Retro-Ersatzteile: Knopfzellen, (Fake-)Chips und Böller

Zwei Elektronikspezies im Flippermuseum stöbern im Netz nach Ersatzteilen. Die Lieferantem aus China schicken Wundertüten, die häufig Fälschungen enthalten.

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(Bild: c't)

Von
  • Peter Siering
Inhaltsverzeichnis

Auf die Berichte von Ulf-Michael Köster waren wir in einem einschlägigen Forum für Flipperfans aufmerksam geworden. Dort berichtete er von gefälschten Bauteilen, an die er geraten war, als er auf einer großen Handelsplattform Ersatzteile für die Vereinsgeräte bestellte. Gerade im Bereich schwer erhältlicher alter Bauteile werde viel Schindluder getrieben, sagt er – das wollten wir genauer wissen und besuchten ihn im Flippermuseum in Schwerin für ein Hintergrundgespräch.

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Ulf-Michael Köster restauriert seit vier Jahren Platinen der Vereinsgeräte. Über einen Besuch dort und ein Gespräch mit dem Vereinsvorsitzenden flammte sein Interesse an der Technik auf. Seitdem hat er nicht nur Platinen repariert und ganze Geräte restauriert, sondern selbst auch einige Ersatzplatinen entwickelt, um die störanfällige Originaltechnik durch robustere zu ersetzen, um die Wartungskosten und -aufwand für den Verein zu reduzieren. Solche von ihm entwickelten Boards, die er in den Vereinsgeräten zunächst intensiv testet, erfreuen sich weltweit inzwischen hoher Beliebtheit.

Ulf-Michael Köster (links) zeigt c’t-Redakteur Peter Siering einen Flipper, den er mit seinen LED-Platinen schöner denn je strahlen lässt, was noch dazu den Wartungsaufwand für das Schweriner Museum minimiert.

Sein Vereinskollege Rick Haberhauer ist ein Retronerd vor dem Herrn. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt vor allem Amiga-Hardware. Er flickt auch traurige Exemplare dieses klassischen Computers und konnte schon einigen verzweifelten Amiga-Fans helfen, ihre Schätze wiederzubeleben. Wie Ulf-Michael hat Rick viel Erfahrung beim Einkauf von Ersatzteilen für die alte Technik gesammelt. Immer wieder hat er auch Schnäppchen gemacht. So berichtet er von einem Eimer voller russischer Chips, unter anderem Speicherchips, mit denen er schon einige Computer aus der 8-Bit-Ära wiederbeleben konnte.

Flippermuseum in Schwerin

c't hat das Flippermuseum in Schwerin erstmals vor drei Jahren besucht. Die Vereinsmitglieder hatten seinerzeit ausführlich über ihr Tun und Wirken erzählt, sodass wir kaum eine Kugel abziehen konnten.

Doch trotz guter Kontakte in die Szene und auch zu Händlern, die gezielt Restposten von klassischen Bauteilen aus Unternehmensschließungen übernehmen, stoßen die beiden Vereinskameraden immer wieder auf Teile, die sich aus ihren Quellen nicht mehr beziehen lassen. Dann landen sie auf den großen Handelsportalen und bestellen solche Bauteile meist in China. Die Preise sind attraktiv. Bis vor kurzem musste man sich nicht mal mit Zollformalitäten quälen. Passt die Ware nicht, gelingt eine Erstattung des Kaufpreises oft mit einer Mail, wenn man Zahlmethoden mit einem Käuferschutz wählt und nicht die Kreditkarte zückt.

Im "Passt die Ware nicht" liegt die Krux: Alltägliche, offensichtliche Versuche der Lieferanten, den Käufer zu betuppen, lassen sich ja leicht erkennen. Ein Verkäufer teilte Rick mit, nicht liefern zu können. Überraschender war dann, dass doch ein Päckchen anlandete. Da drin fanden sich allerdings nicht die bestellten Chips, sondern eine Handvoll leerer Knopfzellen. Die Gutschrift folgte. Was bei Reklamationen oft passiert: Der Kunde landet beim Verkäufer auf einer schwarzen Liste und wird nicht mehr beliefert. Nicht schlimm, sagen Rick und sein Vereinskollege: Viele Verkäufer firmieren eh alle paar Monate um, damit die Käufer nicht ihrerseits schwarze Listen anlegen.

Ein verwaschener Aufdruck muss nicht heißen, dass es sich um eine schlechte Fälschung handelt. Hier ist das Original eher unscharf.

(Bild: Rick Haberhauer)

Bei der "scharfen" Kopie hingegen springt dem C64-Soundchip-Experten gleich ins Auge, dass in der Kalenderwoche 22 im Jahr 1982 noch kein SID als 6581R4AR produziert worden ist, sondern erst ab Ende 1986.

Was unsere Gesprächspartner aber viel mehr wurmt, sind Fälschungen. Viele der Shops geben vor, Neuware zu verkaufen, liefern aber nur notdürftig aufgehübschte Chips. Die Oberseite sieht auf den ersten Blick unverdächtig aus. Auf allen Bauteilen prangt die gleiche Beschriftung, die den Typ und oft auch das Herstellungsdatum beschreibt. Wer Chips zu lesen vermag, entdeckt aber dort schon Unterschiede: Manche Chips haben Nasen, andere einen Punkt, der Pin 1 markiert. Auf einigen Chips sieht man produktionsbedingte runde Vertiefungen, auf anderen nicht. Würden die Chips aus der gleichen Herstellung stammen, gäbe es keine solchen Unterschiede.

Auf den ersten Blick gleiche PIA-Bausteine, die in klassischen Flippern und Videospielautomaten gern mal kaputtgehen: An den unterschiedlichen Nasen und Vertiefungen lässt sich erahnen, dass etwas faul ist.

Die Rückseiten der Chips zeigen, dass alle vier gebraucht sind und aus unterschiedlichen Quellen stammen. Ein Test mit Wattestäbchen und Aceton auf der Oberseite fördert dann oft die ursprünglichen Beschriftungen zutage.

Dreht man die Bauteile dann auf den Rücken, erhärtet sich der erste Verdacht: Es kommen unterschiedliche Farben zum Vorschein, weitere runde Vertiefungen, deren Position, Ausführung und oft auch Beschriftung voneinander abweicht. Die Unterseiten der Chips sehen keinesfalls neu aus, sondern sind verdreckt, verkratzt oder zeigen Markierungen, manchmal sogar eine dem Aufdruck widersprechende Herkunftsbezeichnung. Die Beinchen sind meist gerade, glänzen, erweisen sich aber bei der Verarbeitung als spröde und brechen schnell ab. Manchmal sind die Beine offensichtlich neu verzinnt und ungewohnt dicklich.

Gefälschte Bauteile (3 Bilder)

Fälschungen haben kurze Beine: Gebrauchtware, wie hier auf dem Bild, hat oft gekürzte Pins, weil die Spitzen beim ersten Verlöten umgebogen wurden.
(Bild: Rick Haberhauer)

Der Käufer erhält nicht nur ein munteres Sammelsurium aus verschiedensten Quellen, sondern aufgearbeitete Gebrauchtware: Damit das nicht gleich so auffällt, schleifen die "Hersteller" die Chipoberflächen ab, lackieren sie und bestempeln oder beschriften sie per Laser neu. Rick hat solche Chips mit einem Glasperlenstrahler bearbeitet, um die unter der aufgebrachten Verkleidung sichtbaren Schriften zum Vorschein zu bringen. Das hat geradezu künstlerischen Reiz, wenn AMD und Intel auf einem Chip vereint sind. Es muss nicht immer gleich Profi-Equipment sein: Auch Alkohol und Aceton sollen gute Erfolge bei der Chip-Archäologie erzielen.

Könnte schon fast Humor sein: Ein Intel-EPROM, das per Laser-Gravur zur AMD-Ware deklariert wurde. Frische Farbe auf dem Chip sollte das verschleiern.

(Bild: Rick Haberhauer)

Es braucht keine hellseherische Kraft, um den Weg zu ergründen, den die Chips genommen haben: Die dürften aus dem Elektroschrott stammen, den unsere Gesellschaft in andere Länder entsorgt. So entstehen in armen Winkeln der Welt riesige, giftige Müllberge. Zwar ist der Export von nicht mehr funktionstüchtigen Elektrogeräten seit vielen Jahren verboten, doch es schlüpft immer noch jede Menge durch, sagen Experten einhellig.

Egal, ob in Afrika oder in China: Arbeitskräfte kosten dort nichts. Eine Armee teils Selbstständiger sortiert die Müllberge und trennt die Materialien. Bilder aus dem chinesischen Guiyu zeigen, wie Menschen in notdürftig belüfteten Räumen Platinen erhitzen, um Chips abzuklopfen. Andere sortieren sie in Gefäße. Oft ist das Ziel, wertvolle Materialien zu extrahieren. Aber offenbar nicht nur: Bauteile, die heute nicht mehr hergestellt werden, aber gesucht werden, sind zu schade, um eingeschmolzen zu werden. Sie bringen mehr, wenn man sie wieder in den Wirtschaftskreislauf einspeist.

Jährlich landen hunderttausende Tonnen deutschen Elektroschrotts auf wilden Deponien in der Dritten Welt, beispielsweise im ghanaischen Agbogbloshie.

Bezahlen tun das die Menschen, die die Sisyphusarbeit leisten und dafür nur Brosamen erhalten, und das gleich doppelt: Sie ruinieren ihre Gesundheit und ihre Umgebung mit den Giften, die der recycelte Schrott hinterlässt – sei es beim Versuch, Rohstoffe daraus zurückzugewinnen, sie mit ungeeigneten Mitteln nur voneinander zu trennen oder auch nur irgendwie Herr über die übrigbleibenden Reste zu werden. Offenbar ändern auch die Beteuerungen der Regierungen der Länder, mehr für den Umweltschutz zu tun, herzlich wenig.

Bei allem Groll sollten sich Flippersammler und -bewahrer, Retronerds und Elektronik-Freaks darüber klar sein, aus welcher Schattenwirtschaft sie ihre Ersatzteile beziehen. Wer schlau ist, kauft nicht nur ein Bauteil aus solchen Quellen, sondern bestellt gleich mehrere baugleiche. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens eines der Bauteile funktioniert und man erkennt obendrein eher, um welche Art von Ware es sich handelt. Besser noch: Sie finden einen Verkäufer, der dazu steht, Gebrauchtteile anzubieten und sie nicht aufhübscht.

Wie Ulf-Michael und Rick berichten, kaschiert die aufgebrezelte Optik manchmal nicht nur Gebrauchtware. Mitunter erhalten sie auch Blindgänger: angesichts aktueller Chipknappheit gern Mikro-Controller, die sich nicht programmieren lassen. Mancher, der Blindgänger untersuchte, fand heraus, dass im Chipgehäuse zwar Anschlussstellen montiert waren, aber sich im Inneren nicht mal ein Chip befand. Noch schlimmer sind aber "Chinaböller", Bauteile die umetikettiert wurden, um höhere Kapazitäten oder größere Spannungseignung vorzutäuschen. Die gehen im Zweifelsfall hoch, wenn sie im Praxiseinsatz jenseits der eigentlichen Leistungsgrenzen betrieben werden.

Ulf-Michael testet deshalb diskrete Bauteile, die er auf seinen Platinen verbaut, zumindest stichprobenweise. Im Fall der Chips fällt das leider schwer, weil es nur wenig Testmöglichkeiten gibt. Auf sein Posting im Flipperforum kam aber etwas Bewegung in die Szene. Ein Kollege aus einem 8-Bit-Retroforum hatte ein Testsystem selbst entwickelt und die beiden sind in den Austausch gekommen, wie man das Gerät befähigen könnte, auch die für Flipper relevanten Bauteile zu testen. Die Platinen und Bauteile für das Testgerät kommen übrigens auch aus ... Sie wissen schon, oder?

Dieser Beitrag stammt aus c’t Retro 2021

Die c’t Retro 2021 liefert Lesestoff für lange Winterabende. Wir zeichnen den Weg der Notebooks vom schweren Ungetüm zum superschlanken Allrounder auf und beleuchten die Anfänge des Internet. Nostalgiker erfahren, wie sie alte Hardware wieder flott kriegen, und Fans alter Spiele, wie sich Klassiker auf aktuelle PCs transferieren lassen. Für die sagenumwobene Enigma haben wir eine Programmieranleitung in Python erstellt. Die c't-Retro-Ausgabe finden Sie ab dem 18. Oktober im Heise-Shop und am gut sortierten Zeitschriftenkiosk.

(ps)