Post aus Japan: Die Corona-Krise ist kein Klimaschutz

Die Pandemie hat vielleicht kurzfristig Emissionen gesenkt. Aber der neue Lebensstil könnte pro Kopf energieintensiver werden als früher. Beispiel: Asien.

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Kraftwerk, Umweltschutz, Klimawandel, Kritische Infrastrukturen

(Bild: Steve Buissinne, gemeinfrei)

Von
  • Martin Kölling

Wirtschaftskrisen haben in der Vergangenheit immer wieder für klarere Sicht in Asiens Megacitys gesorgt und die Treibhausgasemissionen kurzfristig gesenkt. Die Produktionseinbrüche in der Corona-Krise sind da etwas extremer als sonst, aber eigentlich keine Ausnahme. Doch nun zeigen die Richtlinien für den neuen Lebensstil mit dem neuartigen Coronavirus in Japan und Korea alle Hoffnungen zunichte, dass das Klima vom Lockdown profitieren könnte.

Beginnen wir in meinem Wohnort Japan: Die Kohlendioxidemissionen von Bahnen und Flugzeugen pro gefahrenen oder geflogenen Kilometer und Passagier sind im landesweiten Notstand extrem in die Höhe geschnellt. Denn durch die massenweise Einführung von Heimarbeit sind die Passagierzahlen in den Megacitys um 60 oder mehr Prozent gefallen, ohne dass die Bahnlinien den Fahrplan entsprechend zusammengestrichen hätten.

Das wäre ja kontraproduktiv für die Virenbekämpfung gewesen, da Japan mit dem sanften Lockdown im Land ja auch im Nahverkehr für mehr soziale Distanzierung sorgen wollte. Auch nach der Aufhebung des Notstands wird sich daran nichts ändern. Sprich: Der Nahverkehr wird durch die Corona-Krise keine Emissionen einsparen.

Schlimmer noch: Berichte aus Autoländern wie den USA, Deutschland und China deuten darauf hin, dass künftig wieder mehr Berufstätige mit dem eigenen Wagen zur Arbeit kommen werden. Zu sehr sitzt ihnen die Angst im Nacken, sich in Bahnen und Bussen mit dem SARS-CoV-2-Virus anzustecken. Und dann kommt auch noch dazu, dass in der Wirtschaftskrise die finanziell klammeren Bürger billigere Benziner teureren Elektroautos vorziehen dürften. So könnte die Pandemie auch noch die Elektrifizierung des Straßenverkehrs bremsen.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Auch am Himmel gibt es nicht nur Entlastung. Es wird vorerst weniger geflogen werden. Aber nicht in dem Maße, wie die Nachfrage nachlässt. Japans Fluggesellschaften beispielsweise werden künftig neben jedem Fluggast ein Platz freilassen, um auf der Reise für mehr Abstand zu sorgen. Außerdem sollen die Passagiere Masken tragen und schweigen. Taiwans Fluglinie China Airlines wird sogar die Speise- und Weinkarten streichen, um eine Verbreitung virulenter Viren zu erschweren. Doch zurück zum Thema.

Ein Blick zum pandemischen Musterschüler Südkorea legt zudem nahe, dass sich auch der Kraftstoffverbrauch bei Bussen erhöhen wird. Weil sich das Virus womöglich im Sommer in der kühlen Klimaanlagenluft länger halten könnte, müssen Busse in der Hauptstadt Seoul nun auch bei eingeschalteter Kühlung mit geöffneten Fenstern fahren. Die Durchlüftung soll das Infektionsrisiko senken.

Auch in den Schulen Nordostasiens wird es nicht anders sein. Nicht nur werden die Schüler aufgefordert, sich durch veränderte Sitzordnung sozial zu distanzieren, wenn denn die Schulen mal wieder geöffnet werden. Südkoreas Seuchenkontrollzentrum forderte die Schulen sogar auf, bei hochsommerlicher Nutzung von Klimaanlagen mindestens ein Drittel der Fenster zu öffnen.

Auch wir Privatleute werden aufgefordert, für den Virenschutz unsere gut gekühlte Wohnungsluft öfter als sonst gegen schwülheiße Sommerluft auszutauschen. Und die Moral von der Geschichte: Energie sparen genießt beim Kampf gegen das Coronavirus keine Priorität. Bisher wenigstens.

(bsc)