Schule digital: "Ich habe ziemlich viel Angst, um ehrlich zu sein"

Ein Gespräch mit Xueling Zhou von der Schüler- und Schülerinnenvertretung NRW über die Situation an Schulen in der Pandemie. Wie geht es Jugendlichen jetzt?

Lesezeit: 12 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 177 Beiträge

(Bild: Rido/Shutterstock.com)

Von
  • Kristina Beer
Inhaltsverzeichnis

Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands und hat mit seinen rund drei Millionen Schülerinnen und Schülern auch im Ländervergleich die meisten Kinder und Jugendlichen zu versorgen.

Xueling Zhou ist Mitglied des Vorstandes der Landesschüler:innenvertretung NRW (LSVNRW). Sie ist momentan in der 11. Klasse eines Kölner Gymnasiums und hat stellvertretend für die LSVNRW und die Schülerinnen und Schüler des Landes NRW mit uns über die Situation an den Schulen in der Coronavirus-Pandemie gesprochen.

Mehr Infos

Die landesweite Vertretung der Schülerinnen und Schüler Nordrhein-Westfalen (kurz LSVNRW, Eigenschreibweise Landesschüler*innenvertretung), vertritt die Interessen der etwa 3 Millionen Schüler*innen in Nordrhein-Westfalen (Schüler:innen der Berufskollegs eingerechnet). Es werden 3267 Grundschulen, 704 Hauptschulen, 557 Realschulen, 629 Gymnasien, 220 Gesamtschulen, 414 Weiterbildungs- und Berufskollegs, 730 Förderschulen und 36 Schulen für Kranke repräsentiert.

In der Coronavirus-Pandemie wird häufig über Kinder und Jugendliche gesprochen. Ihr seid – wie sehr häufig gesagt wird – "die Leidtragenden der Pandemie". In der Berichterstattung kommt ihr aber eher selten selbst zu Wort. Deshalb nun direkt die Frage an dich: Wie erlebt ihr Schülerinnen und Schüler das Pandemieschuljahr 2020/2021 bisher?

Ganz unterschiedlich. Wir stehen auf jeden Fall vor einer Menge an Herausforderungen, die wir bisher so nicht hatten. Wir kritisieren aber ganz klar die kurzfristigen Entscheidungen der Landesregierung.

Als Beispiel: Die Schulen bekommen Donnerstagabend die Mail, dass montags wieder komplett Präsenzunterricht stattfindet. Das geht schonmal gar nicht. Das sorgt bei Schüler:innen für eine große Unsicherheit. Und die ganzen technikbasierten Sachen sind im Schulministerium nicht wirklich ein Thema.

Meinst du damit, dass sie dort zu wenig darüber nachdenken, was ihr für Technik in den Schulen braucht?

Ich meine das ein bisschen anders. Wenn ich als Schulleitung für meine Schule mehrere Tablets beantragen möchte, dann muss ich durch ganz viele Bürokratie-Schritte und dann ist nicht einmal garantiert, dass ich diese Tablets bekomme.

Ok. Also sagt ihr: Es ist zu kompliziert für Schulen eine angemessene technische Ausstattung zu erhalten?

Ja, genau. Die Schulleitung muss alles – Stand jetzt – am besten mit einem Konzept beantragen. Dann muss das an die Kommune gehen, dann geht das an das Land, dann schickt das Land den Antrag wieder mit Verbesserungsvorschlägen zurück...und so weiter. Oft kommen die Tablets dann nicht einmal in der Schule an.

Hört ihr als Landesschüler:innenvertretung denn häufig Beschwerden von anderen Jugendlichen zur technischen Ausstattung der Schulen?

Ja, auf den Fall. Ich selbst wohne in Köln. Da sind die Schulen nicht so schlecht ausgestattet, aber in nicht so urbanen Regionen sieht das nicht immer so gut aus. Und es macht auch einen Unterschied auf welcher Schulform man ist. Es gibt eine Umfrage des WDR, für die Schulleitungen angeben sollten, wie sie die Digitalisierung der eigenen Schule einschätzen. Gymnasien und Gesamtschulen bewerteten ihre Ausstattung mit den Noten 3,2 und 3,5 und die Haupt- und Förderschulen vergaben häufig nur eine 4 und schlechter.

Artikelserie "Schule digital II"

Du bist auf einem Gymnasium. Du erlebst also, dass eure technische Ausstattung ganz in Ordnung ist?

Ich kann mich über unsere Ausstattung wirklich nicht beklagen.

Das ist ja sehr schön. Habt ihr denn bei euch an der Schule viel Distanzunterricht, der dann auch digital stattfindet?

Wir sind in Köln ja momentan bei einer Inzidenz von über 165. Das heißt: Alle außer Abschlussklassen müssen zuhause Digitalunterricht machen. Und unsere Schule kann dann auch tatsächlich sagen: Ja, wir bieten digitalen Distanzunterricht an. Nur die Abschlussklassen sind weiterhin in der Schule.

Wenn wir dann digitalen Unterricht haben, sitzen wir aber auch nicht zwei Stunden am Stück am Laptop, weil unsere Lehrkräfte das nicht gut finden.

Was heißt das genau? Ihr folgt nicht eins zu eins eurem Stundenplan, der sonst im Präsenzunterricht gilt?

Doch. Wir machen unseren Stundenplan. Aber das sieht dann so aus, dass wir uns in den ersten 15 Minuten der 90-minütigen Stunde zu einem Meeting treffen, die Aufgaben besprochen werden und dann arbeitet man sie alleine oder in Gruppen durch. Am Ende der Stunde kommen wir dann nochmal für 15 Minuten zusammen und dann wird gefragt, ob man Probleme hatte, ob noch Hilfe gebraucht wird und manchmal gibt’s dann noch Hausaufgaben.

Könnt ihr euch auch zwischen diesen Meetings an die Lehrkräfte wenden?

Ja. Das ist an unserer Schule wirklich gut. An der Schule einer Freundin sieht das leider ganz anders aus. Sie geht auf eine Hauptschule. Da ist das so, dass die Schüler:innen – meistens montags – einen Berg an Aufgaben per E-Mail zugeschickt bekommen und dann soll man die Aufgaben machen, fotografieren und wieder zurückschicken.

Es ist also überhaupt nicht interaktiv aufgebaut?

Nein. Es gibt sogar teilweise Schulen, da stehen die Schüler:innen gar nicht in Kontakt mit den Lehrkräften. Diese "Klassengesellschaft" unter den Schulen wird jetzt besonders durch Corona offensichtlich.