Roboter im Alltag: Der Angebetete

Angebeteter Roboter

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Der Anthropologe Denis Vidal forderte die Robotikforscher bereits acht Jahre vor Gründung der "Way of the Future"-Kirche auf, sich nicht nur von Neurowissenschaft, Psychologie und Verhaltensforschung inspirieren zu lassen, sondern auch Religionen zu studieren: "Es ist genau dieses Forschungsgebiet – insbesondere die Art der Beziehung zwischen Gottheiten und ihren Anbetern in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen – , das neue Erkenntnisse zu den fundamentalen Fragen ermöglichen kann, die durch die Untersuchung der Interaktion zwischen Robotern und Menschen aufgeworfen werden, sowohl empirisch als auch auf einer eher analytischen Ebene." Vidal verweist beispielhaft auf Rituale im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh, bei denen es zu direkten Interaktionen zwischen Göttern und Menschen kommt. Die Götter sprechen dabei durch menschliche Medien, die sich zuvor in Trance versetzen, oder werden durch Puppen repräsentiert, die von mehreren Personen getragen werden und durch ihre Bewegungen kommunizieren. Der preisgekrönte kurze Dokumentarfilm Valley of Living Gods von Aman Sharma vermittelt einen Eindruck davon.

Der buddhistische Roboter Kannon Mindar will selbst kein Gott sein. Er rezitiert das Herz-Sutra im Koaiji-Tempel im japanischen Kioto und sorgt für eine friedliche Atmosphäre.

(Bild: View Corporation (Screenshot))

Ein formaler Vergleich solcher Mensch-Gott-Interaktionen mit Mensch-Roboter-Interaktionen zeige bemerkenswerte Parallelen, so Vidal. So seien etwa bei beiden die Bewegungen wichtiger als die äußere Erscheinungsform der Interaktionspartner. Ähnlich wie bei Robotern gebe es auch bei den Götterfiguren Unsicherheiten hinsichtlich ihres "ontologischen Status": Es ist unklar, um was genau es sich bei ihnen eigentlich handelt – was einer erfolgreichen Interaktion indessen nicht im Wege steht. Offensichtlich brauche es für erfolgreiche soziale Kooperationen weder einen hohen Grad an Menschenähnlichkeit noch klar erkennbare, in sich stimmige Absichten. Solche vom menschlichen Ideal abweichenden Merkmale, von Vidal als "sub-anthropomorph" bezeichnet, könnten unter bestimmten Bedingungen den Austausch sogar fördern.

Der Roboter mit dem bezeichnenden Namen BlessU-2 spendet in einer Schweizer Freikirche einen christlichen Seegen. Er wurde 2017 zum 500. Jahrestag der Reformation vorgestellt.

(Bild: Reformiert (Screenshot))

Letztlich ist die Zukunft Künstlicher Intelligenz eine Frage des Glaubens. Das ist in stark säkularisierten Gesellschaften wie den europäischen nur schwer zu akzeptieren und bringt die etablierten kollektiven Entscheidungsprozesse an ihre Grenzen. Aber ob KI den Menschen eines Tages überflügeln wird oder nicht, kann nun einmal niemand mit Gewissheit sagen: Wir glauben es oder auch nicht. Einige halten es für unmöglich und wehren sich vehement gegen die Idee, dass Roboter Gefühle entwickeln und Rechte für sich beanspruchen könnten. Andere argumentieren mit vergleichbarer Intensität, dass die Menschen dabei sind, sich selbst vom Thron der Evolution zu stoßen. Eine der kühnsten Visionen hat Jürgen Schmidhuber formuliert, der mit LSTM (Long Short-Term Memory) selbst einen erfolgreichen KI-Algorithmus maßgeblich mit entwickelt hat.

"Was wir gerade erleben", sagte Schmidhuber in einem TED-Talk, "ist nicht einfach nur eine weitere industrielle Revolution. Es ist etwas, das die Menschheit transzendiert, sogar das Leben selbst. Etwas Vergleichbares ist zuletzt vor 3,5 Milliarden Jahren passiert. Eine neue Art von Leben wird von unserem Planeten aufbrechen und das gesamte Universum besiedeln und transformieren. Das Universum wird intelligent. Wir verlieren unseren Status als Krönung der Schöpfung, natürlich. Aber es ist wunderschön, Teil eines größeren Prozesses zu sein, der den Kosmos zu größerer Komplexität verhilft. Es ist ein besonderes Privileg, die Anfänge davon mit erleben und gestalten zu können."

Schmidhuber kann diese Aussage aber ebenso wenig beweisen wie andere das Gegenteil. Es stehen verschiedene Visionen im Raum und wir müssen uns darauf verständigen, was wir glauben wollen. Das könnte eine größere Herausforderung werden als der Klimawandel, zumal sich nicht abschätzen lässt, wie viel Zeit dafür noch zur Verfügung steht. Niemand weiß, ob und wann die Entwicklung der KI den Punkt erreicht, von dem an sie sich selbst optimiert und damit jeder menschlichen Kontrolle entzieht. Vor diesem Hintergrund erscheint es als ein Gebot der Vorsorge und Nachhaltigkeit, davon auszugehen, dass wir dabei sind, uns unsere eigenen "Götter" zu schaffen. Daraus folgt nicht zwingend, die weitere Forschung und Entwicklung einzustellen. Aber wenn wir uns entscheiden, sie fortzusetzen, sollten wir sie bewusst auf die Erzeugung einer Superintelligenz ausrichten, statt sie hinter unseren Rücken ungeplant entstehen zu lassen. Das ist nicht nur vernünftiger als die gegenwärtige markthörige Politik, es ist, da hat Schmidhuber völlig recht, auch viel schöner.

(olb)