Post aus Japan: Mittelformat, banzai!

Die Photokina hat eines deutlich gemacht: Firmen wie Fotografen wird selbst der "Vollformat-Sensor" zu klein. Und japanische Firmen könnten den Markt für Mittelformatkameras aufmischen, wie Fujifilm auf der Kölner Messe zeigt.

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Von
  • Martin Kölling

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Wie jede Kameramesse ist auch die Photokina (20. bis 25.9.) recht japanlastig. Schließlich dominieren die japanischen Hersteller den Weltmarkt seit Jahren. Nicht einmal Samsung konnte die Bastion erobern und gab frustriert sein Digitalkamerageschäft vorerst auf. Und so nimmt es vielleicht wenig Wunder, dass die Japaner nun ein Segment in den Fokus nehmen, das bisher das Refugium so illustrer Marken wie Hasselblad oder Phase One war: die Mittelformatkameras.

Der diesjährige Sendbote kommenden Heils oder Unheils – je nach Sichtweise – war Fujifilm mit einem Prototypen seiner GFX 50S, die von der bekannten Online-Fotoseite DPreview prompt zum möglichen "Star" der Messe gekürt wurde. Der Sensor ist 70 Prozent größer als Vollformatsensoren, die dem traditionellen Kleinbildfilm entsprechen. Doch den Anwesenden auf der Messe fällt eines auf: Dennoch ist die Kamera nicht größer als die hochwertigeren Spiegelreflexkameras von Canon und Nikon.

Ein Segen für Fotografen

Für mich ist Fujifilms Sprung in dieses Segment aus mehreren Gründen relevant. Beginnen wir mit den eher segensreichen Auswirkungen:

1. Fujifilms strategische Entscheidung, das "Vollformat" zu überspringen, könnte Vorbote von Vorstößen anderer Hersteller in Mittelformat sein. Ich halte die Entscheidung für schlau. Denn Fujifilms Digitalkameras weisen bisher APS-Sensoren auf, die kleiner als analoge Kleinbildfilme sind. Und der Vollformatmarkt wird von den Giganten Canon, Nikon und Sony dominiert. Für Neuankömmlinge ist es daher schwer, dort Fuß zu fassen. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch Panasonic dem Vorbild folgen.

Der Grund für meine Spekulation: Panasonic steht ohnehin vor dem Problem, ein neues System mit größerem Sensor einführen zu müssen. Denn der Hersteller pusht die super ultrahochauflösende 8K-Technik für bewegte Bilder. Und die bisherigen Sensoren von Panasonics Microfourthird-System sind kleiner als APS-Sensoren und damit schlicht zu klein, um die notwendigen 36 Megapixel für 8K-Videos darzustellen. Warum also nicht gleich zu den fotografischen Sternen greifen und Trendsetter im Mittelformat werden anstatt Late-Comer im Vollformat?

2. Juchei, mehr Auswahl für Fotografen! Denn mehr Wettbewerber bedeuten wahrscheinlich auch sinkende Preise und damit eine Demokratisierung eines Segments, das bisher dem Adel der Mode-, Landschafts- und Fine-Art-Fotografen vorbehalten war.

Dies deutete schon Pentax mit seiner digitalen Mittelformatkamera 645Z an, die es in Deutschland inklusive einem Objektiv "schon" für rund 8000 Euro gibt. Gewiss, Hasselblads erste spiegellose Mittelformatkamera liegt noch einmal darüber, aber die Tendenz ist klar: Die Preise rücken an Bereiche heran, die die Kameras auch für Hobbyfotografen interessant machen. Der richtige Take-Off des Markts dürfte zwar erst bei circa 4000 Euro für das Gehäuse beginnen. Aber das ist nur noch eine Frage der Zeit, wenn erstmal Wettbewerb in den bisher gemütlichen Markt einzieht.

Eine Herausforderung für die Hersteller

Und damit kommen wir zum unheilvolleren Aspekt der Entwicklung:

1. Die Lage der Spiegelreflex-Dinosaurier Canon und Nikon wird noch ungemütlicher. Bisher konnten sie es sich noch erlauben, keine wirkliche Rolle bei spiegellosen Kameras zu spielen. Denn sie zehren noch gut von ihrem fotografischen Erbe, ihrer großen Fanbasis. Aber die spiegellosen Formate, allen voran Sony im Vollformat, setzen Ihnen schon seit Jahren zu. Nun werden sie auch noch in ihrer Oberklasse von oben durch spiegellose Mittelformatkameras in die Zange genommen. Das sieht nicht gut aus.

2. Auch Premiumherstellern wie Hasselblad und Phase One droht eine Zeitenwende, sprich schrumpfende Margen. Bisher konnten sie hohe Preise durchsetzen, da ihre Kundschaft Profis im gut bezahlten fotografischen High End sind, die mit den Kameras ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber auch die werden zu preiswerteren Systemen greifen, wenn diese ihre Anforderungen erfüllen.

Aber wer braucht das denn?

Ok, ich höre Skeptiker fragen, ob der Markt Mittelformat eigentlich will. Reichen Microfourthird-, APS- oder Vollformatsensoren nicht völlig aus? Brauchen wir überhaupt Auflösungen von 50 und mehr Megapixeln, die die Mittelformatkameras anscheinend nun als Einstieg bieten?

Meine Antwort: Wenn das Mittelformat in Größe und später auch im Preis auf gehobenes Spiegelreflex-Niveau sinkt, wird der Markt auch abheben. Denn es wirkt ein einfaches Prinzip: Warum bei "ausreichend" bleiben, wenn es etwas qualitativ besseres gibt, das zudem das Reich der fotografischen Freiheit vergrößert?

Ich gestehe, ich bin ein Opfer dieses Gedankengangs: Ich bin gerade von Microfourthird- auf Vollformat umgestiegen. Konkret: Ich habe meine treue Panasonic-Lumix-Ausrüstung verkauft und mir eine Sony A7R2 zugelegt. Erstens wollte ich eine geringere Schärfentiefe und damit mehr fotografische Möglichkeiten haben.

Zweitens reizte mich der Sprung von 16 Megapixel auf die hohe Auflösung von 42 Megapixeln. Denn nun kann ich Bilder radikaler beschneiden und habe am Ende immer noch A3-printtaugliche Dateien. Und das Rein-Zoomen in Bilder ist ein Vergnügen. Bisher habe ich den Umstieg nicht bereut, obwohl ich die Bedienbarkeit von Panasonics Kameras für deutlich einfacher halte als die von Sonys Kameras.

Für eine Zukunft mit mehr Pixeln

Mittelformat verspricht einen weiteren Zuwachs an Qualität und fotografischer Freiheit, den Vollformat letztlich nicht mehr bieten kann. Denn die wirklich nutzbare Auflösung stößt an physikalische Grenzen, und zwar nicht der Sensoren, sondern der Objektive. 70 Megapixel sei ungefähr das Limit der Objektivtechnik, sagte mir ein Topmanager eines japanischen Herstellers.

Doch mit Mittelformatkameras sind auch heutzutage schon 100 Megapixel realisierbar. Denn ihre Sensoren und damit die Bildpunkte sind größer. Doch bei alldem erwarte ich keinen springflutartigen Umschlag des Markt. Denn Veränderungen gehen oft langsamer voran, als die Propheten jener schönen, neuen Welten verheißen. Nur in einem bin ich mir sicher: Der Fotomarkt wird spannender – auch und gerade dank Firmen aus Japan. Banzai! ()