Post aus Japan: Nippons Testskandal erreicht die Fundamente Olympias

Ein führender Hersteller von Dämpfern für die Erdbebensicherung hat bei der Materialabnahme geschummelt. Auch olympische Gebäude sind in betroffen. Es ist nicht der erste Fall.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen

Auch dieser Fernsehturm in Tokio gehörte zu den betroffenen Gebäuden.

(Bild: "Skytree" / Mike Kniec / cc-by-2.0)

Von

Nippon ist stolz auf seine Produktqualität, auch bei Materialen für Erdbebenschutzmaßnahmen. Bei immer mehr Hochhäuser werden mit Gummipuffern und massiven Öldämpfern die Schwingungen von Beben minimiert. Die Japaner wogen sich daher im Glauben, die erdbebenresistenteste Infrastruktur der Welt zu schaffen.

Doch nun erschüttert ein weiterer Skandal dieses Sicherheitsgefühl. Das Unternehmen KYB hat gestanden, dass Mitarbeiter bei Materialtests für Dämpfer Messdaten gefälscht haben. So wurde auch Ware ausgeliefert und in Japan sowie Taiwan verbaut, die die offiziellen Qualitätskriterien nicht erfüllten.

Allein in Japan sind mehr als 1000 Gebäude betroffen, darunter der über 600 Meter hohe Fernsehturm Tokyo SkyTree und mehrere olympische Wettkampfstätten. Der Skandal zieht daher weite Kreise. Das Ministerium für Land, Infrastruktur und Transport behauptet zwar, dass selbst bei Erdbeben kein Einsturz der Gebäude droht. Aber sicherheitshalber wies es 88 Hersteller von Geräten, die Erdbeben absorbieren, an, bis Ende des Jahres ihre eigenen Prüfverfahren zu untersuchen.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Die Maßnahme ist gerechtfertigt. Denn KYB ist bei weitem nicht der erste Fall von laxem Umgang mit Qualitätskriterien. Die Welle der Enthüllungen über Testdatenmanipulationen begann 2015 ausgerechnet mit einem anderen Hersteller von Erdbebenschutzabsorbern: dem Reifenhersteller Toyo Tire. Jahrelang hatten dort Mitarbeiter beim Test von Gummipuffern für Gebäude geschummelt.

Seither reißen die Enthüllungen quer durch die Industrien nicht ab. Kobe Steel lieferte Stahl an Autohersteller, der nicht den hauseigenen Kriterien entsprach. Mehrere Autobauer mussten gestehen, dass Mitarbeiter bei Emissions- und Verbrauchstest manipuliert und bei der Fahrzeugendabnahme Prüfprotokolle abgekürzt oder Einträge gefälscht hatten, oft um Tests nicht noch einmal durchführen zu müssen.

Im November wurde Hitachi Chemical zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate geständig, dass es bei der Prüfung von 30 Produkten Unregelmäßigkeiten gab. Dann reihte sich auch der Technikkonzern Mitsubishi Electric in den Reigen ein: Das Unternehmen gab an, Gummiteile für Züge und andere Industriegüter ausgeliefert zu haben, die nicht immer den Qualitätskriterien entsprachen. Der Grund: Ein Zulieferer hatte die vereinbarten Endabnahmen nicht durchgeführt, sondern sich schlicht ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Die Frage ist nur, was die Skandalwelle zu bedeuten hat. Schwankt nun etwa Japans Ruf als Qualitätshersteller? Nicht unbedingt. Sicher sprechen die Vorfälle Bände über eine mangelhafte Corporate Governance in vielen japanischen Firmen. Aber Techniker sehen teilweise andere Faktor am Werk: sehr hohe Qualität, die sich teilweise mit Kosten- und Zeitdruck beißt.

"In Japan sind die Sicherheitsmargen besonders groß, weit über das notwendige Maß hinaus", erklärte mir einmal der Trendforscher Morinosuke Kawaguchi, ein ehemaliger Industriedesigner des Technikkonzerns Hitachi. Daher hätten viele Ingenieure und Vorarbeiter anfangs auch die internationalen ISO-Normen belächelt, da es bei denen um die Dokumentation von Prozessen, nicht um die Herstellung wirklicher Qualität ging. Dieses Überlegenheitsgefühl kann seiner Meinung nach dazu führen, dass Ingenieure Regeln missachten, besonders wenn sie ihnen unsinnig erscheinen.

Einer von mehreren Skandalen beim Autobauer Nissan belegt diese These. Einer der Verstöße der Tester bestand darin, dass die Autos bei der Gewichtskontrolle nicht wie vorgeschrieben mit vollem Tank gewogen wurden. Stattdessen addierten die Prüfer schlicht das Gewicht einer Tankfüllung im Prüfbogen. Denn so konnten sie sich die Zeit für das Betanken sparen.

Ein weiterer Anlass für etwas mehr Gelassenheit: Der Skandal bei Kobe Steel führte nicht zu massiven Rückrufen. Denn die Nachtests der Autohersteller zeigten, dass die Bauteile ihren Anforderungen entsprachen. Doch die oft geringen wirklichen negativen Folgen der Testskandale sollten Japan zu denken und Anlass zu einer Ursachenforschung geben. Denn die Fälle müssen nicht glimpflich ausgehen wie ein Bauskandal im Jahr 2015 zeigte.

Damals flog auf, dass eine Baufirma Betonpfeiler von Wohnhochhäusern in Yokohama nicht bis auf den Felsgrund getrieben hatte. Und die Bewohner bemerkten dies, weil einer der Wohnblöcke absackte. Untersuchungen bei anderen Baufirmen ergaben, dass Datenfälschungen weit verbreitet waren.

Das eigentliche Problem Japans ist die Kultur des Vertrauens. Die Teilnehmer an Transaktionen aller Arten gehen irgendwie davon aus, dass keine Seite schummelt. Doch basiert dieses Vertrauen oft nicht auf Nachprüfungen der Produkte, sondern gesellschaftlichem Treu und Glauben.

So werden zwar Baupläne geprüft, aber oft keine Baustellen. Auch gibt es keine unabhängigen Prüfstellen vom Schlage der Stiftung Warentest, die Produkte für Verbraucher bewertet. Bisher sehe ich keine Anzeichen dafür, dass sich dies ändert. Denn Japan ist auch ohne Kontrollkultur gut gefahren.

Und vielleicht hilft der Druck der Skandalserie, die Selbstkontrolle der Unternehmen zu stärken und so die Realität in Firmen wieder stärker an den Vertrauensvorschuss anzunähern.

()