Riskante Geschäfte mit dem Wind

Windenergieunternehmen werben um Kapital von Privatanlegern. Doch auf dem grünen Markt tummeln sich einige schwarze Schafe.

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  • Ingmar Höhmann

Windenergieunternehmen werben um Kapital von Privatanlegern. Doch auf dem grünen Markt tummeln sich einige schwarze Schafe.

Die Werbung suggeriert eine heile Welt: Windmühlen drehen sich auf grünen Wiesen, der Himmel strahlt blau. Und vor allem die "aktuell acht Prozent Zinsen" überzeugen, die der Windparkbetreiber Prokon den Käufern seiner Genussrechte verspricht. Umweltbewusst Geld anlegen, dabei kräftig verdienen – mit der Sicherheit einer "Lebensversicherung" oder "Sparanlage": Das sind verlockende Aussichten.

Zu schön, um wahr zu sein? Verbraucherschützer sind auf Prokon schlecht zu sprechen. Die Zeitung "Finanztest" warnte 2010 unter dem Titel "Windige Werbung" vor dem hohen Risiko der Geldanlage, ein Gericht untersagte daraufhin die "irreführende Werbung", die falsche Sicherheit suggeriere und die Risiken verschweige. Der Verbraucherzentrale Bundesverband vergleicht solche Angebote mit "Schneeballsystemen, die über kurz oder lang in der Pleite enden. Es gibt keine Garantien dafür, dass die Zinsen bedient und die Gelder zurückgezahlt werden. Geht das Unternehmen pleite, ist der Einsatz verloren – auch wenn das Geschäftsmodell noch so nachhaltig schien."

Das Erstaunliche: Trotz der schlechten Presse vertrauen Privatanleger Prokon weiter fleißig ihr Geld an. Das Unternehmen konnte bereits 467 Millionen Euro in Windkraftanlagen investieren. Windenergie liegt im Trend: "Der Umweltschutzgedanke verbunden mit hohen Zinsen zieht bei Privatanlegern", sagt Achim Tiffe, geschäftsführender Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen. "Das muss nicht falsch sein. Nur gilt es, bei der Geldanlage auf die Details zu achten. Hohe Zinsen bedeuten immer auch ein hohes Risiko."

Unumstritten ist: Der Windenergiemarkt bietet reichlich Chancen. 2011 wurden nach einer Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman weltweit Anlagen mit einer Leistung von rund 41 Gigawatt neu installiert. Das entspricht einer Kapazität von 41 Kernkraftwerken. "Der Markt ist insgesamt reifer geworden", sagt Andreas Renner, Geschäftsführer der Bank Berenberg Private Capital. "Die Technik ist zuverlässiger, die Wartung einfacher. Auch bei der Finanzierung ist das Risiko nicht mehr so hoch."

Unternehmen, die seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, profitieren nun von ihrer Erfahrung. Das betrifft auch die Ertragserwartungen. Die Rendite einer Anlage hängt von der Stromerzeugung ab – und die von der Menge und der Geschwindigkeit des Winds. Frühere Projekte seien dabei von zu optimistischen Werten ausgegangen, sagt Renner. Der Grund: "Bis 2005 legten Projektentwickler Datenreihen zugrunde, die nur bis 1990 zurückreichten. Die neunziger Jahre aber waren sehr windstark, das darauffolgende Jahrzehnt wiederum windschwach – viele Anlagen haben daher nicht den erhofften Strom produziert." Heutige Gutachten gingen von realistischeren, niedrigeren Werten aus, weil sie bei der Prognose längere Zeiträume einbezögen.

All das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Windkraftanlagen weiterhin um risikoreiche Investments handelt. Das zeigt sich bei den Firmen, die sich über die Börse finanzieren: Der am Stuttgarter Börsensegment Bondm gelistete Projektentwickler Windreich etwa zahlt jährlich Zinsen in Höhe von 6,5 Prozent. Doch die Kurse der Bonds sind regelrecht abgestürzt, weil die Anleger die Wahrscheinlichkeit für eine baldige Pleite höher einschätzen als früher – womit sowohl Zinszahlungen als auch die Rückzahlung des Anlagekapitals gefährdet wären. Der Windkraftzulieferer Siag Schaaf Industrie brachte gar eine Anleihe auf den Markt, für die das Unternehmen jährlich neun Prozent Zinsen zahlte. Im März hat Siag dann Insolvenz angemeldet, nicht einmal ein Jahr nach Ende der Zeichnungsfrist.

Drei Gefahren warten auf Investoren:

  • Das stürmische Wachstum der Branche flaut ab. Von 2005 bis 2009 nahm die weltweit neu installierte Leistung Oliver Wyman zufolge im Schnitt jährlich um 35 Prozent zu. Seitdem liegt die Steigerungsrate nur noch durchschnittlich bei 3,9 Prozent.
  • Chinesische Unternehmen drängen mit günstigen Anlagen auf den Markt, die technisch zunehmend zur westlichen Konkurrenz aufschließen. Damit steigt das Risiko für Anleger, die ihr Geld in europäische oder amerikanische Hersteller investiert haben, weil diese Marktanteile verlieren und weniger Geld für ihre Produkte erhalten. Die Preise sind seit 2009 um rund ein Viertel gefallen. Große Windturbinenhersteller wie Vestas und Siemens fahren mittlerweile hohe Verluste ein. Firmen mit fehlendem finanziellen Polster geraten angesichts des Preisdrucks in Existenznot. Und die Marktbereinigung dauert an: Die Studienautoren von Oliver Wyman erwarten, dass die Branche erst ab 2015 wieder dynamisch wachsen wird.
  • Die potenziell ertragsstarken Windparks auf dem Meer haben im deutschen Markt mit großen technischen Herausforderungen zu kämpfen. Die Anbindung der Offshore-Parks an das Stromnetz und der Ausbau der Netze in Richtung Süddeutschland sind ins Stocken geraten. Zudem fallen viele Projekte teurer aus als erwartet. Aufgrund des Risikos halten sich institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds zurück, das erschwert wiederum die Finanzierung. Zunehmend zielen Windkraftunternehmen daher auf Privatanleger – etwa über Anleihen. Finanzexperte Achim Tiffe weist jedoch eindringlich auf das Risiko bei derartigen Direktbeteiligungen hin: "Privatanleger sollten nicht mehr als zehn Prozent ihres Vermögens in Unternehmensbeteiligungen wie Anleihen oder Aktien von kleinen Firmen stecken. Bei einer Insolvenz besteht das Risiko des Totalverlusts."

Das gelte auch für Genussrechte: Sie sind eine Kombination aus Aktie und Anleihe. Die Käufer erhalten ein Anrecht auf Vermögensrechte, etwa jährliche Zinszahlungen, ohne aber Unternehmensentscheidungen beeinflussen zu können. Laufzeit und Kündbarkeit kann die Firma bestimmen. Ein großer Nachteil bei nachrangigen Genussrechten: Geht die Firma pleite, werden alle anderen Gläubiger zuerst bedient. Bleibt nichts übrig, ist das Anlagekapital verloren. Anders als bei Festzinsanleihen kann bei Genussrechten auch die Verzinsung ausbleiben – nämlich dann, wenn Verluste anfallen. Von "maximaler Sicherheit", wie sie Prokon bis zur Gerichtsentscheidung vor einem Jahr noch versprechen durfte, kann da kaum die Rede sein. "Die angegebenen Renditen sind nur Prognosen. Es gibt keine Gewähr, dass die Firma auch den erhofften Gewinn einfährt", sagt Thomas Pfister, Referent für nachhaltige Geldanlagen bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Für vergleichsweise sichere Investitionen nennt die Verbraucherzentrale drei Möglichkeiten:

  • Wichtig bei Direktinvestitionen ist eine gute Bonität der Unternehmen. Vorsichtig sollten Anleger bei kleinen und mittelständischen Firmen sein, sagt Pfister. "Sie sind in aller Regel auf bestimmte Wirtschaftszweige spezialisiert und daher bei Verlusten besonders betroffen. Große Unternehmen sind breiter aufgestellt und können Verluste durch andere Tätigkeitsbereiche auffangen."

  • Eine Alternative zu Direktinvestitionen sind offene Investmentfonds – etwa Aktienfonds, die themenspezifisch Geld anlegen. Sie stecken ihr Geld in mehrere Firmen gleichzeitig und können so das Risiko streuen. Das Fondsvermögen ist als Sondervermögen zudem vor dem Zugriff des Insolvenzverwalters geschützt.
  • Die größte Sicherheit verheißen Banken, die sich auf nachhaltige Investments spezialisiert haben – etwa GLS Bank, Ethikbank, Umweltbank oder Triodos Bank. Sie bieten klassische Zinsprodukte wie Festgeld oder Sparbücher an. Das Geld ist durch die Einlagensicherung der Kreditwirtschaft geschützt.

Allerdings gehen höhere Sicherheit und Transparenz einher mit niedrigeren Renditen. Wer zudem sein Geld ganz gezielt in die Windkraftbranche stecken will, ist bei Fondsgesellschaften und Banken meist an der falschen Adresse: Sie investieren in der Regel auch in Firmen, die sich auf andere erneuerbare Energien spezialisiert haben. Das ist jedoch keine schlechte Strategie, denn eine Mischung ergibt Sinn: Bei Photovoltaikanlagen fällt ein großer Teil der Stromerzeugung im Sommer an, bei Windmühlen hingegen im Herbst und Winter – das verspricht stetige Einnahmen das ganze Jahr über. (bsc)