Revolution im Meer

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Fischzuchtanlagen an Land gibt es seit den 50er-Jahren. Doch erst in den vergangenen Jahren war die Reinigungstechnik ausgereift genug, dass die Fische gesund heranwuchsen und auch gut schmeckten. Zudem war Meeresfisch lange Zeit so billig, dass sich die komplexe Technologie nicht gerechnet hätte. Und es gab eine Reihe von Fehlschlägen, darunter der gescheiterte Versuch der Firma Ecomares. Sie wollte in Büsum Wolfsbarsch in Salzwasser produzieren, musste jedoch 2007 Insolvenz anmelden. Auch heute noch haben viele Kreislaufanlagen technische und finanzielle Probleme, wie Maddi Badiola, Forscherin am spanischen AZTI-Tecnalia, in einer europaweiten Umfrage unter 17 Betreibern herausfand. Zwei Drittel der Anlagen gaben zu, dass sie umbauen mussten.

In Völklingen will man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Die 20-Millionen-Euro-Anlage hat die neueste und beste Filtertechnologie zu bieten, die es derzeit gibt, versichert Uwe Waller. Und man braucht sie auch, denn "Meeresfische reagieren äußerst empfindlich auf Verunreinigungen im Wasser". Die gesamte Anlage ist ein komplexes Kreislaufsystem – ein kleines Meer auf dem Festland. In ihr müssen all die Prozesse stattfinden, die normalerweise im Ozean ablaufen. Das klingt vermessen, doch die Betriebsleiterin der Anlage, Verena Hanke, versichert: "Ich habe schon einige Aquakulturen gesehen, sowohl in Deutschland als auch weltweit. So eine hohe Qualität gibt es nirgends." Die 29-jährige studierte Meeresbiologin steht im Eingangsbereich vor einem großen blauen Rundbecken und füttert die allerersten Bewohner: 4000 Babystöre, die sich im Wasser tummeln und offenbar wohlfühlen. Hanke sagt: "Die Fische haben es hier gut."

Bald werden sie in die großen Becken geleitet, wo dann die Ausscheidungen der Fische – Kot, Ammonium, CO2 – aufwendig aus dem Wasser gefiltert werden. Im Meer würden Algen und Bakterien diesen Job erledigen. Hier müssen es ausgeklügelte Maschinen machen. Waller führt zu einem Nebenbecken, das mit einer weißen, sich bewegenden Masse gefüllt ist. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein riesiger Eis-Crusher. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich die weiße Masse als Ansammlung Tausender kleiner Plastikringe. "Das ist unser Biofilter." Auf den Ringen siedeln sich Bakterien an, die das Ammonium im Wasser zuerst in Nitrat und dann in Stickstoff verwandeln. Verunreinigungen – Futterreste, Staub, Eiweiß, Fett –, die das Meer an den Küsten mit der Gischt loswird, muss in Völklingen der Abschäumer herausholen. Noch steht die Maschine still, aber Waller zeigt eine kleinere Version des Apparats in der Forschungsanlage neben der Zuchthalle: Das Wasser läuft durch eine gläserne Säule, in die winzige Luftblasen gepumpt werden. Oben läuft wie bei einem zu voll gegossenen Bier ständig Schaum in ein Auffangbecken und mit ihm der Schmutz. Das CO2 im Wasser treibt Waller mit Luft aus, den pH-Wert stellt er mit Kalk ein.

Aber einen Teil des Kohlendioxids will er nutzen: Neben der großen Halle stehen zwei kleine Gewächshäuser, in die ein Teil des ungefilterten Wassers geleitet wird. Im Inneren sind Becken, auf denen Styroporplatten mit Pflanzen schwimmen: Seespargel. Waller hebt eine Platte an, durch ein Loch in der Mitte ziehen lange fadenförmige Wurzeln ins Wasser. Den Seespargel kann man essen, er schmeckt wie eingelegte Salzgurke. Waller zeigt auf eine andere Pflanze: "Und aus der kann man ein prima Pesto machen."

Dank der ausgeklügelten Wiederaufbereitung arbeitet die Fischzuchtanlage sehr sparsam. Nur ein Prozent des Wassers muss ersetzt werden. "Früher lag die Rate bei 15 bis 20 Prozent", sagt Waller. Den Wasserverlust zu reduzieren war ein entscheidender Fortschritt zur Kostensenkung. Trotzdem lohnt sich der ganze Aufwand nur für die Produktion hochpreisigen Fischs, wie eben Stör, Dorade, Wolfsbarsch und der Gelbschwanzmakrele, einem Verwandten der Art, die Neil Sims im Aquapod heranzieht.

Bert Wecker, Geschäftsführer von Neomar, will pro Jahr 500 bis 1000 Tonnen Fisch zu einem Kilopreis von 15 bis 20 Euro herstellen. "Damit liegen wir preislich etwas höher als gängige Aquakultur und etwas unterhalb von Bio-Aquakultur", sagt Wecker. Über die Nachfrage macht er sich keine Sorgen: "Wir haben hier frischen Fisch in Top-Qualität, regional und nachhaltig erzeugt. Den werden wir schon los." Wecker hofft, innerhalb weniger Jahre schwarze Zahlen zu schreiben und damit die vielen Kritiker der Anlage zum Verstummen zu bringen.

Der Wettbewerb ist hart. Kreislauf-Aquakulturanlagen sind insgesamt etwa 20 Prozent teurer als Käfighaltung in Küstennähe, meint Waller. Sie sind ein finanzielles Risiko. In der Umfrage von Maddi Badiola gaben 80 Prozent der befragten Anlagenbetreiber an, finanzielle Schwierigkeiten zu haben. Im Schnitt brauchen sie acht Jahre, bis sie das investierte Kapital wieder hereinholen. Das Schwierige: Für jede Fischart sieht die Kostenkalkulation anders aus.

Unmöglich ist ein gutes Geschäft aber keineswegs. Michael Ebeling vom Thünen-Institut für Seefischerei in Hamburg hat eine beispielhafte Kostenrechnung für eine neun Millionen Euro teure Kreislaufanlage aufgestellt, die jährlich 400 Tonnen Steinbutt produziert. Ergebnis: Ab einem Kilopreis von 8,52 Euro würde sie schwarze Zahlen schreiben. Das sind zwar knapp zwei Euro mehr als der Preis von Fischerei-Steinbutt. Aber auch zwei Euro weniger als der Preis von Importware, die man benötigt, um den heimischen Bedarf zu decken, weil die eigene Fischereiflotte zu wenig fängt. Für den Steinbutt würde sich die aufwendige Zucht in der Kreislaufanlage lohnen.