warten.

(bsc)