Post aus Japan: Flutschutz rettet Tokio

Erst schaltete ein Taifun im Großraum von Nippons Hauptstadt das Licht aus, nun brachte ein zweiter Sturm Rekordregen. Doch Tokio entkam einer Überschwemmungskatastrophe – dank hoher Investitionen.

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Gewitter

(Bild: dpa, Bernd März)

Von
  • Martin Kölling

Japaner sind an Taifune gewohnt. Doch im Zeitalter des Klimawandels hat das Land innerhalb eines Monats zwei bisher beispiellose Sturmerfahrungen durchlebt. Im September traf ein recht kompakter, aber windstarker Taifun den Großraum Tokio direkt von der Seeseite aus.

Bei Windböen von über 200 Kilometern pro Stunde knickte er in Tokios Nachbarpräfektur Strommasten um und unterbrach damit die Stromversorgung für fast eine Million Haushalte. Am 13. Oktober brachte dann das riesige Sturmsystem des Taifun "Hagibis" die Hauptstadt mit Rekordregenfällen an den Rand einer Überschwemmungskatastrophe.

In der Bergstadt Hakone, einem Tokioter Naherholungsort in der Nähe des Vulkans Fuji, gingen in etwas mehr als einem Tag mehr als 1.000 Liter Wasser auf den Quadratmeter nieder. Auch andere Regionen verzeichneten Rekordniederschläge, die sich in den kurzen steilen Flüssen des Landes wie eine Flutwelle zu Tal schoben und die Pegelstände rapide ansteigen ließen.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

In vielen ländlichen Regionen traten daraufhin Flüsse über die Ufer und rissen mehr als 80 Menschen in den Tod. In Nagano wurde zudem in einem Eisenbahndepot ein Drittel der Schnellzugflotte überschwemmt, die Tokio mit Städten in der Provinz verbindet. Und in Fukushima wurde sogar radioaktiv verseuchte Erde aus Lagern weggespült.

Doch Tokio selbst hatte es den massiven Schutzmaßnahmen der Vergangenheit zu verdanken, dass nur der Tama-Fluss im Süden der Stadt ein bisschen über die Deiche trat. Als eine Art modernes Weltwunder des Flutschutzes gilt dabei ein gigantisches Tunnelsystem, das Wasser aus kleinen Flüssen in Tokios Norden schluckt und durch insgesamt 6,3 Kilometer lange Untergrundpassagen in den großen Edo-Fluss im Osten der Stadt speit. Das 2006 fertiggestellte System hat weltweit als "Metropolitan Area Outer Underground Discharge Channel" für Aufmerksamkeit gesorgt.

Besonders eindrucksvoll und daher oft fotografiert ist eine riesige unterirdische Kathedrale mit 59 massiven Betonpfeilern, aus der das Wasser letztlich mit riesigen Pumpen in den Edo-Fluss geleitet wird. Sie ist immerhin 25 Meter hoch, 177 Meter lang und 78 Meter breit. Und das ist nicht die einzige Maßnahme.

Die unterirdische "Kathedrale" ist das Herzstück der "Metropolitan Area Outer Underground Discharge Channel".

(Bild: Wikipedia / Dddeco "The Metropolitan Area Outer Underground Discharge Channel (Kasukabe, Saitama , Japan)" / cc by-sa 3.0 )

Eine weitere Besonderheit Japans ist, dass die Flüsse nicht eng eingedeicht werden. Stattdessen werden sogar im Normalfall mickrigen Wasserläufen selbst in dicht besiedelten Gebieten große Schotter- und Grünzonen zum Überschwemmen angeboten, die im Alltag als Baseball-, Fußball- und Golfplätze dienen (oder als Wohngebiet für Obdachlose, die Flussblick lieben). Einige Flüsse dürfen daher im Rahmen dieser Grenze frei mäandern, damit die Anrainer hinter den Deichen im Ernstfall sicher sind. Darüber hinaus werden die ohnehin hohen Deichkronen seit dem Riesentsunami im Jahr 2011 an einigen Flüssen erhöht.

Der Aufwand ist kein Zufall. Japan wird seit Jahrhunderten von einem Katastrophenquintett aus Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen, Taifunen und Überschwemmungen bedroht. Und das Land nutzt seinen Reichtum und seine technologische Stärke, um sich mit massiven Investitionen so gut es geht vor Schäden zu schützen.

Tokio ist dabei besonders durch Fluten gefährdet. Schon in der Vergangenheit haben Überschwemmungen in der Hauptstadt tausende Menschenleben gefordert. Doch seither ist die Bevölkerung der Megacity noch weiter angeschwollen. Allein in Tokios fünf östlichen Stadtbezirken leben 2,5 Millionen Menschen in Zonen, die in den Worst-Case-Szenarien der Planer bis zu zehn Meter unter Wasser gesetzt werden könnten.

Doch nicht nur Leib, Leben und die Liegenschaften der Bewohner werden bedroht, sondern auch die wichtigsten Verkehrsadern, ohne die die Megastadt nicht funktionieren könnte: die unterirdischen Bahnen. Sollten die Deiche an ungünstigen Stellen brechen und es lange genug regnen, könnte ein Großteil der U- und anderen Schnellbahntunnel volllaufen.

Bisher hat die Stadt allerdings alle Gefahren abgewehrt. Nur darf sich das Land nicht auf seinen Erfolgen ausruhen. Denn die Klimaforscher sagen Japan laut dem "Weißbuch für Desastermanagement 2018" voraus, dass in Zukunft die Tage mit Starkregen von mehr als 100 oder gar 200 Litern Niederschlag pro Quadratmeter deutlich zunehmen werden. Von einem steigenden Meeresspiegel ist dabei noch nicht einmal die Rede.

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