Reif für die Insel

El Hierro im Atlantik ist ab Juni als erste Insel der Welt energieautark [--] und ein Modell für weitere abgelegene Eilande.

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  • Reiner Wandler

El Hierro im Atlantik ist ab Juni als erste Insel der Welt energieautark – und ein Modell für weitere abgelegene Eilande.

Sechstausend Tonnen Heizöl bringen Tankschiffe bisher jährlich nach El Hierro. Das wird zur Stromerzeugung benötigt. Ab Sommer ist damit Schluss. Die 11000 Einwohner der kleinsten der sieben Kanarischen Inseln werden künftig ihre elektrische Energie komplett aus erneuerbaren Quellen gewinnen – und zwar aus Windrädern, die sich auf einem Hügel über der Küste entlangziehen.

El Hierro, die kleine, spärlich bewachsene Vulkaninsel mitten im Meer, schreibt damit Geschichte: Das rund 270 Quadratkilometer große Eiland ist das erste weltweit, das komplett auf fossile Brennstoffe verzichten wird. "Wir werden ab Ende Juni 18700 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr vermeiden", erklärt der Inselpräsident Alpidio Armas. Der sozialistische Politiker steht nicht nur der Regierung vor, sondern auch der Gorona del Viento, dem Betreiber der Anlage.

Mit dem Windkraftwerk geht ein 30 Jahre alter Traum in Erfüllung. Technisch machbar wäre das Projekt zwar schon früher gewesen. Es rechnete sich allerdings erst, als der Windkraft-Boom die Technologie billiger machte.

Nun könnte El Hierro zum Modell für andere Inseln werden. Allein in Europa leben 17 Millionen Menschen auf abgelegenen Eilanden. Weltweit sind es 600 Millionen. Mit Energie versorgen sie meist Tankschiffe und Dieselgeneratoren – wenn überhaupt. Das ist nicht nur teuer, sondern auch umweltschädlich. Deshalb kommen immer wieder Besucher von anderen Inseln, um sich El Hierros Alternative anzuschauen. "Eine Delegation der Oki-Inseln in Japan, von Aruba in der Karibik und von Samsø in Dänemark sowie aus Indonesien haben sich bei uns informiert", erklärt Firmensprecherin Cristina Morales.

Das Herzstück des neuen Energiesystems sind fünf Generatoren der deutschen Firma Enercon mit einer Gesamtleistung von 11,5 Megawatt. Damit das Licht nicht ausgeht, wenn der Wind einmal nicht bläst, wurden zwei riesige Stauseen als Energiespeicher errichtet. Der obere besitzt ein Fassungsvermögen von 380.000 Kubikmetern und befindet sich in einem alten Krater. Der untere liegt rund 700 Meter tiefer, fasst 150.000 Kubikmeter und musste eigens ausgehoben werden. Über Sturzleitungen rauscht das Wasser hinab. Die Turbinen haben eine Gesamtleistung von über elf Megawatt – genug also für die sieben Megawatt Spitzenbedarf der Insel. Sinkt der Konsum nachts auf rund zwei Megawatt, treiben die Mühlen eine Meerwasserentsalzungsanlage an und pumpen mit der restlichen Energie das obere Becken wieder voll.

Dieselaggregate stehen als letzte Reserve bereit. Läuft alles wie geplant, werden sie aber wohl nur sehr selten nötig sein. "Wir lösen gleich zwei Probleme", sagt Armas. "Unsere Versorgung mit Energie und mit nachhaltigem Trinkwasser." Insgesamt wurden 82 Millionen Euro investiert, die Zentralregierung in Madrid schoss 35 Millionen zu.

Derzeit läuft die Anlage im Probebetrieb. Sobald sie voll funktioniert, wird der Strompreis um 20 bis 25 Prozent sinken. Denn Wind ist billiger als das vom Festland verschiffte Heizöl. Wohl nicht zuletzt deshalb protestierten die Inselbewohner kaum. Sie akzeptierten die Windturbinen und sogar den extra ausgehobenen Stausee. "Es gab nur Proteste wegen der Fallleitungen", erzählt Armas. "Sie führen durch ein Gebiet, das örtliche Umweltschützer für ökologisch besonders wertvoll halten."

60 Prozent der von Höhlen, schwarzen Stränden und bizarren Lavaformationen geprägten Landschaft sind geschützt. "Wir haben die Rohre unterirdisch verlegt. Das stellte alle zufrieden."

Geht es nach dem Inselpräsidenten, ist der grüne Strom allerdings nur ein Anfang. El Hierro schließt derzeit Trinkwasserbrunnen und Recyclingstationen über WLAN an ein zentrales Kontrollsystem an. Es soll automatisch deren Füllhöhe melden und gibt so zum einen Aufschluss über den Wasserverbrauch. Zum anderen verrät es, ob ein Abfallcontainer geleert werden muss und verhindert so unnötige Fahrten mit dem Müllauto.

Seit Februar werden zudem gebrauchte industrielle Öle und Speiseöle aus der Gastronomie zu Biodiesel verarbeitet. Außerdem soll bis 2020 der Individualverkehr elektrisch fahren. Die Inselregierung arbeitet zusammen mit dem spanischen Energieversorger Endesa und Nissan-Renault an der Umstellung. Der Strom aus dem Windkraftwerk jedenfalls würde auch dafür reichen. (bsc)