"Schwarze Löcher sind tabu"

Der Künstler Julius von Bismarck war zwei Monate am Kernforschungs- zentrum CERN. Er entdeckte eine Märchenwelt.

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Von
  • Robert Thielicke
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Der Künstler Julius von Bismarck war zwei Monate am Kernforschungs- zentrum CERN. Er entdeckte eine Märchenwelt.

Das Atelier von Julius von Bismarck in einer alten Berliner Malzfabrik: Werkzeuge liegen herum, Holzlatten stapeln sich. Ein Lötkolben liegt auf dem Tisch. Der Arbeitsort des 28-jährigen Künstlers ist ein Spielplatz für Technikfreaks, und so entstehen auch viele seiner Werke. Sein bis heute bekanntestes ist der Image Fulgurator, ein kameraförmiger Projektor mit einer verwirrenden Eigenschaft: Er schaltet sich automatisch ein, sobald Blitzlichter von Fotoapparaten in der Nähe aufleuchten. Dann projiziert das Gerät für Bruchteile von Sekunden ein Muster auf das Motiv, das die Fotografen anvisiert haben. So kam der Bundesadler auf die Uniform eines Polizisten.

In den Gebrauchsanweisungen für Bismarcks Kunstwerke könnte demnach stehen: Vorsicht, wahrnehmungsverändernd! Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er Ende 2011 zum ersten Gewinner des Prix Ars Electronica Collide@CERN Award gekürt wurde. Zwei Monate konnte er sich, wie künftig jeder der preisgekrönten Künstler, mit Unterstützung des Kunstfestivals Ars Electronica am Genfer Kernforschungszentrum CERN aufhalten – einem Ort, der selbst einer gewaltigen Täuschung aufgesessen war. Vergangenen September hatten die Forscher verkündet, dass Neutrinos schneller als Licht fliegen könnten. Einsteins Relativitätstheorie wäre ungültig gewesen – hätten die Forscher nicht bald darauf einen Messfehler eingestehen müssen.

Als das CERN Anfang Juli eine tatsächlich große Entdeckung der Öffentlichkeit mitteilte, rückte die Blamage in den Hintergrund. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatten die Wissenschaftler das ersehnte Higgs-Boson entdeckt. Das Teilchen verleiht Materie ihre Masse und war der letzte Baustein, der im physikalischen Standardmodell noch fehlte – jenem Modell, das die von Menschen wahrnehmbare Materie beschreibt.

Das Wechselspiel von Blamage und Erfolg zeigt, in welchen Grenzbereichen sich Teilchenphysiker bewegen. "Je länger man sich am CERN aufhält, desto mehr verliert der Begriff ,real' an Bedeutung", erzählt von Bismarck im Interview.

Technology Review: Herr von Bismarck, was fasziniert einen Künstler am Genfer Kernforschungszentrum CERN?

Julius von Bismarck: Ich finde es spannend, wenn neue Entdeckungen alles bisher Bekannte über den Haufen werfen. Mit meiner Kunst kann ich die Welt zwar nicht direkt verändern, aber ich kann Objekte schaffen, die dazu anregen, die Welt anders zu sehen. Diesen Aspekt finde ich auch am CERN faszinierend. Die Ergebnisse der dortigen Forschung sind nicht nur unsichtbar, sondern teilweise auch unvorstellbar. Dort denken Menschen weit außerhalb der normalen Muster. Sie entwickeln Theorien, die gegen ihr bisheriges Weltbild sprechen.

TR: Zum Beispiel?

Bismarck: Einige Forscher überlegen, ob Teilchen existieren, die mit unserer Welt überhaupt nicht interagieren. Da könnten sich ganz andere Welten auftun, die wir einfach nicht sehen können. Mein Inspirationspartner vor Ort, der Physiker James Wells, sucht beispielsweise nach Möglichkeiten, wie man diese versteckten Welten ausforschen kann.

TR: Und? Kann man?

Bismarck: Neutrinos könnten eine Brücke sein. Sie fliegen beispielsweise spurlos durch unsere Körper hindurch. Trotzdem lassen sie sich über Tricks nachweisen. Die Situation ist genauso spannend wie damals, als man nicht wusste, was hinter dem Ozean liegt. Irgendwann überquert ihn ein Entdecker – und findet ein anderes Land. Die Experimente zur Antimaterie gehören ebenfalls dazu. Ein Versuch soll die Frage beantworten, ob sie nach oben oder unten fällt. Keiner glaubt, dass sie tatsächlich nach oben fällt, aber es ist nicht bewiesen. Wenn es dennoch so wäre, würde es alle bisherigen Theorien verändern.

TR: Das Anfang Juli entdeckte Higgs-Boson scheint Sie nicht sonderlich zu interessieren. Dabei liefert es die lange gesuchte Erklärung, warum Gegenstände eine Masse besitzen.

Bismarck: Ach, das Higgs ist mir eigentlich egal. Natürlich haben Forscher Jahrzehnte darauf hingearbeitet, es zu finden. Gleichzeitig aber war nahezu allen am CERN seit Langem klar, dass dieses Masseteilchen irgendwann gefunden wird. Es gehörte schon zum Standard, bevor es überhaupt entdeckt wurde.

TR: Großes Medienecho erhielt das CERN auch vergangenen September mit der Nachricht, Neutrinos könnten schneller als das Licht fliegen. Im Februar zeigte sich, dass ein Wackelkontakt die Messung verfälscht hatte. Ein PR-Unfall?

Bismarck: Ein Lacher, klar. Eigentlich war allen im CERN klar, dass die Messung fehlerhaft gewesen sein musste. Aber trotzdem war immer so ein Funkeln in ihren Augen, wenn sie drüber sprachen. Sie hätten sich einfach riesig gefreut über ein derartiges Ergebnis, weil es die gesamte Theorie Einsteins zum Einsturz gebracht hätte. Sie mussten es schlicht erzählen. Da sind selbst trockene Wissenschaftler wie Kinder. Am Ende ist das CERN eben keine Firma mit einer wohlbedachten Strategie.

TR: Trotzdem muss man sich nach einem solchen Ereignis doch fragen: Ist das überhaupt real, was im CERN gemessen wird?

Bismarck: Je länger man sich dort aufhält, desto mehr verliert tatsächlich der Begriff "real" an Bedeutung. Ich meine damit nicht, dass die Messergebnisse nicht zutreffen. Sondern dass die Forschung an den Außenwänden unserer Welt kratzt. Wenn wir in der Matrix existierten wie in dem Hollywood-Film, würden wir da Pixel finden.

TR: Finden Sie das nicht unheimlich?

Bismarck: Nach zwei Monaten habe ich die Denkweisen als relativ normal empfunden. Durch meinen Physik-Leistungskurs aus der Schule kann ich den Theorien bis zu einem gewissen Punkt folgen. Dass jedoch mehr als drei Dimensionen existieren, ein Teilchen an verschiedenen Orten gleichzeitig ist und manchmal als Welle auftritt – diese ganzen paradoxen Sachen kann man sich nicht vorstellen. Das kann auch kein Wissenschaftler. Unser Gehirn ist schlicht nicht dafür gemacht. Man kann es aber hinnehmen und am Ende damit arbeiten. Wie man in Filmen hinnimmt, dass gezaubert werden kann. Das ist wie eine Märchenwelt auf dem Level von Quanten.

TR: Ist das wirklich noch Wissenschaft? Oder schon Religion?

Bismarck: Das CERN ist natürlich reine Naturwissenschaft, aber dennoch sind die Experimente auch für die Religion interessant. Die Wissenschaftler wollen etwa ergründen, was während des Urknalls geschah. Man kann jedoch nicht über den Urknall nachdenken, ohne über Gott nachzudenken. Was beispielsweise war vorher? Da wird es einfach übernatürlich, weil wir an der Grenze des Beweisbaren, des Wahrnehmbaren stehen.

TR: Glauben Teilchenphysiker an Gott?

Bismarck: Zumindest sagen es viele. Vielleicht tun sie es aber auch nur aus taktischen Gründen, um nicht als böse Wissenschaftler dazustehen, die gegen die Religion zu Felde ziehen.