Schule digital: (K)ein Platz für Microsoft

Bayern und Baden-Württemberg setzen in Corona-Zeiten verstärkt auf Homeschooling mit Microsoft-Produkten, doch Eltern, Lehrer und Datenschützer protestieren.

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(Bild: George Rudy / Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl
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Die Digitalisierung der Bildung wird seit Jahren angemahnt, durch die Coronavirus-Pandemie hat diese Forderung aber eine ganz neue Dringlichkeit erhalten. Damit Kinder nicht davon abhängig sind, wie fit ihre Eltern, Schulträger und Lehrer:innen sind, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine möglichst große Teilhabe schaffen.

Wie sollte die Digitalisierung in unseren Bildungseinrichtungen also umgesetzt werden? Wie ist es bisher gelaufen? Welche Tools und Ausstattungen haben sich schon bewährt, welche dürften und sollten kommen? Und wie könnte die Schule – nach einem großen Digitalisierungsschub – in einigen Jahrzehnten aussehen? Unsere Artikelserie "Schule digital" möchte diese Fragen weiter beleuchten.

Mitte September enden die Sommerferien auch in Bayern und Baden-Württemberg. Wie in den anderen Bundesländern wird es dann auch im Süden an den Schulen um Versuche gehen, den Präsenzunterricht unter den Bedingungen der Coronavirus-Pandemie wieder aufzunehmen. Klar ist, dass Online-Lernen dabei eine wichtige Rolle spielen soll, um die Klassenzimmer nicht zu voll zu machen. Videokonferenz-Dienste und andere Kommunikationswerkzeuge sind gefragt, wenn der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern nicht abreißen soll.

Die beiden Länder dürften die vergangenen Wochen aber wohl nicht nur genutzt haben, um für Schulen "ein selbst gehostetes Videokonferenz-System, eine eigene Cloud und webbasierte offene Office–Tools bereitzustellen", wie sich das der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber jüngst für Nordrhein-Westfalen vorstellte. Die Weichen sind vielmehr vielerorts in Richtung Microsoft gestellt mit Office 365 und der Konferenz- und Kollaborationslösung Teams, obwohl die Datenschutzbedenken groß sind.

Artikelserie "Schule digital"
Ein Beitrag von Stefan Krempl

Stefan Krempl schreibt seit fast 20 Jahren als freier Autor in Berlin über politische, rechtliche und kulturelle Themen rund um Internet. Schwerpunkte seiner Berichterstattung bei heise online sind die Bereiche Netzpolitik, Überwachung, Datenschutz, Urheberrecht und Regulierung.

In der Landeshauptstadt des Freistaats etwa hat der Betrieb LHM Services, der 2019 als Tochterfirma der Stadtwerke die Verantwortung fast aller IT-Services an Münchner Bildungseinrichtungen übernahm und deren Digitalisierung vorantreiben soll, in den Lockdown-Monaten "ein erweitertes Service- und Unterstützungsangebot zur Verfügung gestellt, um die Arbeitsfähigkeit trotz der Einschränkung des Unterrichtsbetriebs zu gewährleisten".

Innerhalb von zwei Wochen sei dafür unter anderem die Lernplattform "Microsoft Teams Education" technisch aufgebaut worden, heißt es in einem Bericht der Stadtverwaltung vom Mai für den Bildungsausschuss des Stadtrates. Das Instrument ermöglicht den Schulen laut dem Bildungsreferat insbesondere die Organisation virtueller Klassenräume, den Dokumentenaustausch und die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schülern.

Die Nachfrage der Bildungseinrichtungen sei "sehr hoch". Mit Stand vom 24. April hätten schon insgesamt 110 Münchner Schulen das Angebot in Anspruch genommen. Die Bildungsverwaltung an der Isar gilt seit Langem als Microsoft-Hort, der schon den mittlerweile wieder abgewickelten Umstieg auf den Open-Source-Client LiMux größtenteils nicht mitmachte.

Nicht alle Eltern sind glücklich über den Kurs. "Voller Name, Alter, Klasse und scheinbar auch die Noten der Kinder gehen dabei an Microsoft", sorgt sich ein Vater in einer Mail an heise online über mangelnde Privatsphäre des Nachwuchses. Dennoch solle das Ganze angeblich konform mit der der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sein.

Natürlich müssten die Eltern dem zustimmen. Falls dies auch nur für ein Kind pro Klasse nicht erfolge, könne diese insgesamt nicht am vorgesehenen E-Learning teilnehmen, ist aus der Landeshauptstadt zu hören. Entsprechend groß sei der hinter den Kulissen aufgebaute soziale Druck auf die Eltern. Dies trage teils absurde Züge, da bisher in einigen Klassen für Videokonferenzen die Alternative Jitsi dank privater Hinweise mancher Elternvertreter recht erfolgreich eingesetzt worden sei, bei der es sich um freie Software handelt.

[Update, 25.08.2020, 11:30 Uhr:] Ein Systembetreuer erläuterte mittlerweile gegenüber heise online, dass zumindest an seiner Schule nur einzelne Buchstaben des Vor- und Nachnamen als Login-Name erstellt würden und man Klassen auch mit Pseudonymen benennen könne. Von einer Notenverwaltung über Microsoft-Produkte werde von staatlicher Seite dringend abgeraten. Schülern werde zudem empfohlen, keine personenbezogenen Dokumente wie Lebensläufe etwa in Teams zu erstellen. [/update]

In der abverlangten Einverständniserklärung für Microsoft Teams, die heise online vorliegt, wird die Software vor allem als Hilfsmittel dargestellt, um den "durch die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Schulschließungen bedingten Unterrichtsausfall abzufangen und die Arbeits- und Unterrichtsabläufe zu unterstützen". Sensible Informationen wie Gesundheitsdaten, ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen sowie genetischen und biometrischen Daten "dürfen dort nicht verarbeitet werden".

Im Übrigen solle dem "Gebot der Datenminimierung" Rechnung getragen werden. Es handle sich "lediglich um eine temporäre Lösung, da eine Freigabe der Datenschutzbehörden für den Regelbetrieb nicht vorliegt und auch nicht in Aussicht steht", wird den Eltern mit auf den Weg gegeben. Das bayerische Kultusministerium habe sein Plazet dazu gegeben. Dazu kommt das Versprechen, dass das Produkt "nach der Krisensituation wieder abgeschaltet" werde. Alle erhobenen Daten und Nutzerkonten müssten dann gelöscht werden. Der Betrieb solle sich zudem "an den Leitlinien des Landesdatenschutzbeauftragten in Zeiten der Corona-Krise orientieren".

Ein Sprecher der Datenschutz-Aufsichtsbehörde erklärte gegenüber heise online, dass das Bildungsressort das Amt über das Vorhaben, Microsoft Teams für Schulen des Freistaates bereitzustellen, "kurzfristig informiert" habe. Man habe den Einsatz nicht formell genehmigt, da dies "in den daten- schutzrechtlichen Vorschriften auch nicht vorgesehen" sei. Es sei nicht bekannt, "dass eine Datenschutzfolgenabschätzung erfolgt ist". Andererseits habe aber auch keine städtische Schule aus München der Kontrollinstanz mitgeteilt, "dass dort in einzelnen Klassen Jitsi eingesetzt wird".

Zur Teams-Software gebe es "weiterhin offene Fragen, "etwa im Hinblick auf die sogenannten Online Service Terms von Microsoft" (OST), heißt es beim Datenschutzbeauftragten Thomas Petri weiter. Auch deswegen habe man gegenüber dem Schulressort "unter anderem die Wichtigkeit klar begrenzter Vertragslaufzeiten" für derartige Kommunikationssysteme betont.

Der Sprecher unterstreicht: "Weiterhin haben wir akzentuiert, dass Schulen bei Einholung von Einwilligungen die Betroffenen über die geplanten Datenverarbeitungen informieren müssen, alternative Zugänge zum Bildungsangebot bestehen müssen und auf diese hinzuweisen ist." Sonst sei die Freiwilligkeit von Einwilligungen nicht gegeben. Bei verbleibenden Zweifeln könnten die Betroffenen mit der jeweiligen Schule Kontakt aufnehmen oder sich in begründeten Fällen an den Landesdatenschutzbeauftragten wenden.