Seltene Erden in Europa: "Das Vorkommen zu nutzen, wird 20 bis 30 Jahre dauern"

Welche Bedeutung die Entdeckung des bisher größten Vorkommens von Seltenen Erden in Europa hat, erklärt der Wirtschaftsgeologe Harald Elsner im Interview.

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(Bild: Phawat / Shutterstock.com)

Von
  • Hanns-J. Neubert

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Brennstoffzellen, Wasserstoffgewinnung und nicht zuletzt die Magnete in Elektroautos: Seltene Erden sind eng mit den Zukunftstechnologien verknüpft. Doch ihr Abbau ist für Europa überwiegend mit Abhängigkeiten von anderen Nationen verbunden. Umso vielversprechender scheint der jüngste Fund von Seltenen Erden in Nord-Schweden. In einer Lagerstätte namens Per Geijer bei Kiruna hatte das staatlich-schwedische Bergbauunternehmen LKAB das bisher größte Vorkommen von Seltenen Erden in Europa gefunden – mehr als eine Million Tonnen. Bereits Anfang Januar hatte LKAB angekündigt, eine Milliarde Euro in die Extraktion von Seltenen Erden und Phosphor aus dem über 130 Jahre lang aufgehäuften Abraum der Erzförderung in Lappland zu investieren. Wie ist der Fund zu bewerten? Und: Hat das Vorkommen das Potenzial, Europas Abhängigkeiten zu entschärfen? Der Wirtschaftsgeologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover ordnet ein.

Herr Elsner, was ist da los im hohen Norden Europas?

Bei Kiruna wird seit über 130 Jahren Eisenerz abgebaut, das dort zusammen mit Phosphaten in Form des Minerals Apatit vorkommt. In diesem Apatit sind wiederum Seltene Erden zu finden. Das weiß man natürlich nicht erst seit diesem Jahr, sondern schon seit Jahrzehnten. LKAB hat mit der Universität Luleå schon seit längerem ein Forschungsvorhaben, um zu untersuchen, wie man aus dem Eisenerz dieses Phosphatmineral Apatit abtrennen kann, um dann auch zu versuchen, aus diesen Phosphatmineral-Konzentraten wiederum die Seltenen Erden abzutrennen.

Warum gab LKAB das jetzt erst bekannt?

Jetzt hat man die neue schwedische EU-Ratspräsidentschaft und die Sitzung der Ratskommission in Kiruna genutzt, um diese Meldung über die Vorräte in einem von vielen Vorkommen von Eisenerz in Nord-Schweden als Knüller in der Welt zu verkünden.

Von oben: Wo der Fundort der Seltenen Erden in Kiruna liegt.

(Bild: LKAB)

Gibt es Möglichkeiten, die Seltenen Erden denn auch in Kiruna zu extrahieren?

LKAB hat sich an dem norwegischen Unternehmen REEtec beteiligt, das jetzt zunächst eine Pilotanlage baut, um die Seltenen Erden zu extrahieren. Aber dazu nimmt man erst einmal Erz aus Kanada aus einem Bergwerk, das aber – soweit wir wissen – noch gar nicht existiert. Daraus will man zunächst 720 Tonnen Seltenerde-Oxide erzeugen, immerhin 5 Prozent des europäischen Bedarfs. Ab 2027 will man sich dann dem Material aus Kiruna widmen.

Warum nimmt man nicht gleich das Erz von Per Geijer?

Das Vorkommen ist ja erst einmal nur angebohrt. Bis es genau erkundet, eine Genehmigung erteilt und ein Schacht angelegt sind, dauert es mindestens noch zehn bis 15 Jahre. Und dann muss ja noch eine Anlage zur Extraktion der Seltenen Erden gebaut werden, was auch noch vier bis fünf Jahre dauert, bis sie problemlos funktioniert.

Für die Energiewende in Europa, wo die Seltenen Erden dringend gebraucht werden, nützt das also erst einmal nichts?

Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Von dieser Sorte Vorkommen haben wir ja zwei Dutzend auf der Welt. Die nächstgelegenen sind in Grönland, da haben wir zwei große Vorkommen, das eine mit knapp 5 Millionen, das andere mit 6,5 Millionen Tonnen Seltenerd-Oxiden. Da sind auch die schweren Seltenen Erden dabei, von denen für die Energiewende vor allem das Dysprosium wichtig ist. Die grönländischen Vorkommen sind auch schon gut erkundet und es gibt schon Aufbereitungspläne. Was fehlt, sind die Investitionen, und die belaufen sich auf ungefähr eine Milliarde US-Dollar je Vorkommen.

Wie groß sind denn die weltweiten Vorräte an Seltenen Erden?

Die weltweiten Reserven, also was derzeit abbaubar und gewinnbar ist, reichen etwa 170 Jahre. Die Reichweite der Ressourcen, also das, was vermutet wird oder wo man noch erkunden muss, haben sich jetzt durch den enormen Fund bei Kiruna von 2.042 auf 2.049 Jahre erhöht. Wir sprechen also bei Seltenen Erden über die Rohstoffe der Welt mit den größten Vorräten, die überhaupt bekannt sind.

Von unten: Einblick, wo sich das Vorkommen genau befindet.

(Bild: LKAB)

Gibt es Seltenerd-Vorkommen in Deutschland und in Europa, abgesehen von Grönland? Wenn ja, warum werden sie nicht abgebaut?

Ja, es gibt ein Vorkommen in Deutschland, in Storkwitz bei Delitzsch in Nordsachsen. Es ist eines der kleinsten bekannten Vorkommen auf der Welt, was erklärt, warum es nicht abgebaut wird. Es rechnet sich nicht. Weitere Vorkommen in Europa gibt es in der Türkei, in Portugal, Griechenland und vor allen Dingen in Norwegen, in Schweden, Finnland und, wie gesagt, in Grönland.

Was wäre nötig, um diese Vorkommen dann auch zu nutzen?

Das ist genau eines der Probleme neben den hohen Investitionskosten. Da hängt eine lange Wertschöpfungskette dran. Sie fängt an, wenn man das Erz aus der Erde holt. Dann müssen die Seltenenerd-Mineralien abgetrennt und aufbereitet werden, wobei zumeist alle begleitenden Schwermetalle nicht von Interesse sind. Uran und Thorium etwa sind sogar ein Problem.

Dann erhält man ein Mischkonzentrat aus Seltenen Erden, in dem alle 16 dieser Elemente vorhanden sind, die voneinander getrennt werden müssen. Dabei ist die Trennung der schweren Seltenerden besonders schwierig und nur in China möglich, das als einziges Land über dieses Know-how verfügt. Auch die nachfolgende Anreicherung zu hochreinen Elementen beherrschen mit ganz wenigen Ausnahmen – und die betreffen nur die leichten Selten Erden – nur die Chinesen. Erst dann kann man sie legieren und danach in Form von Permanentmagneten in Komponenten beispielsweise in der Elektronikindustrie verwenden. Vom Erzabbau bis zum fertigen Produkt werden die Seltenen Eerden also auch mehrfach über Ländergrenzen transportiert.

Also müssten die Schweden ihr Erz erstmal nach China schicken?

Sie versuchen ja in Schweden oder Norwegen eine eigene Anlage aufzubauen, um dort die leichten Seltenen Erden zu trennen, zu separieren und anzureichern. Was dann noch an schweren Metallen vorhanden ist, müssen sie in der Tat nach China schicken. Solche Anlagen sind hochkomplex und nur auf ein einziges Mineral ausgelegt. Zur Zeit gibt es keine Anlage auf der Welt, die aus dem Phosphaterz, was aus Schweden kommen kann, die Seltenen Erden abtrennt. Das heißt, man fängt dort bei Null an.

Dann dauert es wahrscheinlich auch länger als 15 Jahre, bis Seltene Erden aus Nord-Schweden kommen?

Ja. Den Seltenerd-Inhalt aus dieser Lagerstätte in Europa zu nutzen, wird 20 bis 30 Jahre dauern. Gäbe es in Schweden so eine Anlage, könnte man bereits jetzt produzieren, denn durch den Eisenerzabbau fällt dieses Material ja schon seit 130 Jahren an.

Über Rohstoffe und De-Globalisierung:

(jle)