Post aus Norwegen: Nutzungsgebühr statt Maut und Kfz-Steuer

Im Land der Fjorde zahlen die Menschen viel Geld fürs Automobil. Eine verwendungsabhängige Zahlung soll den Fahrzeugbesitz gerechter machen – und dennoch den CO2-Ausstoß reduzieren.

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Verkehr auf der Autobahn von einer Brücke aus gesehen

(Bild: Shutterstock/Ulf Wittrock)

Von
  • Ben Schwan

Deutsche, die mit dem Auto nach Norwegen fahren, bekommen regelmäßig einen schweren Schreck, wenn sie lesen, was hier das Befahren von mautpflichtigen Tunneln, Brücken oder Straßen kostet. Da werden dann je nach Strecke schon mal locker 15 Euro ohne Rabatt fällig – für eine einzige Durchfahrt.

Diese Mondpreise – von den Norwegern gehasst, aber letztlich dennoch zähneknirschend akzeptiert – kommen daher, dass feste Landverbindungen den früheren Fährverkehr ersetzen, die Fähren an sich schon extrem teuer sind und die armen Autofahrer dann eben auf der neuen Straße das Gleiche zahlen, was früher für die Überfahrt per Schiff zu berappen gewesen wäre. Aber auch ganz normale (neue oder renovierte) Straßen und Tunnel kosten viel Geld.

Post aus Norwegen

Norwegen ist ein Paradoxon: Die größte Öl- und Gasnation Europas ist gleichzeitig Klimaschoner Nummer Eins bei Stromerzeugung und Autoverkehr. An dieser Stelle berichtet Ben Schwan über Innovationen aus dem Land der Fjorde – und seine Eigenarten.

In vielen Fällen zahlen die Autofahrer die Hälfte oder gar mehr der Investitionskosten per Maut ab – und das auch mal 20 oder 30 Jahre lang. Sonst, so behaupten es zumindest die Politiker im Land mit dem größten Staatsfonds des Erde, reiche es für die Infrastruktur eben nicht. Das führt dann im Geldbeutel der Bürger dazu, dass in manchen Regionen des Fjordreiches ein Monatsgehalt im Jahr für Mautzahlungen drauf geht.

Hierin steckt auch das Geheimnis des norwegischen Erfolges bei den Elektroautos: Für diese zahlte man über Jahre gar keine Maut (oder nur die für den Fahrer und nicht das Auto), mittlerweile wurden die Preise auf die Hälfte des Regulärtarifs erhöht, womit sich immer noch gehörig sparen lässt.

Dennoch versucht der norwegische Staat nun, ein neues Modell zu finden, um das Autofahren, um das man insbesondere in den ländlichen Distrikten schlicht nicht herumkommt, sozial gerechter zu machen. Parallel dazu soll auch noch der CO2-Ausstoß abgesenkt werden, weil zumindest an Orten mit besserer Nahverkehrsinfrastruktur ein Anreiz geschaffen wird, lieber Bus oder Bahn zu verwenden.

Statt Maut, Fährenticket und Kfz-Steuer ist der Vorschlag einer Nutzungsgebühr auf dem Tisch, eine Art Flatrate, bei der es um die zurückgelegten Kilometer geht – und nicht mehr darum, ob nun auf der Route ein teurer neuer Tunnel oder eine Bootsverbindung liegt. Das Institut für Transportwirtschaft (TØI) in Oslo hat den Plan erarbeitet. In dem Vorschlag würde es eine Grundgebühr von 2 Euro-Cent pro Kilometer geben. Diese erhöht sich allerdings dynamisch.

Ist man auf einer Route unterwegs, die stark befahren oder luftverschmutzungsmäßig besonders belastet ist, wird es teurer – ebenso wie in der Rushhour. Dann kommen noch einmal 50 Cent pro Kilometer hinzu. Auch könnte man die Gebühr anpassen, je nachdem, ob man einen Verbrenner oder ein E-Auto (das ja auch Straßenplatz verbraucht) verwendet. Technisch umsetzbar ist das alles – schon jetzt haben viele Norweger sogenannte Autopass-Empfänger an ihren Wagen, um automatisch für Gebührenzonen zu zahlen. Alternativ ginge es aber auch per schlichter App oder Kennzeichenerkennung.

In den Distrikten reduziere sich der Preis dann deutlich – genau da, wo das Auto auch am wenigsten Schaden anrichtet beziehungsweise am (lebens)notwendigsten ist. Zwar zahlt man sich in Oslo in der Rushhour auch jetzt schon an Maut dumm und dämlich, doch der Schaden sei hier auch am größten, so die Verkehrsökonomen.

Nur wenn die Verkehrsspitzen reduziert würden, verbessere sich auch die Luftqualität und die Lärmbelastung. Entsprechend ist mit dem Plan des TØI für die Großstädter mit noch höheren Preisen zu rechnen. Was allerdings auch im Sinne der aktuellen Politik der Stadtverwaltung Oslos ist, in der die örtlichen Grünen ein gewichtiges Wort mitzureden haben – so werden immer mehr autofreie Zonen eingerichtet.

Ob die Idee wirklich eine Chance hat, ist noch unklar. An den Fjorden der Westküste würde man sich jedenfalls freuen. Dort ist gerade ein milliardenteures Verkehrsprojekt gestartet, dass eine Inselgruppe mit Brücken und Tunneln ans Festland anbinden soll. Die Preise für eine nichtrabattierte Durchfahrt wurden kürzlich bekanntgegeben: Die Verkehrsbehörden rechnen mit 200 norwegischen Kronen. Das entspricht bei aktuellem Kurs fast 20 Euro pro Durchfahrt in einer Richtung. Ein "Goodie" gibt es: Wer 60 Mal pro Monat (1200 Euro) fährt, darf den Rest des Monats gratis durch.

(bsc)