Post aus Japan: Plattformen für künstliche Intelligenz

In der Ära smarter Maschinen wittert Nippon die Chance zur Aufholjagd auf Google & Co. Dafür greifen die Unternehmen eine alte Schwäche an: Die Lust auf Alleingänge.

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(Bild: dpa, Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Von
  • Martin Kölling

Sprichwörter haben hin und wieder ihren Platz. "Not macht erfinderisch" passt jedenfalls, wenn es um Japan und künstliche Intelligenz geht. Im Falle des angeschlagenen Technikkonzerns Toshiba passt es gleich doppelt gut. Denn seit dem Bankrott seiner Atomkraftsparte und dem lebensrettenden Verkauf seines Kronjuwels, der Speicherchipsparte, sucht der Konzern nach neuen Geschäftsfeldern. Und wie das Land will auch das Unternehmen künstliche Intelligenz besetzen. Dies stellte Toshiba gerade mit zwei Nachrichten klar.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Gerade hat der Konzern einen Deal mit der renommierten Tokio-Universität ausgehandelt, am Graduiertenkolleg der japanischen Eliteuniversität mehrere hundert Ingenieure zu KI-Experten weiter zu bilden. Denn der Konzern will die Zahl seiner Fachkräfte für Maschinenintelligenz bis 2022 auf 2.000 verdreifachen.

Die Schulungsarbeit ist Teil einer nationalen Ambition, die Vorherrschaft von Amazon, Google und Co. in der Vernetzung und künstlicher Intelligenz anzugreifen. Und Toshiba will dabei eine wichtige Rolle spielen. Gemeinsam mit 100 anderen Konzernen, Universitäten und Organisationen der Japan AG kündigte der Konzern vorige Woche das Konsortium "ifLink Open Community" an, das eine Plattform für die Kommunikation für das "Internet der Dinge" (IoT) entwickeln soll.

Mit den gemeinsamen Standards wollen die Initiatoren Unternehmen ab 2020 ermöglichen, rasch immer neue einfache Geräte und Dienste auf den Markt werfen zu können. Sie sollen einfache bedingte Wenn-Dann-Aktionen realisieren können. Eine Idee ist beispielsweise ein automatischer Schalter, der das Licht anknipst, wenn die Tür geöffnet wird.

Ein anderes wichtiges Motiv ist allerdings, den Amazons und Googles die Datenhoheit zu entreißen. "Wir müssen eine Welt kreieren, in der nicht ein bestimmtes Unternehmen die Daten besitzt, sondern in der Firmen kooperieren", erklärte Toshibas Vizepräsident Taro Shimada quasi stellvertretend für die Japan AG.

Er steht damit nicht allein. Was in Deutschland unter dem Slogan "Industrie 4.0" versucht wird, betreibt Japan als "Society 5.0": Die Regierung will mit der Wirtschaft Japan in eine Großmacht in der Ära smarter Maschinen und künstlicher Intelligenz verwandeln.

Auf den ersten Blick erscheint dies aussichtslos. Zu groß wirken die Übermacht der amerikanischen Internetriesen und das Wachstum der chinesischen Datenkraken. Tatsächlich kontrollieren die Riesen der beiden Rivalen enorme Datenmengen ihrer menschlichen Kunden und damit auch die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Doch Japan wittert eine Chance, bei der nächsten großen Welle, dem Datenaustausch zwischen Maschinen, in die Spitzengruppe aufschließen zu können.

Und dies ist die Logik hinter dem Hoffnungsschimmer: Mit seinen Auto-, Maschinen- und Roboterbauern sowie den Technikkonzernen ist Japan ein Spezialist für Produktionsprozesse, die ihre Herausforderer aus der Internetwelt ferner liegen. Und die Japaner wollen nun ihre Kunden über ihre traditionellen Lieferantenbeziehungen überzeugen, dass sie bei der Vernetzung von Maschinen und der Entwicklung neuer Dienste bessere Partner sind als die Internetkonzerne.

Inzwischen beginnen die Japaner auch, eine historische Schwäche anzugreifen: Bisher marschierte jeder Konzern wie gehabt für sich. Doch nun kommen Plattformen in Mode. Dies zeigt nicht nur die IfLink-Gemeinde. Im September gründeten der Industrieroboterhersteller Fanuc, Toshibas Rivale Fujitsu und NTT Communications bereits eine internetbasierte Plattform für die Werkzeugmaschinenindustrie. Wenn diese Beispiele Schule machen, hat Japan wenigstens eine Chance. Unter einer Voraussetzung: Die Japaner müssen es schaffen, dass ihre Angebote auch international an Zugkraft gewinnen.

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