Private Satelliten für jedermann

Das japanische Unternehmen Astro Research verspricht, für nur 660.000 Euro bis zu fünf Kilogramm Nutzlast mit einem Mikrosatelliten im erdnahen Orbit zu halten.

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  • Martin Kölling, Tokio

Stolz präsentiert Ted Mitsuteru Sugiki an einem großen Konferenztisch sein bisher schlagzeilenträchtigstes Projekt: den persönlichen Satellitendienst, Produktname MySat. Es handelt sich um einen blau schimmernder Würfel mit einer Kantenlänge von von gerade einmal 25 Zentimetern. Er hat einen kleinen Sender an Bord und bietet Kunden im 100 Kubikzentimeter großem Laderaum Platz für bis zu fünf Kilogramm an persönlichen Habseeligkeiten. Sugikis Unternehmen Astro Research verspricht, die Fracht in den erdnahen Orbit zu schicken und im Auftrag der Kunden zu verfolgen. Das Ganze kostet nur 660.000 Euro, ein Bruchteil eines bemannten Raumflugs. „Ich will jedem ermöglichen, das All zu nutzen“, schildert Sugiki seine Vision.

Sugikis Angebot steht für einen Trend: Der Weltraum verliert seine Exklusivität. Nachdem 2004 mit dem SpaceShipOne erstmals ein privates Raumfahrtzeug an die Grenze zum All vorgestoßen ist, schießen die Anbieter von privaten Weltraumflügen fast wie Pilze aus dem Boden. Dazu gehören das europäische "Project Enterprise", Space Adventures, Virgin Galactic, Starchaser, Blue Origin, Armadillo Aerospace, XCOR Aerospace, Rocketplane Limited und Excalibur Almar, zu dessen Investoren Sugiki gehört. Bereits vorhanden: Die Russen nehmen gegen fürstliche Bezahlung nicht nur Passagiere mit in den Raum. Sie bieten auch Parabelflüge, bei denen Kunden für eine kurze Zeit Schwerelosigkeit erleben können.

Nun fällt auch eine weitere von Nationen und Großkonzernen dominierte Domaine in die Hände der Allgemeinheit: der Satellitenbau. In Japan setzt nicht nur Sugikis Astro Research Orbiter zusammen. Unter dem Motto „Lass uns einen Satelliten mit der Technik von Kleinunternehmen bauen“ hat Mitte November eine Gruppe von Mittelständlern aus der Industriemetropole Osaka ebenfalls einen Satelliten vorgestellt, gegen den Sugikis Würfel verblasst. Sohla-1 soll 2008 auf Japans Vorzeigerakete H-II A starten und die Entstehung von Gewitterwolken beobachten. Das Ziel des Mittelstand-Konsortiums ist eine Massenfertigung des Mikrosatelliten. Der noch in Bau befindliche Sohla-2 könnte bereits 2007 starten. Auf welcher Rakete, steht noch nicht fest. Nur auf eine Namensänderung haben sich die Beteiligten bereits geeinigt. Die Satelliten aus Osaka werden „Maido“ heißen. Das rufen Kaufleute in Osaka ihren Gästen nach und bedeutet soviel wie „Danke für ihren Besuch“.

Auch Sugiki dürfte sich bedanken. Denn letztlich kämpft der Unternehmensgründer um die gleiche Klientel wie die doch recht tatkräftig vom Staat und der japanischen Raumfahrtbehörde Jaxa unterstützten Kleinunternehmer Osakas. Seine Ambitionen erschöpfen sich längst nicht darin, für zahlungskräftige Kunden einen piependen Würfel in eine Umlaufbahn zu schießen. Er will Astro Research mit innovativen Angeboten zu einem der führenden, privaten Satellitenunternehmen ausbauen. Schließlich sieht er sich nicht als Scharlatan, sondern als ernsthaften Raumfahrtingenieur.

Jahrelang entwickelte Sugiki bei Japans führendem Weltraumunternehmen Mitsubishi Heavy Industries an Raketen mit, bis er das erste und bisher einzige Weltraum-Start-up Japans gründete. Heute stammt ein Großteil seiner Einnahmen aus der der Evaluierung von Raumfahrtprojekten der Jaxa und anderer Weltraumagenturen. Das Motiv für den Sprung in die Selbstständigkeit: Ihm graute davor, seinen Traumjob in der Werkhalle zu verlieren und, wie in der Branche üblich, im Alter von 40 Jahren an irgendeinen Schreibtisch in der Verwaltung versetzt zu werden. Diese Verschwendung von Wissen habe die wiederholten Rückschläge und Verzögerungen zu verantworten, die Japans Weltraumprogramme immer wieder zurückwerfen, schimpft Sugiki. Er wollte sein Wissen weiter in Projekte und Produkte ummünzen.

Als Kunden schweben dem Visionär neben Privatleuten vor allem Forscher und Unternehmen vor, die gerne eigene Weltraumversuche durchführen würden, sich aber keine „richtigen“ Satelliten für 50 Millionen Dollar leisten können. Sein Angebot umfasst daher auch höher entwickelte Modelle als den tumben MySat-1, der im Prinzip nichts weiter kann als in 600 bis 800 Kilometer Höhe unkontrolliert rotierend die Erde zu umkreisen.

Das erste Modell für ernsthafte Anwendungen ähnelt äußerlich MySat-1. Allerdings halten Stabilisatoren die Rotationsachse des künstlichen Trabanten in Erdrichtung. Dank der eingebauten Funkanlage können die Kunden am Boden mit dem Satelliten kommunizieren und so ihre Versuche durchführen – oder ein anderes Gimmick nutzen. Sugiki will den Satelliten auch mit einer Digitalkamera und einem kleinen Flüssigkristallbildschirm ausstatten, auf den von der Erde Botschaften geladen werden können. Wenn die Kamera dann die Erde filmt, ist unten gleichzeitig die gewählte Einblendung zu sehen. Eine nette Idee für Werbezwecke.

Den niedrigen Preis der Orbiter verdankt Sugiki zwei Ideen. Zum einen baut er seine Produkte so kompakt, dass die Raumfahrtunternehmen sie gerne huckepack als Beifracht beim Start von großen Satelliten mitnehmen. Dadurch sinken die Startkosten. Zum anderen verwendet Sugiki kaum speziell für die Raumfahrt entwickelte, sondern fast ausschließlich preiswerte, handelsübliche Bauteile. Als Sahnehäubchen befriedigt er ein sich möglicherweise sanft regendes ökologisches Gewissen. Die beiden Einstiegsmodelle sind mit Bremsanlagen ausgestattet, die nach zwei bis drei Jahren im All den Satelliten langsam absinken und nach 20 bis 30 Jahren in der Erdatmosphäre verglühen lässt. “Wir wollen nicht, dass die Satelliten die Erde als Raummüll umkreisen“, gibt sich Sugiki weltraumumweltbewußt.

Für noch wählerischere Kunden bietet Sugiki größere Satelliten russischer oder chinesischer Bauart an. Gleichzeitig versucht Astro Research, das ganz große Rad zu drehen. Gemeinsam mit Partnern entwickelt er an zwei kommerziellen Projekten. 2009 will er einen Satelliten für Breitbandinternetübertragung ins All schicken. Mit dem könnten Entwicklungsländer in Ballungsgebieten ohne große Investitionen in feste Infrastruktur kostengünstig Internetverbindungen mit Datenraten von 1,5 Mbps anbieten. Auch die Versorgung bewegender Objekte wie Schiffe und Flugzeuge wäre möglich, denkt der Visionär.

Beim zweiten Vorhaben handelt es um einen Wettersatelliten, der hochaufgelöste Farbbilder in Echtzeit liefert. Bei bisherigen Modellen gibt es sie nur in großen Intervallen oder mit Verzögerung. Sugiki verspricht, so die Wettervorhersage zu verbessern. Außerdem wittert Sugiki ein Geschäft im mobilen Internet: So könnten Japans kommerzielle Wetterfrösche ihren Kunden im Handy-Internet gegen eine geringe Gebühr von ein bis zwei Euro mit Hilfe der bunten Bilder bei der Auswahl von Ausflugszielen helfen. Vor dem Wochenendausflug könnten sich Kunden auf ihren Handys bunte Live-Satellitenbilder von diversen Zielorten anschauen und sich je nach der aktuellen Wetterlage für den einen oder anderen entscheiden. Im Großraum Tokio mit seinen 30 Millionen Einwohnern, in dem man ein bis zwei Stunden Bahnfahrt investieren muss, um ins Grüne zu kommen, ist das durchaus ein erfolgversprechendes Angebot.

Die Zukunft von Sugikis Visionen ist allerdings ungewiss. Nicht alle Ideen Sugikis heben ab. 2005 machte er Schlagzeilen mit einer „Mond-Gedenkgottesdienst“. Als einer von mehreren Anbietern weltweit versprach Sugiki, die Asche von teuren Verstorbenen auf die ruhige Mondoberfläche zu schicken und dann von dort einen Gedenkgottesdienst auf die Erde zu senden. Für die Versendung von zwei Gramm des geliebten Haustiers bot er zudem einen „Puti Memorial Service“ an (puti ist die japanische Umschreibung des französischen Worts petit, zu deutsch klein). Das Projekt laufe noch weiter, aber den für 2007 oder 2008 geplanten Start der Raumurne hat er auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben müssen. „Für 70 Kilogramm Asche benötigen wir 5000 Menschen“, erklärt Sugiki, „so viele zu finden, ist sehr schwierig.“ Und ob die Beteiligung an dem privaten Raumfluganbieter Excalibur Almar Früchte trägt, ist unsicher. Denn einer der wichtigsten Finanziers, Japans Internet-Investor Takafumi Horie, steht wegen Bilanzfälschung vor Gericht.

Bei so viel Unwägbarkeiten hält sich der umtriebige Weltraumingenieur auch am Boden ein Türchen offen. Seit diesem Herbst bietet er einen neuartigen Tennis-Aufschlag-Roboter an. Der schießt die Filzbälle nicht übers Netz wie bisherige Automaten, sondern drischt sie wie ein Mensch mit einem Schläger ins gegnerische Feld. (wst)