Post aus Japan: Unfertiger Supercomputer gegen das Virus

Nippons neuer Riesenrechner Fugaku ist noch im Bau. Dennoch soll er bereits bei der Suche nach einer Coronavirus-Therapie helfen, besonders für Japans Senioren.

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Logo von Fugaku.

(Bild: RIKEN)

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Eine Nachricht aus Tokio zeigt, wie verzweifelt die Welt nach Mitteln gegen die Coronavirus-Pandemie sucht. Das japanische Erziehungsministerium (MEXT) und die Forschungseinrichtung Riken wollen ihren neuesten Supercomputer Fugaku schon ein Jahr vor dem geplanten Start nutzen. Der über eine Milliarde Euro teure bisherige Höhepunkt der japanischen Supercomputergeschichte soll selbst im unfertigen Zustand nach Arzneien suchen helfen, die gegen das Virus helfen können.

Der Plan sagt viel aus über die rasante Entwicklung von Rechenhirnen. Die neue Anlage soll letztlich 100 Mal schneller sein als sein Vorgänger K, der bei seinem Start im Jahr 2011 die rechenstärkste Maschine der Welt war und voriges Jahr abgeschaltet wurde. Doch obwohl erst ein Sechstel von Fugakus Kapazität arbeitsfähig ist, leistet er schon acht Mal mehr Rechenoperationen als sein Vorgänger.

Der erste Nutzer dieser Kraft wird Professor Yasushi Okuno von der Kioto-Universität sein. Er will unter rund 2.000 existierende Medikamenten nach Kandidaten fahnden, die auf molekularer Ebene das Virus neutralisieren können. Bereits in einem Monat hofft der Wissenschaftler auf erste Ergebnisse.

Die Zeit drängt, gerade in Japan. Am Mittwoch warnte ein wissenschaftlicher Krisenstab der Regierung, dass die Pandemie ohne Gegenmaßnahmen mehr als 400.000 Menschenleben in Japan kosten könnte. Die Wissenschaftler glauben zwar nicht, dass es so schlimm kommt. Aber sie wollten es nur noch mal sagen, um die Japaner zu erschrecken. So wollen sie mehr Menschen dazu bringen, am seit 8. April geltenden Notstand teilzunehmen und die Zahl ihrer Sozialkontakte radikal zu reduzieren.

Die Höhe der Schätzung ist dabei eine Funktion von Japans Altersstruktur. Die Alterung ist in Japan schon so weit fortgeschritten, dass die Bevölkerung bereits seit mehr als zehn Jahren sinkt. Nach der neuesten, diese Woche veröffentlichen Schätzung schrumpfte die Einwohnerzahl 2019 um den Rekordwert von 276.000 auf 126,167 Millionen Menschen. Und von denen sind 28,4 Prozent älter als 65 Jahre und damit besonders anfällig für das tödliche Virus.

In Japan sind bisher mehr als neun Prozent der erkrankten 80- und 90-Jährigen an den Folgen von Covid-19 verschieden, berichtete Japans Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt diese Woche. Der Wert für die über 70-Jährigen liegt demnach bei 5,7 Prozent, für 60-Jährige bei 1,1 Prozent, für 50-Jährige bei 0,5 Prozent und für 40-Jährige bei 0,17 Prozent. Doch ein Blick nach Korea, das schon weitaus mehr Patienten verarzten musste als Japan, legt nahe, dass die Sterberaten deutlich höher ausfallen könnten. Mit einer durchschnittlichen Sterberate von 1,5 Prozent lag Südkorea ungefähr gleichauf mit Japan. Aber bei den über 80-Jährigen kassierte das Virus bis Ende März 17,5 Prozent der Erkrankten ein.

Und dies sind Werte, die bei guter Pflege erreicht werden. Sollte das Gesundheitssystem überrollt werden, dürften dann das Horrorszenario der japanischen Epidemiologen wahrwerden – besonders auf dem Land. Denn in 27 der 47 Präfekturen machen die Menschen im Rentenalter bereits mehr als 30 Prozent der Bevölkerung aus. Gleichzeitig ist dort die medizinische Versorgung schlechter als in den modernen und noch durch Landflucht wachsenden Städten. Ohne Behandlungsmethoden droht damit gerade Japans ländlichen Regionen, die massiv gealtert ist, eine humanitäre Katastrophe, wenn die Gesellschaft die Epidemie nicht eindämmen kann.

(bsc)