Roboter im Alltag: Der Spielgefährte

Roboter schleichen sich langsam in den menschlichen Alltag und entwickeln sich zum sozialen Akteur. Die Artikelserie zeigt mögliche Evolutionsstufen auf.

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Teurer "Spielgefährte": der iCub.

(Bild: MikeDotta / Shutterstock.com)

Von
  • Hans-Arthur Marsiske
Inhaltsverzeichnis

Roboter erobern mehr und mehr den menschlichen Alltag. Manche von ihnen sind "unsichtbar" und werden kaum als Roboter wahrgenommen – wie beispielsweise Sprachassistenten in Smart Speakern. Andere sind dagegen sicht- und hörbarer wie ein Staubsaugerroboter, der zu festgelegten Zeiten die Wohnung reinigt. Aber diese Roboter sind nur ein Anfang. Denn sie – so scheint es – entwickeln sich mit steigender Intelligenz und zunehmenden Fähigkeiten zu einer "neuen Spezies" und werden selbst mehr und mehr zum sozialen Akteur.

Die Serie "Roboter im Alltag" stellt fünf mögliche Evolutionsstufen der Roboter in der Gesellschaft vor. Anhand von Beispielen, Schlaglichtern auf die aktuelle Forschung und Experten-Interviews verfolgt die Artikelserie ihre Entwicklung vom Spielgefährten, über Sklaven und Kollegen bis hin zum Freund oder sogar Angebeteten. Den Anfang macht der Spielgefährte.

Was soll man bloß anstellen mit diesem seltsamen … Ding? Was ist das überhaupt? Im ausgestreckten Zustand hat es die Form eines länglichen Rechtecks, umhüllt von einem Pelz, dessen Muster an einen Leoparden erinnert. Ein Zierkissen? Eine kleine Dekodecke fürs Sofa? Nein, das wuschelige Etwas bewegt sich. Wie eine Raupe kann es sich zusammenrollen und wieder strecken, reagiert offenbar auf Berührungen, allerdings auf undurchschaubare, immer wieder überraschende Weise.

Das Ding gibt auch Geräusche von sich. Die kommen von den Servomotoren, die unter dem Fell verborgen sind und mit denen es die Winkel seiner Körpersegmente zueinander verändern kann. Doch in Verbindung mit den Bewegungen, die keinem erkennbaren Muster folgen, wirken sie wie die Lautäußerungen eines exotischen Fantasiewesens, das sich um die Aufnahme ins Ensemble der Muppets Show bewirbt.

Die Flatcat in Aktion.

Dieses Ding ist ein Roboter, heißt Flatcat und tut – nichts: Er will nur spielen. Zu etwas anderem ist er gar nicht in der Lage. Seine Entwickler bei der 2019 gegründeten Berliner Firma Jetpack Cognition Lab haben ihn weder mit Displays oder anderen Möglichkeiten der Dateneingabe noch mit visuellen oder auditiven Sensoren ausgestattet. Flatcat nimmt nur Kräfte wahr, die auf ihn wirken, reagiert darauf und entwickelt aus diesen Erfahrungen nach und nach ein Verhalten. "Schmuse mit ihm, tobe mit ihm herum oder schau einfach zu, wie er seltsame Sachen macht", so die Empfehlung auf der Flatcat-Homepage. "Wir sind sicher, ebenso wie uns, wird Flatcat auch dich in Erstaunen versetzen und deine Seele streicheln."

Denn der Reiz der flachen Roboterkatze liegt nicht darin, was sie alles kann, sondern was sie möglicherweise noch alles lernen wird. Während Spielzeugroboter sonst häufig mit einer begrenzten Anzahl vorprogrammierter Verhaltensweisen ausgestattet sind, deren Reiz sich früher oder später erschöpft, ist bei Flatcat völlig offen, was für Aktivitätsmuster sich mit der Zeit entwickeln. Wer dieses Techno-Haustier zu sich ins Haus oder ins Labor holt, bekommt die Gelegenheit, die Entwicklung seiner Denkfähigkeit und damit einer künstlichen Persönlichkeit hautnah und in Echtzeit mitverfolgen zu können – wie bei einem biologischen Haustier.

Bei der äußeren Gestaltung des Roboters haben sich die Entwickler allerdings bewusst an keinem biologischen Vorbild orientiert. Es gehe ihnen um "Funktionsehrlichkeit", sagt Jetpack-Mitgründer Matthias Kubisch: "Wir möchten den Leuten keine Roboter präsentieren, die durch ihr Äußeres eine Erwartungshaltung wecken, die nicht erfüllt werden kann."

Das Innenleben hingegen stützt sich auf Forschungen, die die Entstehung von Denkvermögen als sich selbst organisierendes System im Wechselspiel von Gehirn, Körper und Umwelt zu begreifen versuchen. Es ist daher kein Zufall, dass Flatcat an einige der seltsamen Geschöpfe erinnert, mit denen Ralf Der und Georg Martius diesen Ansatz erprobt haben. Während deren Playful Machines allerdings überwiegend als Simulationen existieren, soll Flatcat den Schritt in die reale Welt wagen und in der spielerischen Erkundung seiner körperlichen Möglichkeiten und seiner Umwelt Intelligenz entwickeln.

Die Playful Machines existieren lediglich virtuell.

Aber kann man so ein "nutzloses Teil" wirklich als Roboter bezeichnen? Die Vision von Karel Čapek, der in seinem 1920 erschienenen Bühnenstück R.U.R. den Begriff erstmals verwendete, sah anders aus. Da antwortet der technische Direktor der titelgebenden Firma "Rossum's Universal Robots" auf die Frage, warum sie Roboter herstellen, ohne Umschweife: "Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein unvollkommen. Sie musste endlich einmal beseitigt werden."

41 Jahre später trat mit "Unimate" der erste reale Industrieroboter seinen Dienst an, verschweißte Karosserieteile von Autos und ließ damit Čapeks Idee Wirklichkeit werden. Mittlerweile sind weltweit mehr als 2,7 Millionen dieser unermüdlichen Montagehelfer im Einsatz. Die sollen aber nicht spielen, die sollen arbeiten.