Reif für die Insel

In Berlin-Adlershof steht eine gewaltige Versuchsanlage, welche die Azoren-Insel Graciosa autark machen soll. Die Technik kann auch dazu dienen, das europäische Stromnetz zu stabilisieren.

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  • Gregor Honsel

In Berlin-Adlershof steht eine gewaltige Versuchsanlage, welche die Azoren-Insel Graciosa autark machen soll. Die Technik kann auch dazu dienen, das europäische Stromnetz zu stabilisieren.

Die Azoren sind eine der abgelegensten Inselgruppen der Welt, und Graciosa ist eine der abgelegensten Inseln der Azoren. Rund 70 Kilometer ist das nächste Nachbar-Eiland entfernt, 260 Kilometer sind es bis zur Hauptinsel – viel zu weit für ein verbindendes Stromkabel. Und so müssen die 4500 Inselbewohner jede einzelne Kilowattstunde Strom selbst erzeugen. Derzeit tuckern dazu mehrere große Dieselgeneratoren vor sich hin. Ihr Treibstoff wird einmal per Woche von einem Tankschiff geliefert. Da große Tanker nicht im Hafen von Graciosa landen können, muss der Diesel dazu eigens auf ein kleineres Schiff umgeladen werden.

Kein Wunder, dass die Stromerzeugungskosten auf Graciosa mit mehr als 30 Cent pro Kilowattstunde exorbitant hoch sind. Doch genau das macht Graciosa zum idealen Testfeld für eine Technik, die auch für die Energiewende auf dem Festland von zentraler Bedeutung ist. „Wir haben nach einem Geschäftsmodell für unsere Technik gesucht – und die Insel gefunden“, sagt Philip Hiersemenzel, Sprecher des Berliner Start-ups Younicos. „Fast überall, wo Diesel laufen, sind wir konkurrenzfähig.“ Das gelte weltweit immerhin für rund 160 Gigawatt Kraftwerksleistung.

Graciosa stellt davon zwar nur den Bruchteil von 2,5 Megawatt. Dafür aber erwartet die Bewohner ein richtungsweisendes Projekt: Gemeinsam mit EDA, dem Energieversorger der Azoren, und anderen Investoren will Younicos das Energiesystem auf Graciosa bis 2014 komplett umbauen. Die Projektpartner installieren dazu nicht nur 500 Kilowatt Photovoltaik- und 5,4 Megawatt Windkraftanlagen neu. Sie errichten auch gewaltige Akkus mit einer Leistung von 2,75 Megawatt und einer Kapazität von 10 Megawattstunden – das Herzstück der künftigen Energieversorgung.

Das Zusammenspiel von Wind, Sonne und Speicher soll den Strom auf Graciosa gleichermaßen preiswerter und sauberer machen als heute. Bis zu 70 Prozent der Energie sollen die regenerativen Quellen liefern. Erst darüber hinaus müssen Dieselgeneratoren einspringen. Eine hundertprozentige Versorgung mit Erneuerbaren mache wirtschaftlich keinen Sinn, erklärt Hiersemenzel. Die Projektpartner wollen später aber auch die Dieselaggregate auf Biosprit aus landwirtschaftlichen Abfällen umstellen – dann wäre Graciosa als eine der weltweit ersten Inseln vollends autark.

Als „energieautonom“ bezeichnet sich beispielsweise zwar auch die dänische Insel Samsø, aber das bezieht sich nur auf die Gesamtbilanz des Stroms. Per Stromleitung ist Samsø nach wie vor ans Festland angeschlossen, um überschüssigen Strom aus Wind und Sonne zu exportieren und fehlenden zu importieren. Ist diese Sicherheitsleine nicht vorhanden und müssen dann auch noch so unsichere Gesellen wie Wind und Sonne unter einen Hut gebracht werden, bedeutet das einen deutlich größeren Aufwand. Um die Feinheiten des nötigen Regelsystems zu erforschen, hat Younicos in Berlin-Adlershof für zwölf Millionen Euro das gesamte Inselsystem im Maßstab eins zu drei nachgebaut. (grh)