Ratte, rette mich: Trainierte Nager sollen Vermisste suchen

Suchhunde bekommen Verstärkung: Die belgische Organisation APOPO trainiert Ratten, um an Stellen vorzudringen, wo Hunde nicht hinkommen.

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"HeroRAT" beim Training.

(Bild: APOPO)

Von
  • Boris Hänßler

In Trümmern sind Menschen schwer zu finden. Nach einem Erdbeben beispielsweise setzen Rettungstrupps oft speziell ausgebildete Suchhunde ein, um Vermisste unter den Geröllteilen aufzuspüren. Die Hunde können Gerüche feiner wahrnehmen als Menschen. Sie bellen, wenn sie jemanden finden. Allerdings können selbst Hunde nicht an alle Stellen vordringen. Daher könnten Suchteams künftig um eine tierische Einheit erweitert werden, die dem Sprichwort nach eigentlich als erste das sinkende Schiffe verlässt - ausgerechnet Ratten.

Die gemeinnützige belgische NGO APOPO mit Sitz in Tansania setzt schon seit Jahren erfolgreich sogenannte Riesenhamsterratten ein, um in ehemaligen Kriegsgebieten nach versteckten Landminen zu suchen. Anders als Metalldetektoren ignorieren die Ratten jeglichen Metallschrott und erschnüffeln nur den Sprengstoff, weshalb sie schneller und effizienter arbeiten als Menschen mit ihren maschinellen Detektoren.

Die sogenannten 'HeroRATs" haben bereits vielen Gemeinden wieder gesichertes Land für die Entwicklung der Landwirtschaft zurückzugeben. APOPO trainiert die Ratten aber auch, um Tuberkulose herauszuriechen. Es ist das gleiche Prinzip wie bei Landminen: die Ratten sind darauf ausgerichtet, den Geruch spezifischer Moleküle zu erkennen, die auf das Vorhandensein des Tuberkulose-Erregers schließen lassen. Verschüttete Menschen aufzuspüren ist nun also das dritte Einsatzgebiet der HeroRATs.

Die Ratten haben einen erstaunlichen Geruchssinn. Ihre Riechzellen in der Nasenhöhle detektieren wie bei anderen Lebewesen auch Duftstoffe in der Atemluft, und erzeugen elektrische Signale, die das Gehirn zur Geruchswahrnehmung nutzt. Riechzellen sind so genannte olfaktorische Rezeptorneurone – sie verfügen über feine Sinneshärchen mit einen Durchmesser von circa 0,0001 Millimeter. Das menschliche Haar hat Durchmesser von etwa 0.04 bis 0.12 Millimetern. In der Membran der Härchen befinden sich spezielle Rezeptorproteine. Duftstoffe binden an diese Rezeptoren. Dadurch wird die Zelle aktiviert, was schließlich zu dem elektrischen Signal führt. Menschen haben 380 solcher Proteine, Hunde haben 900. Eine Ratte hat über 1.200.

Bei der Suche und Rettung dringen Hunde nicht in Trümmer ein, sondern schnüffeln nur an der Außenseite herum. Ratten sind hingegen klein und können selbst dichten Schutt durchdringen. Sie haben einen weiteren Vorteil: Sie sind genauso trainierbar wie Hunde, aber nicht an ihren Trainer gebunden. Für Ratten spielt es keine Rolle, für wen sie tätig sind.

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Um die Ratten zu trainieren, gehen die Trainer schrittweise vor. Als Erstes lernen die Tiere, an ihren jeweiligen Ausgangspunkt zurückzukehren. Die Trainer lassen die Ratte in einem leeren Raum frei herumlaufen. Sobald die Tiere einen Piepton hören, sollen sie zum Trainer laufen. Dort erhalten sie aus einer Spritze als Belohnung Rattenpellets in Pulverform, gemischt mit Avocado und Banane. Im zweiten Schritt nutzen die Tiere einen Rucksack mit Gummiball. Der Ball ist mit einem Mikroschalter verbunden, der den Piepton abgibt. Die Idee ist simpel: Die Ratten sollen lernen, an dem Gummiball zu ziehen, sobald sie einen Menschen aufspüren. Das Signal ertönt, und die Ratte kehrt damit zu den Rettungskräften zurück. Die wissen nun, dass die Suche erfolgreich war. Im Durchschnitt brauchen die Ratten etwa 30 Trainingseinheiten, um diese Sequenz zu lernen.

„Wir gehen davon aus, dass sie im Durchschnitt zwischen 10 und 20 Meter weit laufen können, maximal etwa 30 Meter, so dass wir ein großes Gebiet abdecken können“, sagte Donna Kean, Trainierin bei APOPO, gegenüber Science. Die Rucksäcke der Ratten werden außerdem mit Mikrofon, Licht und einer Kamera ausgestattet. Um Menschen die Angst vor den heranrückenden Ratten zu nehmen, soll aus dem Rucksack eine Aufnahme kommen, die etwas sagt wie: "Ich bin eine Rettungsratte und komme, um dir zu helfen".

Die einzelnen Ratten unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit und in ihren Fähigkeiten. Einige lernen schneller als andere. „Aber aus meiner Erfahrung mit Tieren weiß ich, dass sie einen immer wieder überraschen können,“ sagt Kean. „Diejenigen, denen die Sequenz nicht so gut gelingt, können plötzlich zu den Besten ihrer Klasse gehören.“

Eine der besten Minen-Suchratten hat für ihre Arbeit bereits eine Auszeichnung erhalten: Die HeroRAT Magawa hat 39 Landminen und 28 nicht explodierte Sprengkörper gefunden. Sie hat innerhalb von vier Jahren dazu beigetragen, dass über 141.000 Quadratmeter Land (etwa zwanzig Fußballfelder) geräumt wurden, so dass sich die Menschen vor Ort ohne Angst wieder auf ihrem Land bewegen können.

Magawa wurde von der britischen Tierschutz-Organisation People's Dispensary for Sick Animals (PDSA) offiziell mit einer rattengroßen Goldmedaille - dem tierischen Pendant zum Georgs-Kreuz, das in Großbritannien tapferen Menschen verliehen wird - ausgezeichnet. Es ist die erste Ratte, die eine PDSA-Medaille erhält. Bisherige Preisträger waren mutige Hunde.

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(jle)