Post aus Japan: Nippon will den Klimaschutz anführen

Der neue Regierungschef Yoshihide Suga will das Land überraschend bis 2050 klimaneutral machen. Unternehmer denken bereits weiter.

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Verkehr in Japan.

(Bild: Photo by Ryoji Iwata on Unsplash)

Von
  • Martin Kölling

In Sachen Klimaschutz war Japan lange kein Motor des Wandels, sondern ein Bremser. Bis 2050 wollte die frühere Regierung von Shinzo Abe die Treibhausgasemissionen (inklusive Verrechnung von Wäldern und Technologien zur Kohlendioxidverwertung) nur um 80 Prozent senken. Kohle sollte weiterhin fester Bestandteil des Energiemixes sein.

Die Experten des "Climate Action Trackers" kritisierten Japans Pläne als "höchst unzureichend", der zweitschlimmsten Note. Japans neuer Regierungschef Yoshihide Suga nutzte den klimapolitischen Schlendrian seines Vorgängers nun am Montag, um sich als klimafreundlichen Reformer zu präsentieren.

In seiner ersten Grundsatzrede seit seinem Amtsantritt Mitte September kündigte Abes ehemaliger Kabinettamtschef an, das Japan nun wie die Europäische Union bis 2050 klimaneutral werden wolle. Wie genau die Regierung das bewerkstelligen will, soll bis Mitte nächsten Jahres ausgearbeitet werden.

Ein Boom für erneuerbaren Energien und Wasserstoff ist absehbar. Aber besonders spannend wird dabei, welche Rolle künftig Atomkraft und Kohle spielen werden, auf die Japans Regierung bisher gesetzt hat. Die gute Nachricht: Japans Regierung hat wahrscheinlich mehr Raum für radikale Reformen als andere Länder, weil der unternehmerische Widerstand geringer ist. Ein Grund ist, dass Japan mit seiner nationalen Wasserstoffstrategie einen wichtigen Teil der Emissionswende schon mitdenkt und vor allem mitfinanziert. Viele Unternehmen sehen daher bereits massives Wachstumspotzenzial daheim, dass sie in Weltmarktführerschaft ummünzen wollen.

Doch entscheidender ist, dass das sehr gemächliche Tempo der Regierung bei der Emissionsdiät eher gegen die Interessen vieler Unternehmen verstieß. Sicherlich stellt der verschärfte Klimaschutz der Regierung auch die Industrie unter Zugzwang. Aber viele Teile der Japan AG waren schon weiter als die Regierung. Japans globale Megabanken beispielsweise haben ihre Investitionen in Kohlekraft schon vor dem Staat gedrosselt. Die Regierung folgte erst kürzlich mit einer Wende und erschwerte den Bau und den Export neuer Kraftwerke.

Die Stahlkonzerne des Landes wiederum forschen nicht nur an der Verwendung von Wasserstoff in der Stahlproduktion, sondern auch anderen neuen Methoden der Emissionskontrolle. Denn sie haben bereits 2018 vorgerechnet, dass nur mit dem massiven Einsatz innovativer Methoden wie Kohlendioxidrecycling die Kohlendioxid-Emissionen der Stahlindustrie bis 2050 wenigstens um 80 Prozent gesenkt werden können.

Eine Idee präsentierten Japans Stahlkocher im Juli 2020. Gemeinsam mit einem anderen großen Luftverpester, den Großreedereien, starteten sie ein Forschungsprojekt zusammen, um beide Industrien auf einen Streich klimaneutraler zu machen. Die Idee ist, Kohlendioxid aus der Stahlproduktion einzufangen und zu verflüssigen, dann in Methan umzuwandeln und dieses verflüssigt anstelle von Diesel für die Schiffsflotten zu verwenden.

Post aus Japan

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Diese Woche brachte noch weitere Beispiele. Japans größte Linie ANA gab just bekannt, dass sie als erstes asiatisches Unternehmen synthetischen Treibstoff von der finnischen Raffinerie Neste beziehen wird. Die Skandinavier stellen sogenanntes "nachhaltigen Flugtreibstoff" (SAF, sustainable aviation fuel) aus Abfall- und Restrohstoffen her. Laut dem Unternehmen senkt SAF die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu fossilem Flugzeugtreibstoff um 80 Prozent.

Ein anderes Beispiel: Unicharm, der drittgrößte Windelhersteller der Welt, will durch massive Wiederverwertung benutzter Windeln seinen Klimaschaden vermindern, berichtete die Zeitung Nikkei. Als erstes Unternehmen wird es dabei die verschmutzte Zellulose nicht in andere Produkte, sondern direkt in neue Windeln verwandeln.

In einem Land, in dem die Nachfrage nach Windeln für Senioren explodiert, ist das ein lohnendes Unterfangen. Die ersten recycelten Produkte werden voraussichtlich 2022 auf den Markt komme. Bis 2030 will Unicharm landesweit zehn Recyclinganlagen errichten.

Die bisherigen Aktionen sind sicher nicht ausreichend. Aber nicht nur staatliche Regeln könnten dafür sorgen, dass Unternehmen Emissionen schneller reduzieren als bisher geplant, sondern auch die Beschlüsse von globalen Riesen am Ende einer langen Lieferkette. Apple hat beispielsweise diesen Monat angekündigt, seine gesamte Lieferkette bis 2030 klimaneutral zu machen. Diese Verpflichtung bedeutet, dass Dutzende von iPhone- und Mac-Lieferanten, darunter Foxconn, sich verpflichten müssen, innerhalb eines Jahrzehnts auf die Herstellung von sauberer Energie umzustellen.

Ziel ist es, die Kohlenstoffemissionen in der gesamten Lieferkette von Apple um 75 Prozent zu reduzieren. Die verbleibenden 25 Prozent will Apple dann mit Hilfe von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung, darunter das Pflanzen von Bäumen, rechnerisch auf Null reduzieren. "Wir wollen eine Welle im Teich sein, die eine viel größere Veränderung bewirkt", dichtete Apples Chefpoet Tim Cook. Ausgerechnet der profithungrige Finanzmarkt könnte die Wirkung von Apples Proklamation verstärken. Die Ankündigung habe Schockwellen in der Elektronikindustrie und unter Investoren ausgelöst, urteilte die Wirtschaftszeitung Nikkei. Unternehmen mit niedrigen Emissionszielen könnten bestraft werden. Das Fazit der Zeitung: "Der Welleneffekt wird ein Tsunami sein, der sich auf den Finanzmärkten wiederholen wird."

(bsc)