Post aus Japan: Superzeitlupe für alle

Sony stattet erstmals eine Kompaktkamera mit einer Superzeitlupe aus, die 960 Bilder pro Sekunde schießen kann. Damit zeigt Digitaltechnik einmal mehr, wie sie teure Profitechniken rasant demokratisiert.

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Sony stattet erstmals eine Kompaktkamera mit einer Superzeitlupe aus, die 960 Bilder pro Sekunde schießen kann. Damit zeigt Digitaltechnik einmal mehr, wie sie teure Profitechniken rasant demokratisiert.

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

Eine Nadel bringt einen Luftballon zum Platzen – und man sieht genauestens die Fetzen fliegen. Ein Wassertropfen fällt ins Wasser und wird wieder hochgeschleudert. Wie habe ich früher diese Hightechbilder erst im Fernsehen und dann im Internet bewundert. Doch von nun an kann ich solch Superzeitlupen sogar selber schießen, dem Fortschritt im Sensordesign und der Digitaltechnik sei Dank.

Der Ermöglicher eines meiner Kindheitswunder heißt dieses Mal Sony, seines Zeichens Weltmarktführer bei Bildsensoren. Das Unternehmen hat bei seiner neuen Generation von Bildchips den DRAM-Zwischenspeicher gleich mit in den Ein-Zoll-CMOS-Sensor integriert, der in Sonys Highend-Kompaktkameras Dienst tut. Damit kann der Chip 400 Prozent mehr Daten von den Pixeln zum Bildprozessor schicken und verarbeiten. Und plötzlich können Sonys neue RX100 Mark 4 und die RX10 Mark 2 Videos mit bis zu 960 Bildern in der Sekunde schießen.

Um dies zu ermöglichen, mussten die Ingenieure eine weitere Hürde meistern, an denen sich die gute, alte Analogtechnik wenigstens für den Massenmarkt die Zähne ausgebissen hätte: die Verkürzung der Verschlusszeit. Wie war ich in den 1980er Jahren froh, dass meine Spiegelreflexkamera Bilder mit einer Tausendstel Sekunde aufnehmen und damit Wassertropfen in der Luft gefrieren lassen konnte. Sonys elektronischer Verschluss lässt die 20 Millionen Pixel des Sensors sogar mit einer 1/32000stel Sekunde Licht und Schatten einfangen.

Das ist allerdings nicht nur eine gute Nachricht für Zeitlupenfans. Auch dem normalen Video- und Fotografen erleichtert es die Arbeit. Durch die schnellere Auslesung des Sensors soll bei Videos der sogenannte Rolling-Shutter-Effekt vermieden werden, also die verzerrte Darstellung schnell bewegender Objekte. Die entsteht, weil die CMOS-Sensoren bisher in der Regel Zeile für Zeile oder Spalte für Spalte ausgelesen werden und nicht auf einmal.

Außerdem können wir Fotografen nun dank der kürzeren Verschlusszeit auf den grauen ND-Filter verzichten, mit dem man helles Licht abdimmen kann, um selbst am grellsten Tage mit weit offener Blende fotografieren zu können. Doch das Allerbeste: Diese Technik wird sich mit Sicherheit rasch verbreiten. Denn Sony beliefert einen Großteil seiner Kamerakonkurrenten.

Dieser Fortschritt für Foto- und Videofans ist allerdings Teil eines größeren Trends: die Demokratisierung von Hightech, die bisher nur teure Profi-Geräte liefern konnten. Die Bewegungssensoren in Smartphones sind ein Beispiel. Vor zehn Jahren waren die präzisen Exemplare noch sehr teuer, nun sind sie Massenware. Und mit dem Preisverfall haben sich auch die Anwendungen exponentiell multipliziert.

Selbst die Gedankensteuerung hat schon längst den Sprung aus dem Labor in den Alltag geschafft, wenn bisher auch nur in Form von spielerischen Anwendungen. Ich habe mir gerade fesche Katzenohren gekauft, wie sie gerne von Party-Miezen und Cosplay-Girls getragen werden. Der Clou des Produkts, das Nekomimi (Katzenohren) heißt: Sie bewegen sich je nach dem Zustand meiner Gehirns.

Bin ich entspannt legen sich die Ohren flach, bei Erregung oder hoher Konzentration stellen sie sich auf, so sagt der Hersteller. Denn ein kleiner Sensor misst die Gehirnwellen. Und das Produkt gibt es schon seit zwei, drei Jahren. Es sind wunderbare Zeiten für uns Technikfans, die noch aus dem Analogzeitalter stammen. Endlich werden nicht nur unsere Fantasien wahr, sondern wir haben Möglichkeiten, die niemand erträumt hatte. ()