Post aus Norwegen: Schneller aus der Feuerhölle

Töne könnten helfen, Menschen aus brennenden Tunneln zu leiten, in denen sie nichts mehr sehen können. Trondheimer Forscher testen die neue Evakuierungstechnik.

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(Bild: Sintef / Thor Nielsen)

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Wer im Tunnel einen Unfall hat, kann im Regelfall nicht leicht von Rettungskräften erreicht werden. Bricht ein Feuer aus, kommt es häufig zu Kollisionen und Warteschlangen, Autos versperren Feuerwehr und Sanitätern den Weg. In Norwegen, wo es äußerst viele Tunnel zur Durchquerung der Berge und Fjorde gibt, ist dies ein besonders drängendes Problem, denn es kann potenziell hohe Opferzahlen geben.

Ein Forschungsteam aus Trondheim hofft nun, das Problem mit neuer Technik zu lösen, die Menschen mittels Tonsignalen dabei helfen kann, den Weg aus einem verrauchten, dunklen Tunnel selbst zu finden. SINTEF – die größte unabhängige Forschungsorganisation Skandinaviens – testete das Verfahren im Auftrag der norwegischen Straßenverwaltung (Norwegian Public Roads Administration) und der Technikfirma Trafsys. Letztere hat sich auf die Entwicklung von intelligenten Transportsystemen spezialisiert.

Ziel des "EvacSound"-Projekts sei es, ein universelles und vor allem sprachneutrales System zu entwickeln, das Beschilderungs- und Beleuchtungssystemen ergänzen soll, erklärt Tron Vedul Tronnstad, wissenschaftlicher Leiter des Projekts. Gunnar Jenssen vom SINTEF erklärt die Notwendigkeit eines solchen Systems: "Es gibt nicht genug Zeit, um die selbe Notfallansage in 15 oder 20 Sprachen aufzusagen. Zeit ist wertvoll, wenn man einem Feuer im Tunnel entkommen will."

Unfälle in der Vergangenheit haben gezeigt, wie viele Nationen in so einem Fall zusammenkommen können. Als ein LKW im norwegischen Gudvanga-Tunnel im Jahr 2013 brannte, waren mehr als sechzig Prozent der Betroffenen ausländische Touristen, viele davon aus China, andere beispielsweise aus Frankreich, Russland, Israel, Polen und Deutschland. Ansagen auf Norwegisch und Englisch sind daher nicht ausreichend – und sie helfen auch nur indirekt, den richtigen Weg zu finden.

Um EvacSound zu testen, wurden in einer Höhlenanlage in der Nähe von Trondheim 30 Menschen aller Altersgruppen mit einer Brille ausgestattet, die Rauch simulieren sollte und ihr Sehvermögen beeinträchtigte. Auch wurde der Ernstfall auditiv nachempfunden, etwa mit den Geräuschen großer Ventilatoren, wie sie in Tunneln zum Einsatz kommen, wenn diese bei Bränden entraucht werden müssen. Über die Lautsprecher wurden zwei unterschiedliche Hörsignale getestet, auch mussten die Teilnehmer in einem der Durchläufe ganz ohne die Lautsprecher auskommen. Zwei Drittel aller Teilnehmer verstand intuitiv, welche Schallsignale ihnen helfen sollten, den Weg aus dem Tunnel zu finden und es gelang ihnen auch. Menschen zwischen 20 und 30 Jahren fiel das allerdings deutlich leichter als bei älteren Personen. "Das haben wir erwartet, da wir wissen, dass das Hören sich mit dem Alter verschlechtert", sagt Tronstad. Umso wichtiger sei die Bereitstellung unterschiedlichster Leitsysteme.

Post aus Norwegen

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Die Idee besteht auch darin, ein System zu kreieren, das jedem Individuum ein verlässliches Leitmittel an die Hand gibt. Nicht selten kommt es laut SINTEF beispielsweise vor, dass Einzelne eine ganze Gruppe in die falsche Richtung leiten, denn Rauch ballt sich manchmal ausgerechnet am Tunnelausgang. Trafsys und SINTEF planen nun weitere Experimente in anderen Höhlen, um die Tonsignale zu verfeinern.

(bsc)