Pille gegen Parkinson

Ein Krebsmedikament hat bei einer Studie mit Parkinson- und Demenzpatienten zu verblüffenden Erfolgen geführt. Jetzt planen die Wissenschaftler breiter angelegte Testreihen.

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  • Birgit Herden

Ein Krebsmedikament hat bei einer Studie mit Parkinson- und Demenzpatienten zu verblüffenden Erfolgen geführt. Jetzt planen die Wissenschaftler breiter angelegte Testreihen.

Nach fünf Wochen bemerkte Alan Hoffman die ersten Veränderungen: "Ich konnte wieder gehen wie ein normaler Mensch", erinnert sich der 74-jährige Amerikaner. Seine Frau Nancy berichtet: "Zum ersten Mal seit Jahren las Alan die Zeitung wieder von Anfang bis Ende."

Seit 1997 leidet der ehemalige Hochschullehrer an Parkinson. Am Anfang waren es nur Bewegungsstörungen, 2007 kam eine Demenz dazu. In seiner Not suchte Hoffman nach experimentellen Behandlungen und fand Aufnahme in einer Pilotstudie der Georgetown University. Wie weitere elf Menschen mit Parkinson oder Lewy-Körper-Demenz nahm er sechs Monate den Wirkstoff Nilotinib ein.

In erster Linie hatte der Versuch mit dem Krebsmedikament demonstrieren sollen, dass demente Patienten die Substanz in geringerer Dosierung gut vertragen. Dann aber verblüfften die Veränderungen der motorischen und geistigen Fähigkeiten. Bei den zehn Freiwilligen, die die Studie beendeten, besserte sich der Zustand deutlich; die kognitiven Fähigkeiten stiegen auf einer 30-Punkte-Skala um fünf Punkte. Die Ergebnisse des Experiments könnten eine Sensation bedeuten, falls sie sich replizieren lassen: "Meines Wissens ist dies die erste Studie, bei der offenbar der kognitive und motorische Verfall dieser neurodegenerativen Erkrankungen umgekehrt wurde", sagt Studienleiter Fernando Pagan.

Das von Novartis hergestellte Nilotinib wird eigentlich eingesetzt, um eine bestimmte Form des Blutkrebses zu behandeln, die chronisch-myeloische Leukämie. Der Wirkstoff aktiviert ein Selbstmordprogramm der Krebszellen. Doch vor einigen Jahren entdeckte der Neurologe Charbel Moussa am Georgetown Medical Center in Washington DC bei Versuchen mit Nervenzellkulturen, dass es in geringerer Dosierung offenbar die zellinterne Müllabfuhr anregt. Die für Parkinson und Lewy-Körper-Demenz typischen Eiweißablagerungen werden abgebaut. Im Gehirn von Patienten wirken sie toxisch: Die Nervenzellen sterben ab, und es wird zu wenig von dem Neurotransmitter Dopamin produziert.

Nach den Zellversuchen behandelte Moussa transgene Mäuse, die durch eine Genvariante an besonders schweren Parkinson-Symptomen litten und nahezu gelähmt waren.

Drei Wochen später bewegten sich die Tiere fast wieder wie gesunde Artgenossen. "Dass Nilotinib in diesem extremen Modell wirkte, ist schon beeindruckend", kommentiert der deutsche Parkinson-Spezialist Wolfgang Oertel von der Universität Marburg. "Besonders verblüffend ist, dass selbst Patienten in weit fortgeschrittenem Stadium von der Behandlung profitiert haben sollen", sagt Oertel. "Falls sich die Ergebnisse bewahrheiten sollten, wäre das wirklich ein Hoffnungsschimmer in der Behandlung von Parkinson." Zum ersten Mal würde es dann gelingen, direkt die vermutete Ursache der Krankheit anzugreifen und nicht die Symptome.

"Es ist ein mutiger Ansatz, ein Medikament einzusetzen, das normalerweise in der Chemotherapie von Leukämie verwendet wird", urteilt auch die deutsche Parkinson-Forscherin Claudia Trenkwalder von der Kasseler Paracelsus-Elena-Klinik. Für die US-Teilnehmer gab es indes nach Studienende ein böses Erwachen, als sich zeigte, dass die Verbesserungen nach dem Absetzen von Nilotinib nicht anhielten. Doch mit monatlichen Kosten von 10000 Dollar konnten sie das Medikament kaum selbst finanzieren, sodass Pagan sich beim Hersteller für eine Preisreduzierung in ihrem Fall einsetzte.

Die deutschen Parkinson-Forscher warnen allerdings vor zu großen Hoffnungen. Vor allem müsse skeptisch stimmen, dass es keine Kontrollgruppe mit einem Placebo gab. In bisherigen Studien habe sich immer wieder gezeigt, welch großen Einfluss der Placebo-Effekt gerade bei Parkinson-Patienten besitzt. "Bislang darf man aus den Ergebnissen nur ableiten, dass sich weitere, methodisch einwandfreie Studien lohnen würden", warnt Oertel. Solche Studien sind von den Georgetown-Forschern bereits geplant. Sie sollen noch in diesem Jahr beginnen, und dieses Mal möchten die Wissenschaftler auch weitere Formen der Demenz einschließen – darunter Alzheimer. (bsc)