Schule digital: Die großen Pläne des Bundes – Fiasko oder Revolution?

Die Bundesregierung will die Bildung digitalisieren, mit einer riesigen Plattform. Die Ambitionen sind immens – die Umsetzung ist aber vollkommen unklar.

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(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)

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  • Jöran Muuß-Merholz
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In der Bildungspolitik in Deutschland findet man bisher vergleichsweise überschaubare Digitalisierungsbegeisterung und wenige Early Adopter. Durch Corona hat sich einiges geändert, auch in Sachen digitale Bildung. Bund und Länder haben verschiedene Initiativen auf den Weg gebracht. Eine davon: eine Nationale Bildungsplattform, die heutige Lern- und Lehrplattformen in den Schatten stellen könnte. Die neue "Initiative Digitale Bildung" verspricht zugleich den ganz großen Aufschlag, könnte aber wieder an einer Vielfalt an Zuständigkeiten und einer hausgemachten Unterfinanzierung leiden.

Die neuen Ansätze könnten das Zeug zur Revolution haben – oder zum großen Fiasko. Um die aktuellen Anstrengungen einordnen zu können, hilft eine kleine Landkarte der diversen Aktivitäten, die in Deutschland zuletzt in der Bildungspolitik, insbesondere für den Bereich Schule auf den Weg gebracht wurden und werden.

Zunächst gibt es 16 Bundesländer, die jeweils eigene Programme für Lehrpläne, Aus- und Fortbildungen, Infrastruktur und Ausstattung haben. Diese Landschaft wird dadurch nicht übersichtlicher, dass für die Ausstattung die Schulträger zuständig sind, die unterhalb der Länderebene angesiedelt sind. Zur Ausstattung gehört nicht nur IT-Technik, Lehr- und Lernmittel, sondern auch das technische Personal. So unterschiedlich, wie Länder und Schulträger aufgestellt sind, so verschieden sieht auch die digitale Ausstattung aus. So ist es durchaus möglich, dass die eine Schule eine dicke Internetanbindung und ausreichend Geräte hat, während man in der Nachbar-Schule auf private Geräte und den inoffiziellen Hotspot eines Smartphones angewiesen ist.

Die Coronakrise hat hier für einen erheblichen Schub gesorgt. So verkündete Hamburgs Bildungssenator Rabe im März stolz, dass man innerhalb von einem Jahr den Anteil der staatlichen Schulen mit WLAN von 18% auf 95% steigern konnte. Nach den Sommerferien sollen zudem für alle Lehrkräfte und weiteres pädagogische Personal Dienst-Tablets zur Verfügung stehen.

Jöran Muuß-Merholz

Foto: Hannah Birr, Agentur Jöran und Konsorten

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge und betreibt mit einem kleinen Team die Agentur "J&K – Jöran und Konsorten". Die Agentur arbeitet an den Schnittstellen zwischen Bildung & Lernen und Medien & Kommunikation. Neben beratenden und konzeptionellen Arbeiten der Agentur schreibt Jöran Muuß-Merholz für Fach- und Massenmedien, print und online. Jöran Muuß-Merholz hält Vorträge und gibt Workshops v.a. im deutschsprachigen Raum, aber zum Beispiel auch in Boston und Brno, Cape Town und London, Stockholm und Tokio. Weitere Texte, Termine und Projekte von Jöran Muuß-Merholz finden sich unter www.joeran.de.

Die Länder stimmen sich untereinander in der Kultusministerkonferenz (KMK) ab. Die KMK hat nicht unbedingt den Ruf, eine herausragend agile und mutige Organisation zu sein. Allerdings sehen selbst Kritiker:innen in der KMK-Strategie "Bildung in der digitalen Welt" von 2016 einen deutlichen Fortschritt, zumal die Umsetzung der dort beschriebenen Kompetenzen in allen Schulen als verbindlich vorgesehen ist. (Dass es an der Umsetzung an vielen Stellen hakt, hat ausnahmsweise nicht die KMK zu verantworten.)

Zudem arbeitet die KMK für 2021 an einer Erweiterung unter dem Arbeitstitel "Lehren und Lernen in der digitalen Welt", die derzeit in einer internen Entwurfsfassung diskutiert wird. Dabei wird explizit auch Bezug genommen auf "die mit der Corona-Pandemie einhergegangenen Maßnahmen zur Re-Organisation von Schule und Unterricht, die seit März 2020 wahrnehmbare Wirkungen auf die Unterrichts- und Schulentwicklung gehabt haben."

Artikelserie "Schule digital II"

Vereinfacht gesagt: Es geht darum, wie man in einer Post-Corona-Welt die notgedrungen neu erprobte Nutzung digitaler Medien konstruktiv fortführen und gestalten kann. Oder noch zugespitzer: Nachdem man 2016 auf die Kompetenzen für Schülerinnen und Schüler geschaut hat, sollen jetzt die Lehrerinnen und Lehrer lernen, was der digitale Wandel für ihre Arbeit bedeutet.

Der Bund hat in der Schulpolitik traditionell nicht mitzureden. Das änderte sich mit einer Grundgesetzänderung 2018. Der Deal sieht so aus: Der Bund gibt Geld und darf nun über die Verwendung entscheiden und auf diese Weise auch mit gestalten. Auf dieser Basis wurde der Digitalpakt vereinbart: Der Bund beteiligt sich mit 5 Milliarden Euro, gestreckt über 5 Jahre, an der digitalen Bildungsinfrastruktur. Zusätzlich wurden während der Coronakrise drei zusätzliche Finanzpakete geschnürt, die sogenannten "Corona-Hilfen". Die drei Pakete finanzieren jeweils 500 Millionen Euro für Leihgeräte für Schüler:innen, IT-Administrator:innen für die Schulen und Dienstgeräte für Lehrkräfte.

Unter den Vorzeichen der Coronakrise tagte am 25.08.2020 im Bundeskanzleramt der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD. Es ging um "Wahlrecht, Kurzarbeit, Insolvenzrecht, Krankentage, Klimaanlagen", berichtete die Tagesschau. Kaum Beachtung fand in der Öffentlichkeit ein Punkt, der im Protokoll des Treffens als "TOP 3: Deutscher Aufbau- und Resilienzplan" festgehalten wurde. Dort ging es um die "zu erwartenden EU-Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfaszilität" – zu Deutsch: Was machen wir mit den Corona-Geldern der EU? Das Ergebnis war einfach: Das Bundesfinanzministerium wurde beauftragt, einen Plan zu erstellen. Und dann folgt im Protokoll noch ein Textabsatz, der wie folgt begann: "Ferner soll aus diesen Mitteln eine digitale Bildungsoffensive finanziert werden ..." Dabei ist vom "Aufbau einer bundesweiten Bildungsplattform“ sowie von der Gründung von "Bildungskompetenzzentren" die Rede. Dem Vernehmen nach hatten sich insbesondere SPD-Chefin Esken und Bundeskanzlerin Merkel für diese Maßnahmen stark gemacht haben. Sie könnten über Corona hinaus weitreichende Folgen haben.

Schaut man sich diese Landkarte der Bildungspolitik in ihrer Gesamtheit an, so versteht man, warum die Bundesregierung sich eine koordinierende und führende Instanz wünscht – und sich selbst in dieser Rolle sehen möchte. Dennoch braucht es für diese Umsetzung die Zusammenarbeit von Bund und Ländern. Damit die Länder mitmachen, hilft das vom Bund in Aussicht gestellte Geld. Alleine für die angestrebte Bildungsplattform sind noch für das laufende Haushaltsjahr 85 Millionen Euro eingeplant. Für die Zeit bis 2025 sind insgesamt 630 Millionen Euro vorgesehen. Für die Bildungskompetenzzentren sind zusätzliche 205 Millionen Euro eingeplant, davon allerdings nur 5 Millionen noch in 2021. Dafür sollen Gelder aus den EU-Mitteln des Wiederaufbau- und Resilienzplans verwendet werden.

Eine der beiden im August 2020 im Koalitionsausschuss vereinbarten Maßnahmen lautete: Es werden "Bildungskompetenzzentren gegründet, die wissenschaftliche und praktische methodisch-didaktische Kompetenz vernetzen und verfügbar machen und die den Schulen Unterstützung bei der Medienplanung sowie bei der Schulentwicklung und Personalentwicklung zur Verfügung stellen." Die Umsetzung ist derzeit in Vorbereitung. Zuständig sind gemeinsam die Länder, vertreten durch die KMK, und der Bund, in diesem Fall das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zwar haben Länder und BMBF nur begrenzt Übung in Sachen Kooperation. Dennoch geben die bisherigen Überlegungen Anlass zur Hoffnung für eine zeitnahe Umsetzung.

Das BMBF will noch im Sommer 2021 ein Förderprogramm ausschreiben. Laut einem internen Papier des BMBF besteht das Ziel darin, "wissenschaftsbasiert nachhaltige inhaltliche und strukturbildende Impulse für die Lehrerbildung und die Schulentwicklung zu setzen sowie den Transfer in die Praxis zu gestalten". Im Jahr 2022 soll dann "ein bundesweit agierendes Kompetenznetzwerk unter Federführung der Wissenschaft" starten. Vereinfacht gesagt lässt sich das so interpretieren: Der Bund bezahlt Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen dafür, dass sie den Kompetenzzentren erklären, was sie tun sollen. Die Zentren rollen das dann in den jeweiligen Ländern in die Fläche aus.

Die Länder wollen je ein eigenes "Kompetenzzentrum für digitales und digital gestütztes Unterrichten" einrichten. Denkbar ist, dass einzelne Länder hier zusammenarbeiten, so wie z.B. Berlin und Brandenburg bereits jetzt ein gemeinsames "Landesinstitut für Schule und Medien" betreiben. Aber im Grundsatz wird es auf ein Kompetenzzentrum pro Land hinauslaufen. Außerdem denken die Länder an eine "bundesweite Koordinierungs- und Transferstelle", welche die Ergebnisse aus den vom BMBF finanzierten Forschungsprogrammen bündelt. In diesen Kompetenzzentren sollen alle Aktivitäten gebündelt werden, die in der Lehreraus- und -fortbildung in Sachen Digitalisierung relevant sind. Dabei geht es um drei Ebenen:

1. das Unterrichten mit digitalen Medien

2. Schulentwicklung und Medienplanung auf Schulebene

3. digitale Fortbildungsformate.

Die oben beschriebene neue KMK-Strategie "Lehren und Lernen in der digitalen Welt" dürfte eine entscheidende Rolle für die Arbeit der Kompetenzzentren spielen, weil sie quasi als gemeinsame Programmatik der Kompetenzzentren dienen könnte. Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst, die zu Beginn des Jahres die Präsidentschaft der KMK übernahm, hat das Thema zum Schwerpunkt ihrer Amtszeit ausgerufen.

Die Vereinbarung zwischen Bund und Ländern ist noch nicht in trockenen Tüchern, auch wenn beide Seiten guten Willen zeigen. Ein Knackpunkt wird das Thema Geld sein. Denn die Bundesregierung will sich in der Finanzierung auf die Wissenschaftsförderung beschränken und, anders als beim Digitalpakt, keine direkte Finanzhilfe an die Länder geben. Die Kompetenzzentren selbst müssen also, auch wenn sie im Bundeskanzleramt erfunden wurden, von den Ländern finanziert werden.

Die Rede ist von 250 Millionen Euro für 5 Jahre. Eine Beispielrechnung macht die Dimensionen deutlich: 50 Millionen Euro pro Jahr, verteilt auf 16 Länder – bei einem mittelgroßen Land wie Hessen dürfte das grob geschätzt ein Etat von 3,7 Millionen Euro sein. Das ist nicht wenig, aber auch keine riesige Investition angesichts der anstehenden Aufgaben. Zudem stellt sich die Frage, ob die Länder tatsächlich zusätzliche Mittel aufbringen, oder einfach vorhandenes Personal, zum Beispiel aus der Lehrerfortbildung, in die Kompetenzzentren verschieben. Im schlimmsten Fall bekommen vorhandene Aktivitäten einfach nur ein neues Schild über dem Eingang.

Die zweite Maßnahme, die im August 2020 auf den Weg gebracht wurde, betrifft eine gemeinsame Bildungsplattform für Deutschland. Wie unklar dazu die Vorstellungen noch sind, zeigen die Verwirrungen rund um große Begriffe. Da ist zum einen von der "Nationalen Bildungsplattform" die Rede, bisweilen auch vom "Nationalen Bildungsraum" und obendrauf hat die Bundesregierung eine "Initiative Digitale Bildung" ausgerufen.

Der Organisationsplans des BMBF ist hierarchisch und nicht ganz übersichtlich strukturiert. Seit einigen Monaten gibt es hier ein neues Kästchen, das eine auffällig unabhängige Position im Gesamtgefüge einnimmt. Die Beschriftung lautet "PG DB – Projektgruppe Digitaler Bildungsraum". Hier wird seit dem Herbst 2020 mit Hochdruck daran gearbeitet, die Grundlage für eine deutschlandweite Lösung für digitale Bildungsangebote nicht nur im Bereich Schule, sondern auch für Erwachsenenbildung, Weiterbildung, berufliche Bildung zu etablieren. (In der Aufzählung fehlen die Hochschulen, denen man vermutlich zu viel Autonomie zuschreibt, als dass sie sich hier integrieren ließen.)

Am 22. Februar 2021 stellte die Bundesregierung ihre Planungen der Öffentlichkeit vor. Mit Bundeskanzlerin Merkel, Bundesbildungsministerin Karliczek und zahlreichen Gästen wurde die "Initiative Digitale Bildung" bekannt gegeben. Im Zentrum steht die "Nationale Bildungsplattform in einem digitalen Bildungsraum". Wie umfassend dieses Vorhaben gedacht wird, wird deutlich, wenn man die versprochenen Formen in einer Liste sammelt und sich dabei vor Augen hält, dass in Zukunft die digitale Form der Standard und nicht mehr die Ausnahme sein soll.

Die Nationale Bildungsplattform in einem digitalen Bildungsraum soll ermöglichen …

  • … dass verschiedensten Lernangebote auf einer Plattform zugänglich sind, z.B. als Materialien, die eine Lehrerin oder ein Weiterbildner über einen "Marktplatz" hinter einer "Bezahlschranke" kaufen kann.
  • … dass Lernende selbst auf verschiedenste Lernangebote zugreifen können.
  • … dass Lehrende Tools, Plattformen und andere Cloud-Services für die eigene (Zusammen-)arbeit finden und nutzen können.
  • … dass verschiedenste Angebote mit einem einheitlichen Zugang genutzt werden können (Identitätsmanagement).
  • … dass Bildungsangebote verschiedener Anbieter einheitlichen Vorgaben für Sicherheit und Datenschutz entsprechen.
  • … dass sich Akteure verschiedener Bildungsbereiche untereinander vernetzen.
  • … dass Lernende über verschiedene Bildungseinrichtungen und sogar Bildungsbereiche hinweg auf ihrer "Bildungsjourney" ihre Daten und Kompetenzprofile mitnehmen, nutzen und "digital souverän" selbst verwalten können.
  • … dass Menschen ihre Zeugnisse und Zertifikate in einer "Wallet-App" speichern und freigeben können.

Technisch orientiert sich das gigantische Vorhaben vor allem an der Etablierung von Standards und Schnittstellen. Ein Anbieter von Bildungsmaterialien soll beispielsweise das eigene Angebot nicht direkt auf der neuen Plattform bereitstellen. Stattdessen greift die Plattform über offene Schnittstellen auf das Angebot zu, arbeitet also quasi als Vermittler zwischen Lernenden, Lehrenden, Institutionen und Bildungsanbietern. "Interoperabilität" und "föderierte Gesamtarchitektur" lauten die Zauberworte, die Ordnung in den digitalen Wildwuchs bringen, aber auch Anreize für neue Angebote setzen sollen.

Für die technische Umsetzung ist noch im Frühjahr 2021 eine erste Ausschreibung vorgesehen, bei der Anbieter "bis zu vier Prototypen" entwickeln sollen. Auf Basis dieser Erfahrung soll es dann an die Umsetzung gehen – nach der Bundestagswahl und mit Fokus auf eine Fertigstellung in 2025.

Relativ unklar ist derzeit, was neben Plattform / Bildungsraum zusätzlich noch im Rahmen der von der Bundesregierung ausgerufen Initiative Digitale Bildung passieren soll. Am 12. März 2021 hatte das BMBF in einem verhältnismäßig überschaubaren Kreis zu einem "ersten Netzwerktreffen der Initiative Digitale Bildung" eingeladen. Akteure aus Hochschulen, Unternehmen und Stiftungen stellten dem BMBF-Staatssekretär Christian Luft ihre Arbeit und Ideen vor. In der Folge soll dieses Netzwerk um weitere Mitwirkende erweitert werden, monatlich den Austausch anhand eines Schwerpunktthemas vorantreiben und so vorhandene Entwicklungen sichtbar machen und vernetzen.

Angesichts der großen Ambitionen, die mit den Planungen in Sachen digitale Bildung verbunden sind, braucht es dringend eine breitere Debatte. Hier kommen einige Diskussionsanstöße in Form von fünf freundlichen Ermunterungen und einer großen Befürchtung.

Die Vision der Bildungsplattform ist beeindruckend. Alleine zahlenmäßig ist die Digitalisierung im Bereich Schule mit 10,9 Millionen Schüler:innen und 0,9 Millionen Lehrkräften eine gigantische Herausforderung, ganz zu schweigen von weiteren Bildungsbereichen. Hinzu kommt, dass man in Sachen Digitalisierung nicht einfach "aufholen" kann, wie gerne gesagt wird. Denn der digitale Wandel vollzieht sich ja kontinuierlich weiter, mit kaum vorhersagbaren Entwicklungen. Es ist nicht so, dass man jetzt ein paar Jahre Aufwand in die Digitalisierung stecken kann und dann wieder Ruhe hätte. Die Kompetenzzentren und die Bildungsplattform bieten eine starke Vision und hoffentlich eine solide Basis für große anstehende Aufgaben.

Bei aller Vision darf nicht übersehen werden: Menschen, die täglich mit Informationen, Wissen, Kommunikation und Zusammenarbeit zu tun haben, brauchen gute Geräte, gute Software, eine sehr gute Internetverbindung und entsprechendes WLAN, dazu Präsentationsmöglichkeiten – und dazu Support und Know-How. Lehrende und Lernende sind solche Menschen. Und trotz der Fortschritte sind die Schulen an den meisten Orten noch weit von einem guten Standard entfernt, wie man ihn inzwischen in jeder Sparkasse finden kann. Neben der Grundausstattung brauchen alle Lehrkräfte mehr Klarheit und Vereinfachungen in Sachen Datenschutz sowie die Zeit für Fortbildungen und Organisationsentwicklung.

In einigen Bundesländern wird es als Erfolg gefeiert, dass alle Lehrkräfte nun eine eigene dienstliche E-Mail-Adresse bekommen sollen. Das ist 2021 zu wenig.

Der digitale Wandel wird bisweilen nur als Austausch von Werkzeugen (Tastatur statt Stift), Materialien (PDF statt Schulbuch) und Lernorten (Homeschooling statt Klassenraum) diskutiert. Die Ankündigungen von Bund und Ländern sprechen gerne von besserer Unterrichtsqualität, hochwertigen Materialien oder effizienter Arbeit. Mit diesen Zielen lässt sich lediglich die Bildung des 20. Jahrhunderts optimieren.

Die digitale Transformation zeigt, dass "mehr vom Alten" nicht reicht. Die Bildungsziele und Lerninhalte verändern sich. Neben Fachinhalten braucht es Kompetenzen für selbständiges Arbeiten, für Zusammenarbeit, für den Umgang mit widrigen Situationen und vieles mehr. Und vor allem: Es braucht Bereitschaft und Fähigkeiten, das eigenen Lernen zu reflektieren, zu steuern und weiterzuentwickeln – erst Recht, wenn Schule, Studium oder Ausbildung abgeschlossen sind. Hinzu kommen neue Lernformen.

Es ist kein echter Fortschritt, wenn der Vokabeltrainer jetzt digital funktioniert und das Schulbuch durch Instruktionsvideos ersetzt wird. Das große, noch kaum gehobene Potenzial digitaler Medien liegt in personalisierten Lernprozessen, der Zusammenarbeit über den Klassenraum hinaus, der Arbeit in Projekten, die Erarbeitung von kreativen Lernprodukten u.v.a.

Bei Vorstellung der Initiative Digitale Bildung und im Entwurf der neuen KMK-Strategie finden sich bestenfalls erste Ansätze davon. Das muss jetzt ausgebaut, mit Leben gefüllt und in die Breite getragen werden. Der Diskurs um "Digitale Bildung" mag weiterhin aus vielen Schlagworten bestehen. Aber immerhin: Die Schlagworte sind schon viel besser als noch vor kurzer Zeit.

Insbesondere bei den Kompetenzzentren besteht die Gefahr, dass hier einfach nur mehr vom Alten passieren wird. Kein Zweifel: Es braucht die bestehenden Strukturen. Wir haben nur die Lehrerausbildung, die wir haben. Und auch in der Fortbildung sind die bestehenden Institutionen weiterhin unverzichtbar. Aber diese Häuser waren bisher nicht die Treiber einer digitalen Transformation.

Es wird nicht reichen, ihnen jetzt einfach noch mehr Aufgaben zu geben. Im schlimmsten Falle werden die für Medien zuständigen Abteilungen und Institutionen nur umbenannt und heißen ab 2022 "Kompetenzzentren", bekommen mehr Aufgabe und – im allerschlimmsten Fall – nicht einmal nennenswert mehr Personal und Budget.

Ähnliches gilt für die Wissenschaft. Der Glaube des BMBF an die akademischen Institutionen des Landes ist erfreulich. Aber auch dort ist die Expertise in Sachen digitales Lernen und Lehren bisher eher punktuell als flächendeckend aufgefallen. Fragt man die einschlägigen Verantwortlichen nach Beispielen, wo wissenschaftlich geführte Programme in jüngster Zeit für nachhaltige Verbesserungen von Unterricht geführt haben, wird immer nur ein einziges Beispiel genannt: Das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM). Besonders bemerkenswert: Das DZLM wurde von außen, nämlich durch die Telekom-Stiftung initiiert und finanziert. Erst nach 10 Jahren wurde das Vorhaben Anfang 2021 in eine öffentliche Finanzierung überführt.

Als weiterer Ausgangspunkt wird häufig das Bund-Länder-Programm "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" (QLB) angeführt, in dem es einen Schwerpunkt "Digitalisierung in der Lehrerbildung" gibt. Auch hier findet man bei genauem Hinschauen eher einzelne Anfänge als fortgeschrittene Konzepte und Formate, um Lernen und Schule wirklich anders zu denken.

Echte Innovationen entsprangen in den letzten Jahren aus anderen Quellen. Einige Beispiele: Verschiedene Bildungsstiftungen haben sich als Forum Bildung Digitalisierung zusammengeschlossen um einen "digitalen Kulturwandel im Bildungsbereich" zu gestalten. Deutschland mag kein Land der EdTech-Start-ups und Social Entrepreneurs sein, doch es sind die Angebote von Sofatutor oder Serlo und nicht etwa von Schulverlagen oder Hochschulen, die nachmittags millionenfach bei den Hausaufgaben helfen. Und wer wissen will, wo die neuen Leitbegriffe der Debatte im deutschsprachigen Raum zuerst diskutiert wurden, von Flipped Classroom über Digitalität und Persönliche Lernnetzwerke bis zur neuen Prüfungskultur, wird nicht in den Fachzeitschriften, sondern auf Twitter und in Blogs fündig.

Zur Bekanntgabe der Initiative Digitale Bildung betonte Bundesbildungsministerin Karliczek, man wolle "zeigen, was es schon alles gibt, aber auch, wo es noch hingehen soll." Das klang locker-flockig, aber dahinter steht ein wesentlicher Punkt: Es gibt schon vieles, was nicht neu erfunden werden muss. Das ist gut. Allerdings wurden die wirklich schwierigen Punkte noch vermieden: Was ist, wenn in 2023 die beliebteste App zur Weiterbildung nicht von den Volkshochschulen kommt, sondern von ByteDance, der Mutter von TikTok? Welchen Stellenwert werden Open Source-Angebote und frei lizenzierte Materialien (Open Educational Resources, OER) haben? Wer entscheidet über die Regeln, die den Zugang zum digitalen Bildungsraum festlegen, wer wird der neue Gatekeeper?

Das Thema Offenheit ist eine markante Leerstelle in den vorgestellten Planungen. Da sind die bildungspolitischen Debatten eigentlich schon weiter, und demnächst soll eine offizielle Strategie der Bundesregierung zu Open Educational Resources erscheinen. Bei dem von Wikimedia Deutschland koordinierten Bündnis Freie Bildung kann man sowohl die Planungen als auch konkrete Forderungen dazu nachlesen. Kurz gesagt: Alles, was mit öffentlichen Mittel finanziert wird, sollte als OER und Open Source bereitgestellt werden, z.B. von der Bundesregierung geförderte Lern-Apps und Lern-Plattformen. Diese Forderung wird noch wichtiger, wenn Lernangebote in Zukunft vernetzt angeboten und genutzt werden sollen.

Die Frage nach Offenheit stellt sich auch hinsichtlich der Partizipation am weiteren Prozess. Bisher wurden die Planungen, wie für BMBF und KMK üblich, hinter verschlossenen Türen vorangetrieben. Ein so anspruchsvolles Vorhaben kann aber nur gelingen, wenn frühzeitig die Vielfalt von Ideen, vorhandenen Ansätzen und Ansprüchen mit an den Tisch geholt wird.

Auch wenn der Bildungsbereich keine Vorreiter-Position einnimmt, so gibt es doch schon sehr viele Angebote und Erfahrungen, die groß angelegte Planungen kennen und einbeziehen sollten.

Wenn die Bildungsplattform einen einheitlichen Zugang im Sinne von Identitätsmanagement anbieten will, dann sollte man wissen, dass die Länder mit dem Projekt VIDIS genau das schon auf den Weg gebracht haben und 2022 in den Einsatz bringen wollen. Wenn man Sammlungen und Schnittstellen für Lehr-Lern-Materialien anbieten will, sollte man nicht ein drittes Vorhaben isoliert neben das vom Bund finanzierte WirLernenOnline und das Länderprojekt Mundo stellen. Die arbeiten nämlich genau daran.

Es gibt bereits Online-Fortbildungen für Lehrer:innen, beispielsweise vom Hamburger Start-up Fobizz, aber ansatzweise auch von den Instituten der Länder. Zumindest bei Angeboten, bei denen kein Aufwand für die Betreuung-pro-Person anfällt, gibt es keinen Grund, warum sie durch Ländergrenzen beschränkt werden sollten – was faktisch derzeit noch passiert.

Auch der in Verruf geratene "Flickenteppich" von parallel betriebenen Entwicklungen kann von Vorteil sein. Denn im dynamischen Feld des digitalen Wandels müssen viele verschiedene Ansätze erprobt werden, um aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. (Und alle, die nach "Vereinheitlichung" rufen, meinen ja eigentlich: "Ich will vereinheitlichen, und zwar auf diejenigen Lösung, die ich für richtig halte.") Voraussetzung ist, dass nicht nur die Angebote miteinander geteilt werden, sondern die damit verbundenen Erfahrungen gemeinsam ausgewertet werden, sodass alle daraus lernen können. Hier gibt es großen Nachholbedarf.

Und schließlich: Deutschland ist nicht alleine in der Welt, wie es die Rede vom "Nationalen Bildungsraum" und der "Nationalen Bildungsplattform" suggeriert. Zwar findet man beim genauen Hinschauen auch Bekenntnisse zur Einbindung der europäischen Ebene. In der Praxis ist das bisher aber nirgends zu entdecken. Das BMBF ist notorisch zurückhaltend, wenn es darum geht, von anderen Ländern zu lernen oder gar mit ihnen zusammenzuarbeiten. Und die Verbindung zum "Aktionsplan für digitale Bildung (2021-2027)", den die Europäische Kommission auf den Weg gebracht hat, findet man in den bisherigen Überlegungen so gut wie nirgends. Dabei liest sich seine Beschreibung so, als ginge es um einen Zwilling der Ideen von BMBF und KMK.

Besonders bemerkenswert an der geplanten Bidungsplattform ist das, was sie nicht sein soll: Ein zentralistisches Monster. Denn das Bedürfnis der Politik (und vieler Wähler:innen), dass bitte jemand Ordnung in die unübersichtlichen digitalen Welten bringe, ist hoch. Das verführt gerne zu hohen Ansprüchen und der Verheißung, dass eine neue Plattform alles strukturieren oder gleich ganz neu erfinden solle. Das hat im Bereich Digitalisierung aber noch nie funktioniert. Dafür ist die Entwicklung zu schnell, zu dynamisch, zu vielfältig.

Die geplante Bildungsplattform soll nicht selbst zum Anbieter von Inhalten, Tools, Diensten werden. Sie soll Standards setzen, Zugänge schaffen, Vernetzung ermöglichen, für die vorhandenen und zukünftig kommenden Angebote. Selbst in dieser Konstruktion wird die Gatekeeper-Funktion von enormer Bedeutung werden.

Wie wird über die Regeln entschieden? Wer entscheidet, was auf die Plattform kommt – und was nicht? Hinzu kommt die Frage nach der Akzeptanz aufseiten der Anbieter. Denn niemand wird Anbieter auf die Plattform zwingen können, wenn sie gar nicht wollen. Und auch die Bildungsinstitutionen könnten weiterhin Angebotsformen jenseits der Plattform attraktiver finden. Vergleiche mit De-Mail drängen sich auf, die mit großen Versprechungen und hohem Aufwand vor 10 Jahren eingeführt und kürzlich von Telekom-Chef Höttges zum "toten Gaul" erklärt wurde.

Selbst der vorgesehene dezentrale Ansatz steckt noch ein derartig weites Feld ab, wie sich vielleicht auch einige der Planer:innen noch nicht selbst klargemacht haben. Eine Plattform, die alle Bildungsbereiche und selbstgesteuertes Lernen abdecken will, richtet sich mehr oder weniger an die gesamte Bürgerschaft, organisiert also mittelfristig die Datensätze von zig Millionen Menschen. Von der Größenordnung her bieten sich vorsichtige Vergleiche mit der Elektronischen Gesundheitsakte an. Diese wurde zu 2021 verpflichtend für die Krankenkassen – nach einer Planungs- und Entwicklungsdauer von fast 20 Jahren! Im Vergleich zu Gesundheitsdaten sind die im Bildungsbereich anfallenden Daten um ein vielfaches umfangreicher. Zum Arzt geht die durchschnittliche 15-Jährige ein paar Mal im Jahr, wo dann ein einzelner Befund festgehalten wird. Zur Schule geht dieselbe Person quasi täglich und wird dabei in Zukunft ständig digitale Daten erzeugen und nutzen.

Vor diesem Hintergrund ist kaum zu ermessen, wie groß die Verantwortung bei denen ist, die diese Daten organisieren. Hört man sich in den Kreisen um, die mit den bisherigen Planungen vertraut sind, dann erfährt man: Fragen nach Kontrolle und Überwachung sind bisher kaum ein Thema. Datenschutz wird als diffuse Angst vor großen, globalen Unternehmen verstanden. Was aber ein Staat, ob offiziell oder über beispielsweise Geheimdienste, mit den Datensätze von tendenziell allen Lernaktivitäten von tendenziell allen Menschen eines Landes anfangen könnte, dazu gibt es kaum Diskussionen.

Auch hinsichtlich der technischen Umsetzbarkeit kann man den Bildungs- mit dem Gesundheitsbereich vergleichen – und kommt zu ernüchternden Ergebnissen. Schaut man sich alleine den Bereich Schule an, so findet man nicht nur höchst unterschiedliche Regelungen und Strukturen, sondern auch zahllose Widersprüche und Uneinheitlichkeiten. Wenn man nun diese Realität in einer Plattform abbilden will, wird man schnell kaum überwindbare Probleme bekommen. Denn digitale Systeme können das nicht gut. Man kann technisch nicht sauber abbilden, was in der Welt nicht sauber strukturiert ist.

Wenn es ausgesprochen gut geht, kann die Bildungsplattform ihre Versprechungen einlösen. Wenn es schlecht läuft, wird die Nationale Bildungsplattform zum digitalen BER-Flughafen der Bildungspolitik. Man muss es wohl dennoch probieren, auch wenn es nach einem unmöglichen Unterfangen aussieht. Denn die Hoffnungen und Zielsetzungen sind ja richtig und wichtig. Und die möglichen Schwierigkeiten sind auch ein Symptom davon, dass der Bildungsbereich noch am Anfang der digitalen Transformation steht und die großen Fragen und Potenziale noch vor sich hat.

Es sieht so aus, als hätte Corona das Thema digitale Bildung in der deutschen Bildungspolitik wach gerüttelt. Groß angelegte Initiativen wurden und werden auf den Weg gebracht. Doch bei allem Optimismus ist Vorsicht geboten. Die Institution Schule und die Akteure um sie herum haben immer wieder gezeigt, wie stark ihre Beharrungskräfte sein können. Wenn derzeit an manchen Orten gesagt wird: "Die Schule kann nach Corona nicht wieder in den alten Zustand zurückfallen", muss man sagen: "Doch. Das ist gut möglich."

Hinzu kommt: Guter Wille alleine wird nicht reichen – es braucht Geld. Die angedachte Finanzierung ist angesichts der großen anstehenden Umbrüche nur ein Anfang und noch längst nicht in trockenen Tüchern – von langfristigen Investitionen nach der Krise ganz zu schweigen. Und schließlich: Alle Aktivitäten stehen unter den Vorzeichen einer Bundestagswahl, verbunden mit besonderem Engagement für den Wahlkampf und einem anschließenden Regierungswechsel, der auch für das Bildungsministerium Auswirkungen haben dürfte.

"Das Thema wird uns noch Jahre und Jahrzehnte beschäftigen", prognostizierte Bildungsministerin Karliczek richtigerweise bei der Vorstellung der Initiative Digitale Bildung. Es braucht einen Marathon – mit hohem Tempo, großer Kooperationsbereitschaft und viel Geld. Die Perspektiven für die Umsetzung der Vorhaben stehen in einem kaum berechenbaren Spannungsfeld zwischen kurzfristigen politischen Entwicklungen und notwendiger Langfristigkeit der Planungen. Das kann man bedauern. Aber das Engagement der politischen Akteure in Wahlkampfzeiten kann auch genutzt werden, um öffentliche Diskussionen zu führen, Forderungen zu stellen und Ermunterungen auszusprechen.

Artikelserie "Schule digital"

(kbe)