Schule digital: Schule nach der Digitalisierung – eine Zeitreise ins Jahr 2040

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge und beschäftigt sich mit der Zukunft der Bildung. Wie Schulen im Jahr 2040 aussehen könnten, zeigt er hier.

Lesezeit: 20 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 41 Beiträge
Schule nach der Digitalisierung – eine Zeitreise ins Jahr 2040

(Bild: Tatiana Shepeleva/Shutterstock.com)

Von
  • Jöran Muuß-Merholz
Inhaltsverzeichnis

Die Digitalisierung der Bildung wird seit Jahren angemahnt, durch die Coronavirus-Pandemie hat diese Forderung aber eine ganz neue Dringlichkeit erhalten. Damit Kinder nicht davon abhängig sind, wie fit ihre Eltern, Schulträger und Lehrer:innen sind, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine möglichst große Teilhabe schaffen.

Wie sollte die Digitalisierung in unseren Bildungseinrichtungen also umgesetzt werden? Wie ist es bisher gelaufen? Welche Tools und Ausstattungen haben sich schon bewährt, welche dürften und sollten kommen? Und wie könnte die Schule – nach einem großen Digitalisierungsschub – in einigen Jahrzehnten aussehen? Unsere Artikelserie "Schule digital" möchte diese Fragen weiter beleuchten.

Das Zusammenkommen von Schule und Digitalisierung wird 2020 breit diskutiert. Dabei spürt man an vielen Stellen die große Sehnsucht nach dem klaren, eindeutigen, widerspruchsfreien Bild, wie denn "die digitale Schule" aussehen werde und wie ein entsprechender Masterplan den Weg dorthin beschreiben könne. Wenn wir uns die heutige, prä-digitale Schule anschauen, dann gibt es ja auch nicht das eine, einheitliche Bild. Es gibt Schulen, in denen viel Wert auf Beziehungen gelegt wird – in anderen Schulen werden Fächer unterrichtet, nicht Menschen. An einigen Schulen legt man Wert auf modernes Wissen – andernorts steht ein klassischer Kanon im Vordergrund. Schulen geben sich selbst unterschiedliche Profile – zum Beispiel besonders naturwissenschaftlich oder fremdsprachlich, dezidiert christlich oder anthroposophisch begründet.

Artikelserie "Schule digital"
Jöran Muuß-Merholz

Foto: Hannah Birr, Agentur Jöran und Konsorten

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge und betreibt mit einem kleinen Team die Agentur "J&K – Jöran und Konsorten". Die Agentur arbeitet an den Schnittstellen zwischen Bildung & Lernen und Medien & Kommunikation. Neben beratenden und konzeptionellen Arbeiten der Agentur schreibt Jöran Muuß-Merholz für Fach- und Massenmedien, print und online. Jöran Muuß-Merholz hält Vorträge und gibt Workshops v.a. im deutschsprachigen Raum, aber zum Beispiel auch in Boston und Brno, Cape Town und London, Stockholm und Tokio. Weitere Texte, Termine und Projekte von Jöran Muuß-Merholz finden sich unter www.joeran.de.

Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass der Trend zur Profilbildung von Schulen eher zu- als abnimmt. Um sie deutlicher sichtbar zu machen, unternehmen wir eine Zeitreise in die Zukunft und schauen uns Schulen im Jahr 2040 an – 20 Jahre nachdem der Digitalisierungsschub in der Coronakrise seinen Anfang nahm.

Wer als zeitreisender Schulforscher im Jahr 2040 ankommt, sieht ganz unterschiedliche Schwerpunkte sowohl bei den Inhalten als auch bei den Formen der Schulen. Beginnen wir mit einem kleinen Rundgang entlang von drei Schulen einer Stadt.

Als erstes besuchen wir die Greta-Thunberg-Reformschule am Stadtrand. Bei ihrer Gründung 2021 verschrieb sich die Schule in ihrer Ausrichtung den Sustainable Development Goals (SDGs), also den Zielen für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen 2015 verabschiedet hatten. Sowohl der globale Blick als auch die Auseinandersetzung mit Menschheitsaufgaben wie dem Klimawandel prägten die Ausrichtung der Schule.

Die Schule ist hochgradig vernetzt, auf sozialer wie auf technischer Ebene. Die Schüler:innen kooperieren regelmäßig in internationalen Projekten, bei denen Gruppen von Partnerschulen auf allen Kontinenten zusammen an sogenannten „echten, großen Aufgaben“ (“real and big challenges”) arbeiten. Dafür definieren sie zu Beginn gemeinsam die Aufgabe und sammeln Fragen, auf die im Projekt Antworten gefunden werden sollen. In der Projektarbeit wird zum einen intensiv vor Ort gearbeitet, wenn beispielsweise Podcasts oder kleine Dokumentarfilme geplant und produziert werden. Gleichzeitig findet die Zusammenarbeit international statt, natürlich digital vernetzt. Auf diese Weise wurde von der Greta-Thunberg-Reformschule zum Beispiel zusammen mit je einer Schule aus Bolivien, Kanada, Nigeria und Indonesien eine gemeinsame Website erstellt, auf der Energieerzeugung und -nutzung in den verschiedenen Ländern dargestellt und verglichen wurden. In solchen Projekten werden nicht nur übergreifende Kompetenzen wie (Online-) Kommunikation und Kollaboration, Medienproduktion und Projektplanung entwickelt, sondern auch verschiedene fachliche Inhalte, in diesem Projekt zum Beispiel in Physik, Mathematik, Wirtschaft und Fremdsprachen.

Die Schule ist Teil eines weltweiten Netzes von Messstationen, an das öffentliche Orte wie Schulen, Bibliotheken oder die neu entstandenen Community-Treffpunkte (ehemals Volkshochschulen) angeschlossen sind. Hier werden Daten wie Niederschlag, Wind, Wasserqualität, Luftqualität und Feinstaubbelastung gemessen und in einem globalen Datenpool gesammelt. Es gibt an der Schule einen starken naturwissenschaftlichen Schwerpunkt, bei dem regelmäßig Experimente durchgeführt und die sowohl vor Ort als auch global gesammelten Daten ausgewertet und besprochen werden. Auch hier spielt der internationale Austausch eine große Rolle, wenn zum Beispiel Lerngruppen aus drei Ländern die Aufgabe bekommen, bestimmte Messdaten zu vergleichen und Erklärungen für die gefundenen Unterschiede zu formulieren. Natürlich gibt es auch ein virtuelles Labor mit Datenbrillen und Sensorhandschuhen, in dem Experimente und Umgebungen erforscht werden, die vor Ort nicht zur Verfügung stehen, die zu aufwändig oder zu gefährlich wären.

Als 2039 im Rahmen der internationalen Marsexpedition Menschen Experimente auf dem Mars durchführten, konnte die Schule viele davon bei sich nachbauen und die Ergebnisse sowohl mit denen vom Mars als auch von anderen Schulen aus aller Welt vergleichen.

Das Wort "Inklusion" ist an der Greta-Thunberg-Reformschule ein Fremdwort. Denn hier ist es selbstverständlich, dass alle Menschen individuell gesehen und nicht in Schubladen sortiert werden können. Auch dank des verstärkten Einsatzes digitaler Technologien gibt es ganz unterschiedliche Zugänge zu Materialien und zur Kommunikation miteinander. Und selbstverständlich kann jede:r in die verschiedenen Projekten eigene Stärken einbringen.

Die Schule ist eng mit dem Stadtteil vernetzt. Es gibt ein lokales Online-Netzwerk, das auf Liquid-Democracy-Verfahren aufsetzt und die Bürgerbeteiligung auf ein neues Niveau gehoben hat. Regelmäßig können Bürger:innen Projekte im Stadtteil vorschlagen, über deren Beteiligung der Schule dann abgestimmt wird – Schüler:innen und Lehrende haben je eine Stimme. Dank einer digitalen Partizipationsplattform ist es viel einfacher, dass alle Interessierten in der Schulgemeinschaft Vorschläge einbringen, diskutieren, abstimmen oder ihre Stimme delegieren können. Auf diese Weise hat sich die Schule und das Selbstverständnis der Menschen stark gewandelt. Sie "besuchen" die Schule nicht nur, sondern sehen sich als verantwortlicher Teil einer Gemeinschaft.