Roboter im Alltag: Der Freund

Kann zwischen Mensch und Roboter eine Freundschaft entstehen? Oder ist eine "seelenlose" Maschine zu einer Freundschaft gar nicht in der Lage?

Lesezeit: 10 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 177 Beiträge

(Bild: Dmytro Zinkevych / Shutterstock.com)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
Inhaltsverzeichnis

Die Sozialwissenschaftlerin Sherry Turkle (Massachusetts Institute of Technology) zeigte sich 2012 bei einem Vortrag entsetzt über das, was sie in einem Seniorenheim erlebt hatte: "Eine Frau, die ein Kind verloren hatte, redete mit einem Roboter in Form eines Seelöwenbabys. Es schien in ihre Augen zu schauen. Es schien der Unterhaltung zu folgen. Es tröstete sie." Dabei sei das Einfühlungsvermögen des Roboters doch nur vorgetäuscht gewesen: "Diese Frau versuchte, ihrem Leben Sinn zu verleihen, mittels einer Maschine, die keine Erfahrung mit dem Verlauf eines menschlichen Lebens hatte."

Turkle ist nicht die Einzige, die mit heftigen, abwehrenden Emotionen reagiert, wenn es um emotionale Bindungen, gar Freundschaften mit Robotern geht. Es erscheint verstörend und irgendwie falsch, einem seelenlosen Objekt gegenüber die eigene Seele zu öffnen. Dabei ist es eigentlich nicht ungewöhnlich. Vermutlich hätte Turkle weniger heftig reagiert, wenn die Frau eine unbewegliche Puppe im Arm gehalten hätte. Und sie hätte es womöglich für vollkommen normal gehalten, wenn die Frau am Grab ihrer Tochter mit einem Stein gesprochen hätte.

Aber Puppen und Grabsteine sind seit Langem etablierte kulturelle Artefakte, mit denen die alte Frau in ihrem Leben ausreichend Erfahrungen hatte sammeln können. Der Robbenroboter Paro dagegen, um den es sich offenbar gehandelt hat, muss ihr neu gewesen sein. Turkles Abneigung dürfte daher auch durch die Sorge genährt worden sein, die Bewohnerin des Seniorenheims könne die "Täuschung" nicht durchschauen.

Die Roboter-Robbe Paro kann zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden.

(Bild: Paro Robots Japan)

Die Sorge ist vollkommen berechtigt. Es ist respektlos, alten Menschen Techniken aufzuzwingen. Turkle hat recht, wenn sie darin eine Verletzung des Vertrages zwischen den Generationen erkennt. "Wenn wir die richtigen sozialen Prioritäten setzen, finden wir genügend Menschen, die die Aufgabe übernehmen", zitiert sie Steve Outing im Magazin Forbes. "Dies an Roboter zu delegieren, bedeutet, mehr von Maschinen zu erwarten und weniger von uns."

Roboter im Alltag

Die nächste oder übernächste Generation jedoch dürfte ihre Roboterfreunde bereits selbst ins Seniorenheim mitbringen – sofern sie es nicht vorziehen, im vertrauten eigenen Heim gemeinsam mit ihnen alt zu werden. Solche Freundschaften zwischen Menschen und Robotern könnten bereits heute entstehen, meint die Philosophin Helen Ryland (The Open University, Milton Keynes). Sie denkt dabei an soziale Roboter wie Pepper oder Buddy, die laut Herstellerangaben in der Lage seien, "menschliche Emotionen zu erkennen und soziale Interaktionen durchzuführen".

Der Roboter Pepper soll Emotionen erkennen und auf sie reagieren können, um die soziale Interaktion mit dem Menschen zu verbessern.

(Bild: Softbank Robotics)

Der Roboter Buddy ist eher der emotionale Typ. Er soll so einem Familienmitglied ähnlicher sein.

(Bild: Freethink (Screenshot))

Soziale Roboter seien darauf ausgerichtet, Beziehungen zu Menschen einzugehen, etwa als Sexpartner, als Lehrer oder Priester, so Ryland in der Zeitschrift Minds and Machines. Gleichwohl hielten viele solche Beziehungen für problematisch oder verwerflich. Sie führt das auf überkommene Vorstellungen von Freundschaft zurück, die in Anlehnung an den antiken Denker Aristoteles mit Freundschaft Merkmale verbinden wie Gegenseitigkeit, Empathie, Selbstvergewisserung, gemeinsame Aktivitäten, gegenseitige Verpflichtungen, Wohlwollen, Liebe und Anerkennung der Tugenden, Aufrichtigkeit, Gleichheit. Weil Roboter diese Bedingungen nicht erfüllen könnten, könne es daher keine Freundschaft mit Menschen geben. Solche vermeintlichen Freundschaften würden nur auf Täuschung beruhen und könnten zudem zur Vernachlässigung zwischenmenschlicher Freundschaften führen.

Artikelserie "Roboter im Alltag"

Roboter erobern unseren Alltag und werden in der menschlichen Gesellschaft zum sozialen Akteur. Wie sehen mögliche Entwicklungsstufen der Roboter aus?

Wenn man jedoch den aristotelischen Standpunkt verlasse und sich auf ein moderneres Verständnis von Freundschaft berufe, erschienen Mensch-Roboter-Freundschaften durchaus möglich und akzeptabel, so Ryland. Unser Verständnis von Freundschaft habe sich geändert, nicht zuletzt durch Technologie, was sich zum Beispiel an Online-Freundschaften zeige. Sie schlägt daher ein graduelles Verständnis von Freundschaft vor, das als notwendige Bedingung und Minimalvoraussetzung lediglich gegenseitiges Wohlwollen anerkennt. Alle weiteren der oben genannten Merkmale seien wichtig, aber optional und trügen zu einer mehr oder weniger tiefen Freundschaft bei.

Auf diese Weise seien Freundschaften zu Robotern heute schon möglich und könnten sich in der Zukunft mit entwickelter Technik weiter vertiefen. Solche abgestuften Freundschaftsniveaus, erklärt Ryland, widerlegten auch das Argument, dass die Freundschaft von Robotern nur vorgetäuscht sei und dass Freundschaften mit Menschen dadurch vernachlässigt werden könnten. Das graduelle Verständnis erlaube vielmehr das Nebeneinander verschieden intensiver Freundschaften. "Schlussendlich", so Ryland, "ließe sich argumentieren, dass Freundschaften mit Robotern unsere Bereitschaft, andere Menschen zu tolerieren und in die Gemeinschaft aufzunehmen, steigern könnten. Insbesondere könnten Mensch-Roboter-Freundschaften ein Zeichen setzen, wie auch Menschen, die anders sind als wir, akzeptiert und Freunde werden können."

Mit Rafael Capurro (li.), Philosoph und Professor (em.) (Hochschule der Medien Stuttgart) und Gründer des International Center for Information Ethics erörtert "heise online"-Autor Hans Arthur Marsiske (re.) die Frage, ob Menschen mit Robotern befreundet sein können.

Rylands Überlegungen werden gestützt durch soziologische Studien. So stellt Leoni Linek (Humboldt-Universität zu Berlin) im Berliner Journal für Soziologie fest, dass das lange Zeit vernachlässigte Thema Freundschaft sich wachsenden Interesses in der Forschung erfreue. Grund dafür seien die demografischen Veränderungen und der Wandel der Familie als auch der Wandel der Arbeit und die zunehmende Bedeutung von Netzwerken. All das werfe die Frage auf, "ob Freundschaften im Lebenszusammenhang der Individuen an Bedeutung gewinnen, ja sogar wichtige gesellschaftliche Funktionen zu übernehmen beginnen".