Schule digital: Bildungsmedien für Schulen – bundesweites Kuddelmuddel

Medienplattformen könnten Lernplattformen mit guten Lerninhalten versorgen, allerdings herrscht auch hier viel Chaos. Joachim Paul kommentiert, was fehlt.

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(Bild: Stokkete/Shutterstock.com)

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  • Joachim Paul
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Die Coronavirus-Pandemie und der damit einhergehende Wechsel zum Distanzlernen haben deutlich gezeigt, dass die bislang von Bund, Ländern und Kommunen aufgebaute digitale Bildungsinfrastruktur in Deutschland bisher nicht in der Lage war, die Ausfälle des Präsenzunterrichts entsprechend zu überbrücken. Dass die vollständige Katastrophe ausblieb, ist ein weiteres Mal dem Einsatz von Lehrkräften zu verdanken. Ihnen wird regelmäßig vorgeworfen, sie seien größtenteils Digitalmuffel. Dass sie nun das ausbaden mussten, was Politikerinnen und Politiker in den vergangenen Jahren versäumt haben, ist aber mehr als klar.

Unerledigte Hausaufgaben und fehlender politischer Mut sind den Landespolitiken zuzuschreiben, der Kultusministerkonferenz KMK sowie der Bundespolitik. Deren Defizite zeigen sich nicht nur im zu späten oder unzureichenden Ausbau und Betrieb von Lernplattformen, wie verschiedentliche Zusammenbrüche und Überlastungsphänomene von mehreren Plattformen belegen, sie liegen – und das soll hier Thema sein – auch in der Beschaffung und Bereitstellung von qualitätsgeprüftem digitalen Bildungscontent für den Kontext Schule.

Joachim Paul

Dr. Joachim Paul ist Biophysiker und arbeitete in mehreren IT-Projekten, u.a. für die EU zu neuronalen Netzwerken und genetischen Algorithmen. In freier Autorenschaft publiziert er regelmäßig Artikel und Buchbeiträge zu Technikphilosophie, Politik und die digitale Revolution betreffenden Fragen. Er war Abgeordneter der Piratenfraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen und von 2012 bis 2015 deren Vorsitzender. Als wissenschaftlicher Referent und Medienpädagoge im öffentlichen Dienst betreut er eine Plattform zur Bereitstellung von digitalen Bildungsmaterialien für Schulen. Er betreibt einen eigenen Blog, einen Youtube-Kanal und ist auf Twitter als @Nick_Haflinger unterwegs.

Meine These: Es ist alles schon da und das seit Jahren. Das Geld sollte nur an der richtigen Stelle ausgegeben werden. Die bereits vorhandenen Angebote sollten entsprechend gefördert, ausgebaut und auch verknüpft werden. Da dies nicht der Fall ist, führen einige Kritiker gern den Föderalismus als einzig Schuldigen an. Das ist jedoch eine Nebelkerze. Denn Kommunikationsprobleme rangieren hier aus meiner Sicht über den Strukturproblemen. Und wäre eine klare Strategie da, erledigten sich auch Reibungsverluste und die Förderung fruchtloser Doppelstrukturen.

Beginnen wir von Vorne: Sehr lange Zeit wurde die Digitalisierung der Schulen von der Bundespolitik wesentlich mit der Ausstattung mit Hardware, WLAN und Netzanschlüssen gleichgesetzt. Mit Hardware ausgestattet wurde zwar zum Teil, aber auch das nur unzureichend. Erst während der Pandemie, so scheint es, wurde auf Bundesebene zusätzlich bemerkt, dass Bildungsinhalte ebenfalls zählen, dass – ins Analoge übertragen – Klassenzimmer ohne Medienregale oder Schultafeln ohne Kreide einfach nicht sinnvoll sind. Daher wurden hierfür weitere Mittel aus dem Digitalpakt bereitgestellt.

Aber was haben hier die Länder und der Bund im Angebot? Was gibt es bereits und wo setzen Bund und Länder mit der Schaffung weiterer Angebote an?

Recht leistungsfähige Plattformen für die Distribution von digitalen Bildungsmedien speziell für Schulen gibt es in allen 16 Bundesländern, und das teilweise seit mehr als 15 Jahren, bereitgestellt entweder vom jeweiligen Bundesland oder durch Kommunen oder kommunale Kooperationen. Denn für die Beschaffung von Sachmitteln für Schulen – dazu gehören auch die digitalen Medien – sind die Schulträger zuständig, also die Kommunen. Diese kaufen digitalen Content allerdings nur für den eigenen Bereich. Die Nutzungslizenzen der Medien sind daher auf die eigene Kommune oder das eigene Bundesland beschränkt, die Medien sind also keinesfalls bundesweit oder gar frei verfügbar.

Artikelserie "Schule digital II"

Diese Plattformen sind zudem nicht im allgemeinen Bewusstsein und oft leider auch nicht im Blick der Bundespolitik. Sie tauchen selten bis nie in der überregionalen Berichterstattung zu Bildung und Digitalisierung auf. Die Aufmerksamkeit der Medien gehört hier in schöner Regelmäßigkeit dem Nutzen von Youtube in Schulen oder den Mediatheken der großen Sender. Die bundesweiten Aktivitäten der Politik konzentrieren sich zugleich – getragen von der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) sowie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) – unkoordiniert auf die Bereitstellung von zwei Suchmaschinen für sogenannte freie Bildungsmaterialien.

Blicken wir also zunächst in Richtung Bund. Um Lehrkräften den Zugriff auf digital und frei verfügbares Lehr- und Lernmaterial zu erleichtern, wurden zwei Plattformen im Rahmen des Digitalpakts Schule gegründet. Zum einen "WirLernenOnline" (kurz WLO), zum anderen "MUNDO", ein ländergemeinsames Projekt und realisiert vom FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht GmbH, dem Medieninstitut der Länder, im Auftrag der KMK. Was sie bisher leisten ist aber sehr fragwürdig.

Während die Bundesregierung auf "zwei leistungsfähige OER-Suchmöglichkeiten" verweist, diagnostiziert der Journalist Christian Füller unter dem Titel "Zwei Plattformen sind eine zu viel" im Tagesspiegel folgerichtig eine Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Lehrkräfte und berichtet, dass Frau Ministerin Karliczek vom Bundesministerium für Bildung und Forschung es gut findet, "wenn sich Angebote für das Onlinelernen ergänzen". Aufmerksamkeit aber – zumal die der Lehrkraft – ist ein knappes Gut.

Was können also diese Plattformen?