Post aus Japan: Denken im Desastermodus

Nach der Desastertrinität im Jahr 2011 kriegen Japans Produktentwickler das Leben im Katastrophenmodus nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder kommen sie auf neue Ideen, wie die Zivilisation auch ohne Stromversorgung wenigstens temporär weiterlaufen kann.

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Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Die Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe von 2011 wirft lange Schatten. Auch fünf Jahre nach der unfassbaren Desastertrinität ist die Erinnerung an den Zusammenbruch der zivilisatorischen Errungenschaften an der Küste Nordost-Japans in die Hirne der Produktentwickler eingebrannt. Tage, wochenlang kein oder kaum Strom, Angst vor Stromausfällen in Tokio – immer wieder warten Firmen mit Ideen auf, wie künftig Menschen nach Stromausfällen besser bis zur Wiederherstellung der Netze überdauern können.

Der Elektronikhersteller Sharp, gerade verkauft an den taiwanischen Auftragsfertiger Foxconn, hat sich beispielsweise einen Kühlschrank ausgedacht, der auch bei Stromausfall noch tagelang weiter kühlen kann. Die Grundidee ist dabei wenig trickreich, die Ausführung schon.

Im Notfall sollen – wenig überraschend – eine Solaranlage und vor allem ein mitgelieferter Akku Strom liefern. Wenn der Kühlschrank nun an den speziellen Stromkreislauf angeschlossen ist, schaltet die Versorgung fünf Sekunden nach Stromausfall automatisch auf die alternativen Energiequellen um. Der Besitzer hat danach die Wahl, wie lange er was kühlen will.

Wer den gesamten Innenraum wie zuvor kühlen und gefrieren will, hat für drei Tage Saft im Akku. Und es handelt sich immerhin um einen Kühlturm mit etwa 400 Litern Inhalt. In einem weiteren Modus werden drei Gefrierfächer mit 192 Liter Rauminhalt weiter versorgt. Die Tiefkühlkost taut dann erst mehr als vier Tagen nach dem Zusammenbruch des Stromnetzes auf. Wer länger Lebensmittel wenigstens kühlen will, kann die Gefrier- in Kühlabteile umwidmen. Dann reicht der Notstrom für zehn oder mehr Tage, und damit hoffentlich lange genug, bis die Stromversorgung wiederhergestellt ist.

Die Firma Kei Communication Technology wiederum nutzte die Erdbebenserie in Kumamoto, um eine andere Methode der Stromversorgung in Katastrophenfällen zu demonstrieren: die Nutzung einer normalen Autobatterie als Zwischenspeicher für Sonnenstrom. Das Unternehmen lieferte Solarzellen nach Kumamoto, die über den Zigarettenanzünder die Autobatterie laden konnten. Dazu musste nicht einmal der Motor eingeschaltet sein.

Dies ist eine durchaus gute Idee, um dezentral etwas Strom zu produzieren – für lange Nächte. Denn in Kumamoto mutierte das Auto für einige Menschen für mehrere Tage zum Notquartier. Denn es dauerte, bis Ingenieure ihre oft angeknacksten Häuser als bewohnbar einstufen konnten. Dass die Firma aus Kobe kommt, erklärt vielleicht die Hilfsbereitschaft. Kobe wurde 1995 von einem Erdbeben schwer beschädigt. Mehr als 6000 Menschen starben.

Toyota geht noch einen Schritt weiter. Ab Herbst will der Autobauer seinen Plug-in-Prius optional auf Kundenwunsch in Japan und Europa mit einem Solarzellendach ausliefern. Der Sonnenstrom wird dann während des Parkens in einer Nickel-Metallhydrid-Akku zwischengespeichert, um dann an den Lithium-Ionen-Akku weitergeleitet zu werden, aus dem der Motor seinen Strom bezieht.

Während der Fahrt sollen die Solarzellen die 12V-Autobatterie immer wieder aufladen. Dies sorgt immerhin dafür, dass die Klimaanlage und andere elektrische Gadgets Strom erhalten. Das entlastet nicht nur den Lithium-Ionen-Akku. Das Solardach verwandelt das Auto in ein perfektes Notquartier für den Ernstfall. Wenn in den Häusern Licht und Fernseher ausgehen, funktioniert die Zivilisation wenigstens noch in den Kabinen der Autos. ()