Reifen aus Löwenzahn

Fraunhofer-Forscher haben ein Verfahren entwickelt, mit dem aus Pusteblumen industriell nutzbarer Kautschuk wird.

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  • Ben Schwan

Fraunhofer-Forscher haben ein Verfahren entwickelt, mit dem aus Pusteblumen industriell nutzbarer Kautschuk wird.

Jedes Kind kennt den weißen Saft, der aus den Stängeln und Wurzeln der gewöhnlichen Pusteblume kommt, die auch in Deutschland heimisch ist. Aus diesem Stoff lässt sich natürlicher Kautschuk fertigen. Das wissen Biologen und Ingenieure zwar schon lange – doch bislang war das nicht im industriellen Maßstab möglich, weil es an passenden Technologien fehlte, um dies mit genügend Effizienz zu tun. Entsprechend blieben die europäischen Kautschukträume unerfüllt.

Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie (IME) am Standort Münster haben nun zusammen mit dem Reifenhersteller Continental ein Projekt gestartet, das dies ändern soll. Ziel ist es, innerhalb von fünf Jahren die erste Löwenzahn-Kautschuk-Reifen vom Band rollen zu lassen – mit Rohstoffen aus heimische Produktion.

Taraxacum, vulgo: Löwenzahn, könnte künftig für die Kautschukproduktion genutzt werden.

(Bild: Avarim / Wikipedia / cc-by-sa-3.0)

Wichtige Fortschritte bei der Zucht der Pflanzen und der Herstellung des Gummimaterials wurden bereits gemacht, sagen die Forscher. So wurde der Löwenzahn im Gewächshaus von einer Wild- zu einer Nutzpflanze umgewandelt und dabei besonders kautschukhaltige Sorten herangezüchtet, die Rohstoffanteil und Blüte optimieren, so dass auf gleicher Fläche mehr Kautschuk erzielt wird.

"Wir haben uns in den letzten Jahren ein großes Know-how in Sachen Löwenzahnzüchtung aufgebaut. Mit Hilfe von DNA-Markern wissen wir nun, welches Gen für welches molekulare Merkmal verantwortlich ist", sagt Fraunhofer-IME-Projektleiter Prof. Dr. Dirk Prüfer. Die Züchtung von besonders ertragreichen Pflanzen sei so wesentlich einfacher möglich.

Continental stellt auch Fahrradreifen her.

(Bild: Continental)

Die größte Herausforderung sei gewesen, das frei wachsende Wildkraut grundsätzlich in eine Nutzpflanze zu verwandeln. "Mittlerweile weisen einige unserer Sorten einen deutlich gesteigerten Kautschukgehalt auf", so Prüfer. Hier gehe aber noch mehr. "Diese werden wir jetzt noch weiter stabilisieren." Wie die Forscher herausfanden, eignet sich die russische Variante der heimischen Pusteblume besonders gut, weil diese ausreichend Kautschuk in ihrem Latexsaft enthält, der sich dann auch in ein Industrieprodukt umwandeln lässt.

Die ersten Testreifen mit Löwenzahn-Kautschuk sollen in wenigen Jahren bereitstehen. Damit soll bewiesen werden, dass sich das heimische Material qualitativ nicht vom derzeit hauptsächlich verwendeten Gummibaum-Kautschuk aus den Tropen unterscheidet.

Löwenzahnfeld der Fraunhofer-Forscher.

(Bild: Fraunhofer IME)

Zudem gibt es sogar zuchttechnische Vorteile: Sie lässt sich im Jahreswechsel anbauen, während der Gummibaum mehrere Jahre benötigt, bis erstmals geerntet werden kann. Zudem ist dessen Wachstum sehr wetterabhängig. Außerdem ist der Löwenzahn gegen Schadinsekten und Unkraut besser geschützt. Er kann zusätzlich auf nahezu jedem Acker gepflanzt werden und benötigt kein besonderes Klima.

Nicht zuletzt ist es eine Frage der Logistik: Hiesige Reifenhersteller würden, könnte man alle Räder aus Löwenzahn-Kautschuk herstellen, viel Geld bei den Transportkosten für ihren Rohstoff sparen. Das wäre auch gut für die Umwelt und wesentlich nachhaltiger als der Import. Der CO2-Fingerabdruck würde sich deutlich reduzieren.

"Durch modernste Züchtungsmethoden und anlagentechnische Optimierung ist es uns gelungen, hochwertigen Naturkautschuk aus Löwenzahn im Labor herzustellen", meint Prof. Dr. Rainer Fischer, Institutsleiter des Fraunhofer IME, das seinen Hauptsitz in Aachen hat. Jetzt sei die Zeit reif, diese Technologie über den Pilotmaßstab zur industriellen Reife zu bringen.

Bei Continental verspricht man sich von dem Projekt einiges. Man sei überzeugt, dadurch die Reifenproduktion langfristig verbessern zu können, meint Nikolai Setzer, der Vorstand für den Bereich bei dem Konzern. Der Löwenzahn eröffne aufgrund seiner agrarischen Anspruchslosigkeit ganz neue Potentiale – "insbesondere für heute brachliegende Anbauflächen". Das Projekt zeige, dass man in Sachen Materialentwicklung "noch lange nicht am Ende unserer Möglichkeiten" angekommen sei. (bsc)