Raus aus der Echokammer

Der Mann, der die Pop-up-Anzeige erfunden hat, macht sich Sorgen um die Zukunft des Internet: Er fordert mehr echte Konkurrenz bei sozialen Netzwerken – und vielleicht sogar staatlich unterstützte Angebote.

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Von
  • Rachel Metz

Früher musste man ein Gesetz verabschieden oder einen Krieg anfangen, um die Welt zu verändern. Heute reicht es aus, einen Hashtag zu erfinden.

Ethan Zuckerman untersucht, wie Menschen mit Hilfe von sozialen Medien und anderen technischen Mitteln die Welt verändern oder es zumindest versuchen. Als Leiter des Center for Civic Media am MIT und Associate Professor am MIT Media Lab unterstützt er Studenten bei der Beschäftigung mit diesen Problemen. Außerdem schreibt er ein Buch über bürgerliches Engagement in einer Zeit, in der das Vertrauen in Institutionen – wie Regierungen, Unternehmen oder Banken – abnimmt.

Vielleicht ist dieser Mangel an Vertrauen gerechtfertigt. Schließlich haben wir das vergangene Jahrzehnt damit verbracht, unsere Daten großen Unternehmen wie Google und Facebook auszuliefern, ohne das richtig zu bemerken.

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Zuckerman weiß, wie es ist, Technologie zu entwickeln, die vielen Menschen gegen den Strich geht. In den 1990er Jahren erfand er etwas, das zu einem der am meisten gehassten Objekte im Internet wurde: die Pop-up-Anzeige. Das Ziel war, auf Webseiten Anzeigen zu zeigen, ohne den Eindruck zu erwecken, der Werbende mache sich ihre Inhalte zu eigen. „Unsere Absichten“, schrieb Zuckerman später in einer Entschuldigung an das Internet, „waren gut“.

Mit Technology Review sprach Zuckerman darüber, wie soziale Medien allmählich uns kontrollieren statt umgekehrt.

Wie nutzen Menschen – statt sich zum Beispiel für neue Gesetze einzusetzen – Technologie, um auf neue Arten Wandel zu erreichen?

Früher lag der wichtigste Hebel für Wandel in Gesetzesänderungen. Heutzutage ist das weniger der Fall, und wir nutzen als hebel eher die Normen von Märkten und Technologie. #MeToo ist ein Beispiel für eine normenbasierte Kampagne. Man sagt damit im Grunde, „Wir werden in Frage stellen, wie Menschen über sexuelle Übergriffe und Belästigung sprechen“. Und wenn diese Norm verändert wurde, kommen andere Aspekte, Marktaspekte ins Spiel. Aber im Kern geht es darum, zu verändern, wie bestimmte Diskussionen geführt werden.

Der Punkt bei all dem ist: Wenn man gesellschaftlichen Wandel nicht durch das traditionelle bürgerliche Modell erreichen kann, gibt es eine ganze Reihe neuer Werkzeuge, und die Leute beginnen zu lernen, wie man sie einsetzt.

Aber soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter kontrollieren oder steuern über Filter-Algorithmen, welche Informationen wir sehen. Sie haben mit den Kolleginnen Chelsea Barabas vom MIT Center for Civic Media und Neha Narula am Media Lab an einem Werkzeug namens Gobo gearbeitet, mit dem Nutzer ihre Feed selbst zusammenstellen und filtern können. Warum?

Das sollte bedeuten: „Schaut, es ist wirklich ein Fehler, einem oder zwei Unternehmen die Kontrolle über unsere digitale öffentliche Sphäre zu geben.“ Wir brauchen konkurrierende Plattformen. Wir versuchen, zu zeigen, dass man unterschiedliche soziale Netzwerke braucht, weil man mehr Kontrolle über die Filter will, die bestimmen, was man sieht und was nicht.

Wenn wir konkurrierende Plattformen brauchen, brauchen wir Werkzeuge, mit denen wir diese konkurrierenden Plattformen nutzen können. Gobo ist ein solches Werkzeug, ein Aggregator. Es aggregiert Twitter und die „aggregierbaren“ Teile von Facebook – die öffentlichen Seiten.

Also haben wir als Erstes den Aggregator gebaut. Und dann die Algorithmen, die bestimmen, welche Beiträge Sie sehen. Und statt sie zu einer streng geheimen Black Box zu machen, haben wir sie als offene Box angelegt, in die man hineingreifen und die Regler selbst einstellen kann.

Längerfristig wollen wir zu einer noch offeneren Box kommen. Wir haben Gobo so entwickelt, dass andere Menschen Filter dafür schreiben können.

Nach viel Kritik über seine Filterung von Nachrichten betont Facebook jetzt stärker die Beiträge von Freunden und Familie und weniger die von Marken. Zeigt das für Sie, dass Facebook seinen Fokus verändert?

Ich glaube nicht, dass er sich schon verändert, und ich werde es erst glauben, wenn ich ein glaubwürdiges Geschäftsmodell sehe, das auf etwas anderem basiert als auf zielgenauer Werbung.

Ich glaube, die Entwicklung eines Internet, in dem wir für nichts bezahlen müssen, war eine der destruktivsten und kurzsichtigsten Entscheidungen, die wir nur treffen konnten, denn dadurch ist unsere Aufmerksamkeit zur Ware geworden, mit der gehandelt wird. Ich meine tatsächlich„wir“, denn ich war selbst ein Teil davon. Bis Facebook sagt, „Schaut, wir bieten euch einen Service, und ihr müsst dafür bezahlen“, statt „wir erregen eure Aufmerksamkeit, verpacken sie und verkaufen sie“, werde ich es nicht glauben.

Immer mehr frühere Führungskräfte und Investoren äußern sich kritisch über Facebook. Soziale Medien würden das Gewebe der Funktionsweise unserer Gesellschaft zerreißen, heißt es zum Beispiel.

Ich glaube, einige der Leute, die das wirklich intensive Stadium des „ich war am Aufbau beteiligt“ hinter sich haben, blicken jetzt eher von außen darauf und sagen, „Oh, okay. Jetzt kann ich die politische Seite sehen, und ich bin nicht begeistert davon, mit was ich zu tun hatte“.

Wir müssen herausfinden, wie wir solche Gespräche viel früher führen können. Wir hätten diese Gespräche mit den Leuten führen sollen, die bei diesen Unternehmen arbeiten und dort Design-Entscheidungen treffen. Ich möchte diese Gespräche mit meinen Studenten führen, den die gehen häufig in diese Unternehmen und bekommen Gelegenheit, solche Entscheidungen zu treffen.

Warum ist es so schwierig, bei sozialen Medien Unternehmen wie Facebook, Instagram (das zu Facebook gehört), Twitter oder Snapchat Konkurrenz zu machen?

Das Gesetz des Netzwerk-Effekts lautet im Grunde: „Ich muss bei Facebook sein, weil jeder, den ich kenne, bei Facebook ist“. Weil Facebook so verdammt groß ist, hat es alle möglichen Vorteile, die es sehr schwierig machen, gegen es anzutreten. Facebook bekommt mehr Bandbreite und billigere Server.

Wenn also jemand als ernst zu nehmender Wettbewerber auftritt, wird Facebook ihn eher kaufen und schlucken, als wirklich am Markt gegen ihn zu konkurrieren.

Für The Atlantic haben Sie einen Beitrag geschrieben, in dem es heißt, ein öffentlich unterstütztes soziales Netzwerk könne eine Lösung für den Echokammer-Effekt sozialer Medien sein. Könnte das wirklich funktionieren?

Ich glaube, in den USA ist es vollkommen unrealistisch. In Europa schon eher. Dort gibt es eine Kultur öffentlicher Medien, in der die Vorstellung akzeptiert ist, dass man vielleicht Geld in Menschen investieren sollte, die ein Grundwissen über Politik, die Welt und die Menschen um sie herum haben. Ich könnte mir in Europa einen innovativen öffentlichen Rundfunkanbieter vorstellen, der sagt, „vielleicht bauen wir ein soziales Netzwerk aus, das mit anderen sozialen Netzen kompatibel ist und Algorithmen hat, mit denen man einstellen kann, welche Nachrichten über die Welt oder das eigene Umfeld man bekommt, und diese Einstellungen sichtbar und veränderbar macht“.

(sma)