Post aus Japan: Die Sorge um den Reißverschlusseffekt

Die Erdbebenserie in Kumamoto überrascht Nippons Seismologen durch ihre geografische Ausdehnung. Die Sorge: Auch das längste System an Bruchzonen könnte aktiviert werden, das direkt unter dem Veranstaltungsort des G7-Gipfels verläuft.

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Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird Ende Mai bei ihrem Besuch des G7-Gipfels in Japan eine ganz besondere Attraktion geboten, von der ihr die Gastgeber wahrscheinlich noch gar nichts erzählt haben. Der Tagungsort Ise zeichnet sich nämlich nicht nur durch seine schöne Küste und eine der wichtigsten Schreinanlagen der Shinto-Religion aus. Die Region sitzt auch direkt auf dem längsten System von Bruchzonen des ostasiatischen Inselreichs, der "Median Tectonic Line", die sich von Tokios Nordosten aus südwestlich durch das Land zieht.

Diese Tatsache allein wäre in einem Land, das einer riesigen Erdbebenzone gleicht, nicht bemerkenswert. Allerdings hat eine überraschend großflächige Erdbebenserie in der 600 Kilometer westlich gelegenen Präfektur Kumamoto die Befürchtungen der Seismologen befeuert, dass sich nun auch die Spannungen entlang der tektonischen Mittellinie quasi einem Reißverschluss gleich entladen könnten. Denn nach den starken Beben am Donnerstag und Sonnabend in Kumamoto gab es auch Beben in benachbarten Zonen.

Dieses Phänomen ist neu für Seismologen. Alles erscheint nun möglich: Von einem Ende der Bebenwelle, schließlich geht die Zahl der Nachbeben zurück, bis hin zu einer Aktivierung anderer Zonen. Im schlimmsten Fall wäre es möglich, dass es ähnliche Beben auch in anderen Regionen geben könne, inklusive der nicht direkt verbundenen Nankai-Tiefseerinne, erklärte Manabu Takahashi, Professsor der Ritsumeikan Universität, der Japan Times.

Beunruhigende Aussichten: Entlang dieser tektonischen Mittellinie halten die Forscher an verschiedenen Stellen Beben mit Magnituden von 6,9 bis über 8 auf der Richterskala für möglich. In 100 Kilometer Entfernung von Ise gibt es gleich zwei heiße Anwärter auf Beben, die ähnlich stark oder stärker als die Beben von voriger Woche sein könnten.

Aber dass die heißen Tipps recht weit entfernt liegen, schließt Erdbeben mit einem Epizentrum in Ise natürlich nicht aus. Auch von dem am meisten gefürchteten Megabeben in der Nankai-Region hätte Merkel noch was. Denn dort werden auch Beben mit der Stärke 9 für möglich gehalten, die Schäden von bis zu 1775 Milliarden Euro verursachen könnten, mehr als 40 Prozent von Japans Bruttoinlandsprodukt.

Nachdem die Kanzlerin nach einem mehrminütigen Beben unter dem Tisch herausgekrabbelt wäre, könnte sie von ihrem Hotelzimmer oder bei rascher Evakuierung noch besser vom Hubschrauber aus die Vernichtungskraft eines Tsunamis beobachten. Da ist ein Beben entlang der tektonischen Linie doch vorzuziehen. Denn das Epizentrum läge auf dem Land, was die Gefahr von Tsunamis verringert.

Die Chance, dass ein Erdbeben just während des Gipfels zuschlägt, ist zwar verschwindend gering. Aber einer ihrer Vorgänger hatte auch nie damit gerechnet, die damals unvorstellbaren Auswirkungen eines Megabebens zu erleben. Altkanzler Helmut Kohl konnte im Dezember 2004 von seinem Hotel in Sri Lanka beobachten, wie der von einem Megabeben in Indonesien ausgelöste Tsunami die Anlage zerstörte.

Doch die Bebenserie in Kumamoto hat neben der Erkenntnis, wie wenig selbst die Japaner über Erdbeben wissen, auch eine beruhigende Botschaft parat: Japans neuere Gebäude sind recht erdbebensicher. Und da die durchschnittliche Lebenserwartung von Einfamilienhäusern rund 30 Jahre und von Betonhäusern nur 50 Jahre beträgt, ist ein recht hoher Anteil des Bestands relativ sicher, sicherer jedenfalls als in anderen gefährdeten Regionen der Welt.

Das Magazin The New Yorker hat im Juli 2015 in dem Artikel "The Really Big One" eindrucksvoll die möglichen Auswirkungen eines Megabebens vor der Nordwestküste der USA beschrieben. Dort zieht sich über mehrere hundert Kilometer die Cascadia-Verwerfung entlang.

An ihr kommt es durchschnittlich alle 243 Jahre zu Beben, deren Magnitude auf der Richterskala über 9 ausschlagen kann. Das letzte Beben liegt allerdings 316 Jahre zurück, ist also überfällig. Das Problem: Die Bewohner wissen erst seit recht kurzer Zeit von der Gefahr. Bis 1974 war daher Erdbebensicherheit im US-Bundesstaat kein Thema in den Baurichtlinien.

Und erst nach 1994 hatten wenige Ortschaften angemessene Baustandards, schreibt die Autorin. Nach einer Schätzung von Experten sind daher drei Viertel aller Gebäude nicht auf ein Megabeben ausgelegt. Dann warte ich doch lieber in Japan auf das große Erdbeben und nicht in Portland, Oregon. ()