Science-Fiction-Klassiker: 40 Jahre Blade Runner

Am 25. Juni 1982 kam Blade Runner in die US-Kinos, in Deutschland vier Monate später. Der Film floppt, heute gilt er als Klassiker und Meilenstein.

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(Bild: Warner Home Video)

Von
  • René Meyer
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Die Enttäuschung der Kino-Besucher ist verständlich. Sie wollen den neuen Science-Fiction-Film von Ridley Scott sehen, dem Macher von "Alien", von einem der besten Weltraum- und einem der besten Horrorfilme. Mit Harrison Ford in der Hauptrolle, der vor "Blade Runner" in "Jäger des verlorenen Schatzes" und "Das Imperium schlägt zurück" gespielt hatte. Und mit einem Drehbuch nach Philip K. Dick. Statt eines aufregenden Action-Streifens bekommen sie ein düsteres, deprimierendes und bedeutungsschwangeres Rätsel zu sehen.

Los Angeles in der Zukunft. Die Erde ist verschmutzt und überbevölkert. Hilfe versprechen Kolonien auf anderen Planeten. Erschlossen werden sie von künstlich geschaffene Menschen, Replikanten. Sie sind typischerweise stärker und ihre Lebenszeit ist auf vier Jahre beschränkt. Sie dürfen nicht die Erde betreten, und wenn sie es tun, werden sie von speziellen Polizisten gejagt, den Blade Runnern. Eine Gruppe Replikanten hat ein Raumschiff gekapert und landet in Los Angeles. Harrison Ford als Rick Deckard soll sie aufspüren – und trifft auf die geheimnisvolle Rachel.

Es ist immer Nacht. Es regnet immer. Vordergründig ein Krimi, in den eine Liebesgeschichte verwoben ist. Doch tatsächlich geht es weniger um Harrison Fords Jagd auf Replikanten als um die Suche der Replikanten nach ihrem Schöpfer, um ihre Lebenszeit zu verlängern.

Die eigentliche Hauptrolle spielt Rutger Hauer, der durch den Film stolziert und Sätze sagt wie "das ist keine einfache Sache, seinem Schöpfer zu begegnen" und "zeig mir, woraus du gemacht bist". Und dann die unappetitlichen Todesszenen, einem werden die Augen eingedrückt, zwei Frauen auf unappetitliche Weise niedergeschossen. Manche kommen aus dem Kino und sind begeistert. Aber die meisten sind enttäuscht. "Blade Runner" ist ein Flop, der mit Ach und Krach seine Kosten von 28 Millionen US-Dollar einspielt.

Und das im vielleicht besten Filmjahr aller Zeiten für Nerds. Mit "Tron", "E.T.", "Poltergeist", "Conan der Barbar", "Mad Max 2", "Star Trek 2 – Der Zorn des Khan", "Das Ding aus einer anderen Welt". Und mit weniger bekannten Filmen wie "Videodrome" (von David Cronenberg, Anfang 1983), "Der Android" (mit Klaus Kinski) und einem deutschen Beitrag, dem wirren "Kamikaze 1989" mit Rainer Werner Fassbinder in seiner letzten Rolle.

Die ernüchternden Testvorführungen im März 1982 sind eine Warnung. Hastig setzt wird ans Ende ein kitschiges Happy End gesetzt, mit Luftaufnahmen aus "The Shining", in dem Deckard und Rachel in eine gemeinsame Zukunft fahren. Und baut eine Reihe von Voice Overn ein, in denen Harrison Ford als Erzähler erklärt. Nach dem Misserfolg wird zehn Jahre später ein "Director's Cut" veröffentlicht, der im wesentlichen die Änderungen rückgängig macht und einige grausame Szenen zensiert. 2007, zum 25. Geburtstag des Films, stellt Ridley Scott den "Final Cut" vor, der sich inhaltlich wenig vom "Director's Cut" unterscheidet und in erster Linie Bild und Ton überarbeitet.

Der Film basiert auf dem Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" von Philip K. Dick aus dem Jahr 1968. Es ist die erste Film-Adaption eines seiner Werk – von einer Folge einer britischen Serie aus den 60ern abgesehen – und er tut sich schwer mit Änderungen. Oft mögen Schriftsteller Drehbücher ihrer Romane nicht.

Regisseur Martin Scorsese und Autor Jay Cocks ("Strange Days") zeigen schon früh Interesse, aber greifen nicht zu. Der erste Drehbuch-Entwurf kommt 1973 von Robert Jaffe – und Dick hasst ihn. Sie erinnern ihn an die naiven Streifen von George Pal aus den 50ern und 60ern, wie "Die Zeitmaschine".

Auch der spätere Entwurf von Hampton Fancher wird von ihm abgelehnt: "Philip Marlowe trifft auf Die Frauen von Stepford". Der mittlerweile hinzugezogene Ridley Scott kommt mit Fancher ebenso nicht zurecht, da er seine Visionen nicht umgesetzt sieht. Die Rettung naht durch den Autor David Peoples, der das Skript überarbeitet. Dick meint begeistert, dass zum ersten Mal eines seiner Bücher von einem wirklichen Meister umgesetzt sei. Dabei hat Peoples das Buch überhaupt nicht gelesen.

Entsetzt ist Dick zunächst von den ersten Fotos mit Rutger Hauer. Der blonde Hühne erinnert ihn an den nordischen Herrenmenschen aus Hitlers Labor. Versöhnlicher zeigt er sich, nachdem ihm Scott erste Szenen zeigt und erklärt, es ginge bei weitem nicht nur um eine tumbe Hatz auf Androiden.

Änderungen gibt es trotzdem genügend. Das Buch spielt in San Francisco im Jahr 1992, der Film in Los Angeles im Jahr 2019. Im Buch ist es die Rosen Corporation, die in Drehbuch-Entwürfen Nekko heißt und schließlich im Film Tyrell.

Scott mag den überbeanspruchten Begriff "Android" des Buches nicht; und Peoples berät sich mit seiner in Biochemie und Mikrobiologie bewanderten Tochter. Sie schlägt "replicating" vor, das Vervielfältigen von Zellen. Replikanten werden im Film auch abfällig als "Skin Job" bezeichnet, auf Deutsch "Hau(t)job".

Und Deckard soll kein "Detective" sein, es wird nach Alternativen gesucht, gefunden wird er in dem Roman "The Bladerunner" von Alan E. Nourse. Der streift die Themen des geplanten Films nur am Rande, führt aber einen hübschen Namen ein. Scott kauft die Rechte auch an diesem Roman, nur um den Titel zu verwenden. Der Begriff "Blade Runner" wird im Film nicht erklärt und kommt im Dick-Buch nicht vor.

Für eine Gage von 75.000 Dollar einen Roman zum Film zu schreiben, und damit gewissermaßen sein Buch noch einmal, lehnt Dick ab. Die Premiere erlebt er nicht mehr: Philip K. Dick stirbt im Alter von 53 Jahren nach zwei Schlaganfällen im März 1982. Nach "Blade Runner" entdeckt Hollywood den Autor. Auf seinen Vorlagen basieren einige der interessantesten Science-Fiction-Filme: "Total Recall", "Paycheck", "Minority Report", "Der Plan", "A Scanner Darkly", "Next" und die Serie "The Man in the High Castle".