Post aus Japan: Kampf um die Ohren

Sony will mit seinem "High Res Audio" das Mp3-Musikformat vom Thron stoßen. Nun wirbt es mit einem kleinen Patenttrick um Verbündete.

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Sony will mit seinem "High Res Audio" das Mp3-Musikformat vom Thron stoßen. Nun wirbt es mit einem kleinen Patenttrick um Verbündete.

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Wenn Japaner etwas machen, machen sie es oft geradezu übertrieben richtig. Diese Besessenheit für Details hat der Welt viele grandiose Kulturgüter beschert, vom Bonsai-Baum über Toiletten mit Po-Duschen bis hin zu erst hochauflösenden, nun ultrahochauflösenden und bald megahochauflösenden Flachfernsehern. Vor diesem Hintergrund erscheint es fast zwangsläufig, dass sich nun auch ein japanisches Unternehmen zum Retter der Musikkultur aufgeschwungen hat: der Unterhaltungs- und Elektronikkonzern Sony.

Seit einigen Jahren versucht der Konzern, mit einem neuen, hochauflösenden digitalen Musikformat Mp3 und andere stark zusammengestauchte Dateiformate aus dem Wasser zu blasen. Diese so genannte High-Res-Audio-Musik soll besser klingen als alles, was bei traditionellen Musikplayern bisher aus den Lautsprechern oder Kopfhörern schallt.

Der Trick: Bei der Digitalisierung von Musik werden im Prinzip rasend schnell hintereinander Klangbilder aufgezeichnet. Beim High-Res-Audio wird sie dabei mit höherer Frequenz gesampelt als beim Mp3-Format, das viele Audiophile als Niedergang des Hörgenusses ansehen, da bei der Kodierung Daten geopfert werden. (Zu den technischen Hintergründen hier entlang.) Die Dateien übertragen damit hörbar mehr Informationen, so sagen Sonys Werber und einige Musikenthusiasten.

Im Mai legte der Konzern nun noch eine weitere Schippe im musikalischen Kulturkampf drauf. Das Unternehmen will nun künftig seine LDAC-Technik für die schnurlose Musikübertragung für sehr geringe Gebühren Lautsprecher- und Kopfhörerherstellern zur Verfügung stellen.

Dies ist ein wichtiges Angebot. Denn bisher musste bei der schnurlosen Übertragung Qualität geopfert werden, weil die Bandbreite der traditionellen Bluetooth-Techniken nicht ausreichte. Sonys Technik erlaubt es, bis zu drei Mal mehr Daten über Bluetooth zu versenden als mit traditionellen Verfahren.

Damit versucht Sony, ein Problem des High-Res-Audios zu lösen: die langsame Verbreitung. Viele potenzielle Kunden zögern noch mit dem Kauf der neuen Geräte, weil ihnen das Musikangebot noch zu klein erscheint. Sollten aber mehr Hersteller von Peripheriegeräten auf den Trend aufspringen, könnte das neue Format und damit vor allem Sonys Umsatz mehr Schwung entfalten.

Dass sich gerade Sony zum Retter der Musikkultur aufschwingt, ist nicht ohne Ironie. Denn das Unternehmen war ja gewisser Weise einer ihrer Totengräber. Mit dem legendären Walkman begann eine Entwicklung, die Bequemlichkeit und allgegenwärtige Verfügbarkeit höher gewichtete als höchste Musikqualität.

Der Höhepunkt dieser Bewegung war das Mp3-Format. Bei der Kodierung gehen Daten verloren, aber dafür schrumpft die Dateigröße. Ein Lied, das als Mp3-Datei fünf MB groß ist, schwillt bei High-Res-Audio gerne um das 25-fache an.

Als es 1995 das Licht der Welt erblickte, war Mp3 genial und ein notwendiger Kompromiss. Denn damals waren Speicher und Bandbreite sehr teuer. Heute hingegen sind sie erschwinglicher. Von daher macht es schon Sinn, die Prioritäten wieder auf Qualität zu verschieben. Doch die große Frage bleibt, ob dies auch im Markt passieren wird.

Das Problem: Um die Unterschiede zu CD oder gar Stücken von Apples Musikdienst iTunes überhaupt heraushören zu können, muss man schon sehr gute Lautsprecher oder Kopfhörer kaufen, stellten im April die US-Tester von Consumer Reports fest. Und die sind teurer, wie ich festgestellt habe. Zumal sich auch Mp3 weiterentwickelt hat und höhere Bitraten als früher bietet.

High Res Audio wird daher oft als Overkill oder Marketingmaßnahme kritisiert. Doch egal, wie man zu dem Streit steht, er deutet auf eine Möglichkeit hin: Sonys Traum könnte damit ein vielleicht nicht ganz so tragisches, aber in der Tendenz ähnliches Schicksal drohen wie Oled-TVs, die die Industrie und allen voran Sony lange als das nächste große Ding promotete.

Die Displays aus organischen Leuchtdioden lassen sich deutlich dünner als Flüssigkristalldisplays (LCDs) designen. Aber der Unterschied zwischen einem zehn Millimeter dicken und einem drei oder fünf Millimeter dicken Gerät ist den meisten Kunden schlicht den Aufpreis nicht wert. Oled-TVs sind daher von der Industrie erstmal wieder auf den Status als Zukunftstechnik abgewertet worden.

So schlimm wird es mit High-res-Audio wohl nicht werden, da die Preisunterschiede geringer sind. Aber die Technik wird sich meiner Meinung nach nicht wie ein Lauffeuer verbreiten, sondern noch länger ein Nischenprodukt für Musikbegeisterte bleiben. Denn für den finanziellen Mehraufwand ist mir der hörbare Qualitätsunterschied zu gering. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. ()