Schule digital: "Lehrkräfte mussten die Versäumnisse der Politik ausgleichen"

Dr. Ilka Hoffmann von der GEW erzählt, wie Lehrkräfte das Pandemie-Schuljahr 2020/2021 erleben. Rückstände gibt es noch, weitere Vorausplanung wird gewünscht.

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(Bild: Kate Kultsevych/Shutterstock.com)

Von
  • Kristina Beer
Inhaltsverzeichnis

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vertritt rund 280.000 Menschen, die in pädagogischen und wissenschaftlichen Berufen arbeiten. Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie werden diese besonders gefordert, da sie in Berufen tätig sind, die unsere Bildungslandschaft am Leben halten und die auch genau dafür viel mit anderen Menschen interagieren und sich um diese kümmern. Dr. Ilka Hoffmann von der GEW ist Leiterin des Vorstandsbereichs Schule im Hauptvorstand der Gewerkschaft. Sie kann besonders von den Gegebenheiten in Schulen berichten und die Sicht von Lehrerinnen und Lehrern vertreten.

Frau Dr. Hoffmann, wir haben zuletzt vor einem Jahr darüber gesprochen, ob in Schulen digital unterstützter Fernunterricht möglich wäre, falls aufgrund der Coronavirus-Pandemie Schulen schließen müssten – was dann ja tatsächlich auch geschehen ist und immer noch für viele Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte Realität ist.

Die GEW hat vor einem Jahr auf viele Hindernisse für einen gelingenden Fernunterricht hingewiesen, unter anderem, dass es zum damaligen Zeitpunkt kein Konzept für digital unterstützten Unterricht gab. Was hat sich in den letzten 12 Monaten verändert?

Dr. Ilka Hoffmann: Es ist so, dass man jetzt genau gesehen hat, wo die Probleme liegen. Es gibt Schulen, die tatsächlich kein medienpädagogisches Konzept hatten. Es gab Kommunen, die nicht dafür gesorgt haben, dass Schulen gut ausgestattet sind. Und man hat auch gesehen, dass es auch mangelnde Kompetenzen bei den Lehrkräften gab.

Dr. Ilka Hoffmann ist Leiterin des Vorstandsbereichs Schule im Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Geändert hat sich, dass sich Kolleginnen und Kollegen in relativ kurzer Zeit viele Kompetenzen angeeignet haben. Wenn man heute mit Lehrkräften aus verschiedenen Schulformen spricht, dann haben diese jetzt ein Vokabular drauf, welches ihnen vor einem Jahr noch nicht so leicht über die Lippen gekommen wäre. Und die Kolleginnen und Kollegen können auch abwägen, welche Tools nützlich sind oder wie man vorgehen kann.

Sie haben im Turbo-Tempo Kompetenzen und Konzepte entwickelt.

Wie sah denn die Unterstützung durch Bund, Länder und Kommunen aus? Konnten zum Beispiel mehr Mittel aus dem Digitalpakt abgerufen werden?

Dr. Hoffmann: Ja, der Abruf hat zugenommen, aber es gibt immer noch keinen Grund zum Jubeln. Die Abrufung der Mittel aus dem Digitalpakt geht insgesamt noch langsam. Gründe dafür sind vor allem in den bürokratischen Hürden zu suchen. Das Zusammenspiel von Bund, Ländern, Kommunen und Schulen – also diesen vier Ebenen – hat nicht überall gut geklappt.

In einigen Gebieten, zum Beispiel im östlichen Mecklenburg-Vorpommern oder Teilen von Brandenburg, also in ärmeren Gebieten im ländlichen Raum, fehlt der Breitbandausbau. Dort gibt es keine gute Internetversorgung und dann nützt dort auch eine Lernplattform nichts. Beim Netzausbau hinken wir in Deutschland hinterher.

Da, wo das Internet funktioniert, gab es aber zum Teil auch das Problem, dass die Lernplattformen dem Ansturm nicht standhalten konnten, wenn sich viele Schülerinnen und Schüler angemeldet haben.

Haben Sie als GEW den Eindruck, dass in diesem Bereich auf Länder- und auf Bundesebene schnell nachgearbeitet wird?

Dr. Hoffmann: Ja, alle versuchen da tatsächlich nachzuarbeiten, aber so schnell geht das nicht, weil wir viel aufzuholen haben.

Blickt man zum Beispiel zehn Jahre zurück, sind Deutschland und Dänemark ungefähr auf dem gleichen Stand was digitale Bildungsinfrastruktur anbelangt. Sie sind also ungefähr gleich gestartet, aber nun ist Dänemark sehr viel weiter als wir.

Es ist natürlich auch ein kleineres Land, aber bei uns hängt vieles daran, dass man die Verantwortung hin und her schiebt. Beispielsweise sagt der Bund: Bildungspolitik ist Ländersache. Die Länder sagen dann aber: Für die Ausstattung der Schulen sind wir nicht zuständig, das sind die Kommunen. Und die Kommunen sagen: Solange wir von den Schulen kein Konzept vorliegen haben, können wir nichts beantragen. Und so schiebt einer den Schwarzen Peter den anderen zu und das ergibt ungeheuerliche zeitliche Verluste.

Besser wäre, wenn man sich an einen Tisch setzen würde, um zu fragen: Wie können wir diese Prozesse verschlanken und Schulen auch kurzfristig unterstützen? Das ist nicht passiert. Und deshalb haben wir so einen großen Nachholbedarf.

Sie sagen also unter anderem, dass es ein Nadelöhr ist, dass die Schulen ihre Konzepte selber schreiben müssen, damit Kommunen überhaupt Mittel beantragen können. Fordert die GEW denn Beispielkonzepte von Bund und Ländern, die Schulen adaptieren könnten, damit Schulen nicht auf einzelne engagierte Lehrkräfte hoffen oder warten müssen, die ein Konzept verfassen können?

Dr. Hoffmann: Wir haben ein Bundesforum "Bildung in der Digitalen Welt" aufgelegt – da untersuchen wir die Prozesse, die für die Ausstattung der Schulen ablaufen. Es hat sich teilweise gezeigt, dass Lehrkräfte kaum informiert waren, wie der Digitalpakt umgesetzt werden soll.

Zudem läuft momentan eine Studie, mit der wir herausfinden wollen, wie der Mittelabruf funktioniert – wie überhaupt die Steuerung des Digitalpakts über die verschiedenen Stufen funktioniert bis Gelder in der Schule angekommen. Wo sind die Reibungsverluste? Das wollen wir uns genauer angucken und die Politik auf Fehler aufmerksam machen.

Und in unserem Bundesforum tauschen sich Kolleginnen und Kollegen aus, worauf man bei Beantragungen achten muss. Was sind die wichtigsten Punkte?

Wir stehen da noch am Anfang, da das ganze Feld sehr undurchsichtig ist. Längerfristig wollen wir hier aber auch einen pädagogischen Austausch etablieren, um zu erörtern, welche Tools überhaupt sinnvoll in den Schulen eingesetzt werden können. Also – was ist vielleicht einfach nur eine Idee der Digitalindustrie, nützt uns im Schulalltag aber nichts? Nicht alles was digital ist, ist modern und gut.

Sie hatten auch schon vor einem Jahr darüber gesprochen, dass es an Methodik und entsprechenden Weiterbildungen für Lehrkräfte mangelt. Sehen Sie in diesem Bereich Fortschritte? Und weiß man jetzt genauer, welche Hard- und Software sinnvoll in Schulen eingesetzt werden kann und wie Lehrkräfte damit gewinnbringend umgehen können?

Dr. Hoffmann: Die Schulen haben da Fortschritte gemacht. Die Kolleginnen und Kollegen haben Konzepte entwickelt. Die Politik lässt sich allerdings von der Digitalindustrie treiben – wie z.B. mit Learning Analytics. Es werden fertige Tools angeboten und aus Sicht einiger Politikerinnen und Politiker können diese 1 zu 1 in die Schulen gespült werden und dann braucht man sich nicht mehr um die Professionsentwicklung von Lehrkräften zu kümmern. Das übernähme dann die Digitalisierung. Der Weg in der Realität ist aber sehr viel länger.

Schulen arbeiten sehr unterschiedlich. Es muss geschaut werden: Was braucht die jeweilige Schule? Dafür gibt es kein Einheitsrezept. Um den unterschiedlichen Entwicklungen gerecht zu werden, braucht es viel mehr Möglichkeiten schulinterner Fortbildungen.

Wie sollte besser vorgegangen werden?

Dr. Hoffmann: Also: Es gibt zum einen übergestülpte Rezepte aus der Digitalindustrie – die übernehmen auch einige, weil sie sonst nichts haben. Und zum anderen gibt es die Selbstfortbildung oder gegenseitige Fortbildung der Lehrkräfte, die ich als erfolgsversprechender einstufe. Das heißt: Die Lehrkräfte haben sich selber schlau gemacht, miteinander oder alleine. Und da bräuchte es durch die Landesinstitute mehr Unterstützung.

Allerdings hat man sich in dieser Hinsicht nun auch auf den Weg gemacht. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat beschlossen, Kompetenzzentren zur Bildung in der digitalen Welt zu gründen. Diese sollen auch eine engere Zusammenarbeit mit den Universitäten ermöglichen.

Das verlagert viel Weiterbildungs- und Konzept-Arbeit an die Lehrkräfte. Ist denn die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte gestiegen?

Dr. Hoffmann: Die ist tatsächlich – natürlich auch wegen der Digitalisierung – gestiegen. Vor allem aber dadurch, dass man in der Pandemie dreigleisig fahren musste. Es gab durchgängig eine Notbetreuung, und es gab sowohl Kinder im Präsenzunterricht als auch zum Teil im Fernunterricht Diese drei Säulen mussten gleichzeitig bedient werden und dann unter den Bedingungen eines erheblichen Lehrkräftemangels.

Auch hier erheben wir wieder Daten für zwei Studien. Die eine beschäftigt sich mit der Zunahme der Arbeitszeit unter den Digitalisierungsprozessen. Die andere unterstützen wir mit unseren Mitgliedern. Sie wird am "Institut für Lehrergesundheit" in Mainz durchgeführt und beschäftigt sich mit der generellen Belastung in der Pandemie. Sie betrifft den Arbeits- und Gesundheitsschutz und fragt wie stark die Kolleginnen und Kollegen psychisch belastet wurden. Die Studien sollen im Sommer fertig sein.

Subjektiv haben wir zurückgemeldet bekommen, dass viele Lehrkräfte mit Ängsten und Verunsicherungen zu kämpfen hatten. Sie mussten mit zum Teil chaotischen Vorgaben, viel Verantwortung, wenig Rückendeckung und dem Fehlen einer digitalen Infrastruktur zurechtkommen. Lehrkräfte mussten hier die Versäumnisse der Politik ausgleichen.

Gab es häufiger Nachfragen zum Datenschutz von Lernplattformen und anderen digitalen Mitteln? Wie haben sich Lehrkräfte damit gefühlt, wenn sie Plattformen nutzen sollten, über die sie nicht viel wussten?

Dr. Hoffmann: Es gab zwei aufeinander folgende Reaktionen. Die erste war sehr vorsichtig: "Oh, da stehen die Server in den USA – das ist doch für unsere Daten unsicher? Lasst uns das nicht machen." Dann ging es aber darum, die Kinder, Jugendlichen und Eltern irgendwie zu erreichen. Und dann hat man mehr nach der Funktionalität geguckt. Also: Was funktioniert gut? Was stürzt nicht ständig ab und wo habe ich den besten technischen Support? Und da hat man den Datenschutz dann auch teilweise vergessen. Die Behörden haben das auch so laufen lassen, weil der Unterricht erst einmal irgendwie stattfinden sollte. Das Thema hat man dann weiter unter den Teppich gekehrt.

Es gab aber Vorkommnisse, die wieder mehr sensibilisiert haben, dass man nicht einfach schnell zu einer Lösung greift, sondern sich mehr mit der Ausgestaltung und Funktionalität der Lösungen beschäftigen muss. Ich meine hier beispielsweise den HPI-Hack oder auch die gesprengten Zoom-Calls, in denen dann plötzlich von den Eindringlingen Pornos gezeigt wurden. Auch reagierten Eltern und Datenschützer sensibilisiert und wollten etwa Lehrer verklagen, die den Datenschutz nicht ausreichend beachteten.

Das hat sehr große Wellen in der Lehrerschaft geschlagen. Für die war es so: Erst lässt man sie allein damit, unterstützt sie nicht, und wenn sie dann schauen, wie sie irgendwie klarkommen, wird ihnen noch ein Strafverfahren angedroht. Wo liegt denn die Verantwortung? Wo ist die Behörde?

Was haben die genaueren Nachfragen ergeben? Was beschäftigt Lehrkräfte und die GEW nun?

Das Thema Datenschutz bleibt sehr zwiespältig. Aus unserer Sicht ist man bei den tutoriellen Programmen, wie Learning Analytics, von Seiten der Politik aus sehr sorglos. Denn in solchen Programmen werden auch Metadaten wie zum Beispiel die Aufmerksamkeitsspanne oder die Bearbeitungszeit erfasst. Dabei ist noch gar nicht geklärt: Was passiert mit solchen Daten? Wer hat da Zugriff? Und wie schädlich sind solche Datenerhebungen über einen längeren Zeitraum für die Kinder? Metadaten, Datensouveränität und Persönlichkeitsrechte sind auch international ein sehr großes Thema.

Wir sagen ganz klar: Das muss sicher geklärt sein. Und ansonsten sind wir nicht dafür, dass solche Metadaten erhoben werden. Es muss ein Recht von Kindern geben, auch im Unterricht – auch im geistigen Sinne – mal offline sein zu können. Sie dürfen auch einmal nicht aufmerksam sein, denn sie können nicht sechs Stunden durchgehend aufmerksam sein – weder im Präsenzunterricht noch über eine Lernplattform.

Wir möchten, dass die Technik dem Menschen dient und nicht umgekehrt. Wir sehen aber einen Drang zur Optimierung und Effizienzsteigerung, der das einzelne Kind vergisst. Hier müssen wir – bei aller Begeisterung für Digitales – vorbeugen.

Dann würden Sie sich vermutlich auch dafür aussprechen, dass Bund und Länder eigene technische Lösungen entwickeln, damit die Datenhohheit besser gewahrt bleibt?

Dr. Hoffmann: Genau. Wir wollen öffentlich und demokratisch verantwortete Plattformen haben, auch wenn das ein hohes Ziel ist. Das Knowhow muss auch in Deutschland generiert werden – und jedes Tool, jede Maßnahme ist auf Kinderrechte, Persönlichkeitsrechte und den Datenschutz zu hinterfragen.

Mir ist es wichtig eine digitale Grundrechtecharta für den Schulbereich zu entwickeln. Es sollte auch ein Recht auf Offline-Sein von Kindern und Lehrkräften geben. Damit nicht die Digitalisierung diktiert wie wir lernen und lehren, sondern dass wir uns die Digitalisierung zunutze machen.

Als Lehrergewerkschaft sehen wir, dass das Pendel im politischen Diskurs momentan hin- und herwackelt, aber wissen noch nicht, in welche Richtung es letztendlich ausschlagen wird. Deshalb ist es wichtig, dass sich auch Lehrkräfte kritisch und kompetent in die Diskussion einbringen und sich nicht treiben lassen, wenn Behörden etwas durchboxen wollen. Denn mein Eindruck ist, dass die KMK sich eher von Stiftungen und der Digitalindustrie treiben lässt und nicht auf uns hört. Das halte ich auch für ein Demokratiedefizit.

Sie hatten vor einem Jahr schon angedeutet, dass Schulschließungen und Fernunterricht besonders die Kinder hart treffen könnten, die keine entsprechende Hardware besitzen, keinen Internetzugang haben oder die auch keine adäquaten Lernmöglichkeiten in ihren Familien vorfinden. Wie sehen hier ihre Rückmeldungen von Lehrkräften aus? Konnten Kinder im digital gestützten Distanzlernen gut erreicht werden? Haben sich ihre Befürchtungen bestätigt?

Dr. Hoffmann: Leider ja. Die Probleme, die wir vor einem Jahr angesprochen haben, haben sich noch verschärft. Es gab zwar einen Digitalpakt Plus, ausgestattet mit 500 Millionen Euro, um Endgeräte an bedürftige Familien und Kinder auszugeben, aber es ist immer noch so, dass ein Endgerät an sich noch keine Hilfe ist. Ein Endgerät muss ja zunächst eingerichtet werden. Da müssen die Apps und Tools drauf sein, die für die Teilhabe am Unterricht auch benötigt werden. Sie brauchen also eine Administration für die Hard- und Software.

Die Sachen einfach rauszugeben und zu hoffen, dass die richtigen Programme installiert und die Geräte wie gewünscht genutzt werden, ist das eine. Hinzu kommt aber noch die Frage, ob überhaupt ein Zugang zum Internet da ist – zum Beispiel auch im Notfall über entsprechende Mobilfunkverträge.

Dr. Hoffmann: Ja, genau. Und die Endgeräte sind ohnehin auch nicht flächendeckend bei den bedürftigen Kindern angekommen.

Ganz am Anfang der Pandemie war es zum Beispiel so, dass Hartz4-Empfänger für ihre Kinder Laptops beantragt haben und daraufhin die Antwort bekamen: "Sie haben ja jetzt mit einem Smartphone die Anfrage gestellt. Dann heißt das, dass Sie ein Smartphone in der Familie haben." Und dadurch haben dann zum Teil vier Kinder mit den Eltern versucht, über ein Smartphone den Fernunterricht aufrecht zu erhalten. Das sind schon massive Benachteiligungen.

An der wohnlichen Situation der Kinder konnte auch nichts geändert werden. Das heißt: Wenn Kinder keinen Arbeitsplatz und keine Ruhe hatten, dann hatten sie das oft in der ganzen Zeit der Pandemie nicht. Auch deshalb wurde dann gesagt: Na gut, dann müssen wir jetzt den Präsenzunterricht auf Teufel komm raus aufrecht erhalten – wegen des Bildungsrechts. Waren die Inzidenzwerte zu hoch, hat man einfach die Präsenzpflicht ausgesetzt.

Die Idee war, dass dadurch Kinder in die Schule kommen, die zuhause keine guten Lernchancen haben und dass die, die einen guten Distanzunterricht schaffen können, nicht in der Schule erscheinen. Gelaufen ist es aber andersherum. Kinder aus benachteiligten Familien kamen nicht. Es kamen Kinder aus Familien der Mittelschicht mit zwei berufstätigen Eltern, die auch eigene Zimmer haben und unterstützt werden können. In Familien mit Kindern, die massive Lernprobleme haben, wurde auf den Schulbesuch dagegen verzichtet. Diese Kinder sind verlorengegangen.

Das Festhalten an der Präsenzpflicht hat also gar nichts zur Bildungsgerechtigkeit beigetragen. Dafür hätte man einen geregelten Wechselunterricht benötigt, mit einem verpflichtenden Kommen aller Kinder an bestimmten Tagen in der Woche. Damit man die Kinder sieht, sie kommen müssen und man auch eine Handhabe hat, dass sie wirklich kommen – und um dann auch mit ihnen zu erarbeiten, was sie zuhause schaffen können.

So hätte man dann auch feststellen und sagen können: "Du kommst in die Notbetreuung" – weil es zuhause nicht klappt. So hätte man das besser steuern können.

Das, was da die Behörden gemacht haben, war der Blick der Mittelschicht auf die Schule – die Vorstellung: Den Eltern ist bewusst, dass die Kinder am Küchentisch sitzen, der Fernseher 24 Stunden läuft, keine Hausaufgaben gemacht werden und das nicht gut sein kann. Der Glaube war da, dass diese Eltern so vernünftig wären und die Kinder in die Schule schicken würden.

Das mag in Einzelfällen mal so gewesen sein. Im Großen und Ganzen haben diese Maßnahmen der Kultusministerien das stärkere Auseinanderklaffen der Bildungsschere aber nicht aufgehalten.

Dann kommen wir noch einmal zu einer anderen Sache. Sie haben im vergangen Jahr gesagt, dass das Distanzlernen mehr selbstständiges Lernen erfordert. Dass dieses selbstständige Lernen und auch offenere Lernformen geübt werden müssen. Wurde das mit den Schülern, die man digital erreicht hat, denn wenigstens umgesetzt?

Dr. Hoffmann: Es ist tatsächlich so, dass die Schulen, die vor allem darauf setzen, dass der Lehrer das Lernen steuert, es viel schwerer hatten, den Distanzunterricht erfolgreich zu gestalten. Integrativ arbeitende Schulen konnten hier von mehr Erfolgen berichten, da Kinder es dort ohnehin gewohnt sind, mit Arbeitsplänen zu arbeiten. Für diese Schülerschaften war die Umstellung kleiner.

Es gibt aber natürlich Kinder und Jugendliche, die mehr Anleitung brauchen. Die zum einen zuhause wenig Unterstützung haben, aber auch zum anderen sehr auf das Feedback der Lehrperson, sehr auf Beziehungsarbeit angewiesen sind. Diese Kinder lernen sozusagen "für die Lehrkraft". Um dem zu begegnen, haben sich Lehrkräfte zum Beispiel überlegt, mit Kindern halbstündige Video-Tutorials durchzuführen oder auch anzurufen. Das war zeitlich und nervlich eine ungeheure Herausforderung, aber auch für jüngere Kinder war das teils essentiell. Manche Lehrkräfte haben auch davon berichtet, dass sie durch diese andere Beziehungsarbeit manche Kinder noch einmal ganz neu kennengelernt haben und nun genauer verstehen oder sehen, wie Kinder wohnen oder leben. Sie konnten dadurch viele andere Dinge besser verstehen.

Also hat sich durch diese Extremsituation das Lehrer-Schüler-Verhältnis verändert? Hat dadurch eher eine Demokratisierung zwischen Lehrkräften und Schülern stattgefunden?

Dr. Hoffmann: Ja, viele Lehrkräfte haben davon berichtet, dass sie noch einmal neu Verständnis dafür entwickelt haben, unter welchen Bedingungen Kinder leben und lernen. Man kann das also nicht nur negativ sehen. Auch wenn jetzt von den Lernlücken gesprochen wird, muss man sehen, dass oft davon ausgegangen wird, dass die Lehrkraft da vorne was erzählt und das geht direkt ins Kinderhirn über – und wenn das nicht stattgefunden hat, dann sind die Kinder dumm geblieben. Aber man muss ja sehen, dass viele Kinder und Jugendliche ganz andere Dinge gelernt haben, die sie sonst nicht gelernt hätten – unter anderem selbstständig zu arbeiten. So Schwarz-Weiß kann man das einfach nicht zeichnen.

Den von ihnen angesprochenen Wechselunterricht gibt es mittlerweile in einigen Bundesländern schon seit Mitte Januar für Grundschüler. Schüler der Sekundarstufen 1 und 2 sind nun aber schon zum Teil seit Monaten nicht mehr in den Schulen gewesen. Ist das für die älteren Schülerinnen und Schüler tatsächlich nicht so schlimm, weil diese auch mit den digitalen Hilfsmitteln und einem digital gestützten Fernunterricht besser zurechtkommen?

Dr. Hoffmann: Man geht davon aus, dass der Schriftsprachenerwerb mit der vierten oder auch fünften Klasse abgeschlossen ist – weshalb für Grundschüler der direktere Kontakt zu Lehrkräften als so wichtig angesehen wird. Das bedeutet aber nicht, dass alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 1 mit der Situation gut umgehen können. Das ist höchst unterschiedlich. Auch hier gab es Schüler, die durch ihre Situation in den Familien verloren gegangen sind. Von einer Corona-Generation kann man aber insgesamt nicht sprechen.

Es gab zum Beispiel auch Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen 1 und 2, die von der Pandemie profitiert haben, weil sie weniger Ablenkungen ausgesetzt waren. Manche Abiturienten haben sogar ein besseres Abitur erreicht, weil diese Jugendlichen zum Teil auch intensiver lernen konnten.

Was sich also eher zeigt ist, dass die Probleme, die vorher schon da waren – nämlich, dass unser Schulsystem die soziale Benachteiligung verstärkt – , dass diese Probleme durch die Pandemie und die Schulkonzepte in dieser Zeit verstärkt wurden.

Deshalb sollte man hier genauer nachdenken: Wie kann benachteiligten Kindern und Jugendlichen besser geholfen werden – vor allem auch in einer zukünftigen Pandemie, von der wir hoffen, dass sie uns lange erspart bleibt.

Man muss grundsätzlich schauen, was benachteiligten Kindern hilft – etwa gute Lernräume, Ganztagsangebote, andere Unterrichtskonzepte. Man muss aber auch vorsorgen und das Schulsystem krisenfest machen.

Genau diesen Punkt möchte ich noch ansprechen. Was ist, wenn die jetzige Pandemie nun doch länger andauert als erhofft. Momentan wird suggeriert, dass uns diese Pandemie im Sommer oder Herbst 2021 kaum noch einschränken könnte. Es ist derzeit davon auszugehen, dass von den Kultusministern ein "normales Präsenz-Schuljahr 2021/2022" geplant wird. Allerdings können Kinder und Jugendliche bisher noch gar nicht geimpft werden und wie sich Mutationen des Coronavirus' auswirken werden, wissen wir auch nicht. Wie sollte von der KMK geplant werden, damit das kommende Schuljahr besser gelingen kann?

Dr. Hoffmann: Ich glaube, dass wir eine Evaluation der Situation benötigen – und zwar von den Kommunen. Um zu sehen, wo die Ausstattung immer noch extrem hinterher hängt. Und dann müsste es mit den Schulen zusammen einen Erfahrungsaustausch geben: Was hat funktioniert und was nicht? Alle Probleme wird man nicht lösen können, aber man muss erfahren, wo es am meisten brennt, um schon einmal dort nachbessern zu können.

Das heißt zum einen: Die Gebäude müssen krisenfest gemacht werden – auch für die nächste Pandemie. Es darf keinen Klassenraum mehr geben, den man nicht lüften kann. Es darf keine Toilettenanlage ohne Seife mehr geben. Und es muss Geld vom Bund in die Kommunen gegeben werden, um diese baulichen Mängel zu beseitigen.

Zum anderen muss geschaut werden: Was braucht es noch an digitaler Ausstattung? Wo muss hier nachgebessert werden?

Und nicht zuletzt muss überprüft werden: Was müssen Lehrkräfte für einen gelingenden Distanz- und Wechselunterricht lernen? In diesem Zusammenhang muss auch geschaut werden, ob die Unterrichtskonzepte, die häufig noch in der Lehrerbildung vermittelt werden – nämlich Frontalunterricht und gleichschrittiges Lernen für Alle – noch passen. Man muss hinterfragen, ob die Dinge, die wir aus den Schulen von vor 100 Jahren übernommen haben, heute noch richtig sind.

Nach unserer Auffassung müsste ein Augenmerk auf selbstständiges Lernen und auf Selbststeuerung im Lernprozess gerichtet werden. Auch muss über die Beziehungsarbeit in der Schule neu nachgedacht werden – wie man Kindern und Jugendlichen auch in schwierigen Verhältnissen mehr gerecht wird.

Außerdem sollen Kinder einen kritisch-konstruktiven Umgang mit Technik und der Digitalisierung lernen. Sie sollen die Prozesse verstehen, die sie tagtäglich umgeben.

Eine offene Diskussion über die Schule der Zukunft würde ich mir sehr wünschen.

Artikelserie "Schule digital II"

(kbe)