Präzisionsepidemiologie: Genetiker machen Jagd auf den Corona-Erreger

Mehrere Gruppen suchen nach genetischen Gründen dafür, dass COVID-19 manche Menschen tötet und manche kaum betrifft. Bislang aber gab es keine Treffer.

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Manche Menschen sterben an COVID-19, andere haben nach einer Infektion mit dem Virus nicht einmal leichte Symptome. Aber noch immer kennen Wissenschaftler nicht die Gründe dafür. Das Genetik-Unternehmen 23andMe könnte jetzt zur Aufklärung beitragen. Es bietet 10.000 kostenlose Gentest für Personen an, die wegen der Infektion im Krankenhaus waren. Auf diese Weise könnten genetische Faktoren erkennbar werden, die zu Antworten führen.

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Bekannt ist, dass Menschen höheren Alters und mit gesundheitlichen Problemen wie Diabetes am stärksten gefährdet sind. Doch bislang versteckte genetische Gründe könnten die Erklärung dafür sein, dass manchmal auch junge und zuvor gesunde Patienten eine COVID-Infektion nicht überleben.

23and Me betreibt eine umfangreiche Gen-Datenbank mit Daten von mehr als 8 Millionen Kunden, von denen viele der Verwertung zu Forschungszwecken zugestimmt haben. In früheren Fällen hat das Unternehmen Verbraucher-Daten für die Suche nach genetischen Ursprüngen von Schlaflosigkeit, Homosexualität und anderen Merkmalen verwendet.

Und in diesem April schickte das in Sunnyvale in Kalifornien ansässige Unternehmen Fragebögen zu COVID-19 an viele seiner Mitglieder. Bislang haben sich laut einem Sprecher 400.000 zur Teilnahme gemeldet, darunter 6000 Kunden, bei denen nach ihren eigenen Angaben eine Infektion festgestellt wurde.

Die Gen-Jagd von 23andMe ergänzt ähnliche Bemühungen von Forschern an Universitäten, die ebenfalls genetische Profile von Corona-Patienten erstellen und sie mit exakten Medizinakten abgleichen wollen, erklärt Andrea Ganna, Koordinator der COVID-19 Host Genetic Initiative. In dem internationalen Konsortium werden genetische Daten zu Fällen aus Italien, Großbritannien und den USA geteilt und die Ergebnisse regelmäßig veröffentlicht.

Wissenschaftler hoffen darauf, ein Gen zu finden, das weitgehend oder sogar komplett darüber bestimmt, wie schwer eine Person vom Coronavirus betroffen ist. Für solche genetischen Faktoren gibt es bei anderen Krankheiten bekannte Beispiele. Mutierte Sichelzellen-Gene etwa sollen für Resistenz gegen Malaria sorgen, Varianten von anderen Genen schützen gegen HIV oder den Magen-Darm-Erreger Norovirus.

Laut Ganna haben erste Analysen der Gene von 900 Patienten mit COVID-19 jedoch keine klaren genetischen Treffer gebracht. Das Konsortium will jetzt doppelt so viele Fälle untersuchen, was die Chancen erhöht, einen Zusammenhang zu erkennen.

„Wenn wir nicht innerhalb etwa eines Monats ein deutliches Signal finden, dann wird Genetik meiner Meinung nach keinen sehr großen Wert beim Umgang mit der Krankheit haben, etwa um zu bestimmen, wer behandelt wird“, erklärt er. „Immer noch sehr wichtig ist aber die Biologie. Über Genetik könnte man sie verstehen und dann zu einem Impfstoff kommen.“

In seiner ersten Studie fragte 23andMe Kunden nur danach, ob bei ihnen Covid-19 diagnostiziert wurde oder nicht. Jetzt will das Unternehmen gezielt Patienten finden, die im Krankenhaus waren und sich erholt haben, weil deren Gene eher wichtige Informationen enthalten könnten.

Forscher haben bereits spekuliert, dass die Blutgruppe eines Menschen Einfluss auf seine Version von ACE-2 haben könnte; dieses Protein nutzt das Coronavirus, um sich an Zellen zu binden und Zugang zu ihnen zu bekommen. Doch auch dazu hat die Gen-Jagd bislang keine neuen Erkenntnisse geliefert.

Die genetische Suche ist Teil von wissenschaftlichen Bemühungen, zielgenauer mit der Pandemie umzugehen – manche sprechen von „Präzisionsepidemiologie“. Neben 23andMe beteiligt sich auch das DNA-Test-Unternehmen Ancestry daran: Für ein weiteres Corona-Projekt hat es nach eigenen Angaben 250.000 Antworten bekommen.

(sma)