Sensornetz für den schwarzen Kontinent

Der Siegeszug des Handys in Afrika rettet immer mehr Menschenleben und revolutioniert dank Big-Data-Verfahren die dortige Gesundheitsversorgung, meint der Epidemiologe Seth Berkley.

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  • Seth Berkley

Der Siegeszug des Handys in Afrika rettet immer mehr Menschenleben und revolutioniert dank Big-Data-Verfahren die dortige Gesundheitsversorgung, meint der Epidemiologe Seth Berkley.

Seth Berkley ist CEO der GAVI Alliance. Zuvor war in den U.S. Centers for Disease Control and Prevention und in der Rockefeller Foundation tätig. Berkley ist außerdem Gründer der International AIDS Vaccine Initiative. Google-Gründer Sergey Brin nominierte ihn 2009 für die Liste der 100 einflussreichsten Menschen auf der Welt, die jährlich vom Time Magazine herausgegeben wird.

Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich Afrika von einem Hinterhof zu einem hochspannenden Labor für die vernetzte Wirtschaft verwandelt. Weil für den Ausbau eines Festnetzes kaum Geld da war, ist der Kontinent direkt ins mobile Online-Zeitalter gesprungen. Die Hunderte Millionen Handys verbinden aber nicht nur Menschen, sondern bilden auch ein Sensornetzwerk, dass die Gesundheitssysteme überall in der Welt verändern könnte.

Zum ersten Mal überholte die Zahl mobiler Netzanschlüsse die von Festnetzleitungen im Jahr 2000. In Nigeria etwa gab es damals 30.000 Mobilfunkverträge – heute sind es 140 Millionen. 87 Prozent der Bevölkerung sind damit im Prinzip mobil online.

Angesichts der Größe des afrikanischen Kontinents und des Unternehmergeists seiner Bevölkerung ist das nicht so überraschend. Überraschend ist aber, wie Handys eine immer stärkere Rolle dabei spielen, Leben zu retten, indem sie Wissenslücken füllen.

Historisch hat es nur wenige handfeste Echtzeit-Beobachtungsdaten von Krankheiten in Afrika gegeben. Wir konnten nur auf einige wenige Webinformationen und Modellannahmen zurückgreifen, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verfolgen. Wie frustrierend das ist, kann ich als Arzt und Epidemiologe aus meiner Tätigkeit in den 1980ern in Uganda bestätigen. Man sieht all die Anzeichen um einen herum, aber die wenigsten Orte verfügen über eine Infrastruktur, um diese Beobachtungen weiterzuverfolgen und auszuwerten.

Mir war seitdem klar, dass eines der größten Hindernisse für die Gesundheit der Ärmsten der Welt unsere fehlende Fähigkeit war, die Belastungen durch Krankheiten in Echtzeit zu messen. Denn wenn wir sie nicht messen können, wie können wir dann irgendetwas dagegen tun?

Das ändert sich nun dank Handys. Zum ersten Mal bekommen wir gute Daten, die uns verraten, wo jemand an welcher Krankheit stirbt, wer krank ist, und wo sich Erkrankungen häufen. Nun, da das bisherige Rätselraten vorbei ist, können diese Informationen viel zu weltweiten und nationalen Gesundheitsstrategien beitragen.

Und genau das passiert bereits. Zunächst einmal helfen die Mobilfunkdaten, Todesfälle genauer zu zählen. Es ist traurige Realität, dass viele Kinder sterben, ohne dass ihre Geburt offiziell erfasst worden wäre. Mit Hilfe von Handys können Eltern ihre Neugeborenen jetzt ganz leicht bei den Behörden anmelden. Auf diese Weise verringert sich die Zahl der Kinder, die durch die Maschen fallen. Regierungen können so Maßnahmen wie Impfungen besser planen.

Handys helfen auch dabei, die Versorgung mit Impfstoffen zu verbessern. Dank Echtzeitdaten über Bestände an abgelegenen Orten können unnötige Engpässe verhindert werden. So stehen dann genügend Impfstoffe zur Verfügung, wenn Säuglinge und Kinder zur Impfung gebracht werden.

Das medizinische Personal kann zudem nun auf Patientenakten zugreifen und telefonisch Termine vereinbaren. Sie können sogar Eltern mittels automisch verschickter SMS an Impftermine erinnern. Das sind einfache Maßnahmen, die aber hoch effektiv sind.

In Zusammenarbeit mit Vodafone erkundet meine Organisation, die GAVI Alliance in Genf, diesen und andere Wege. GAVI gibt Milliarden von Dollar aus, um Impfstoffe für Kinder in Entwicklungsländern zugänglich zu machen.

Weitere Fortschritte sind von der technischen Weiterentwicklung der Geräte zu erwarten. Forscher wie Jonathan Cooper von der University of Glasgow arbeiten daran, raumgreifende Laborausrüstungen auf kleine, akustisch angetriebene Mikrofluidik-Geräte zu bringen. Die könnten dann mit einem Handy verbunden werden und das Telefon in ein tragbares Labor verwandeln.

Ähnlich geht Aydogan Ozcan von der University of California in Los Angeles vor. Er will Handykameras für eine so genannte fluoreszente Durchflusszytometrie einsetzen. Dabei fließen Zellen in einer Probe an einem Lichtstrahl vorbei, und das fluosreszierende Licht, das sie daraufhin abstrahlen, gibt Aufschluss über ihre Beschaffenheit. Dank derartiger Technologien könnte medizinisches Personal künftig selbst in abgelegensten Gegenden vor Ort Diagnosen durchführen.

Den größten Effekt dieser Handy-unterstützten Medizin dürften aber Daten aus dem Mobilfunknetz selbst haben. Im vergangenen Jahr zeigten Organisationen wie Ushahidi und Healthmap, wie man auf der Basis von automatisch aggregierten Daten die Zahl der Opfer im syrischen Bürgerkrieg auf einer Karte visualisieren kann. Eine Veröffentlichung im Wissenschaftsjournal Science demonstrierte anhand von Standortdaten von 15 Millionen Handynutzern in Kenia, wie Muster in Reisebewegungen zur Ausbreitung von Malaria beitragen.

Das ist erst der Anfang. Afrika hat 630 Millionen Handynutzer, und 93 Millionen Menschen gehen per Handy ins Internet. Die Daten sind also vorhanden. Sie sind Teil eines riesigen, kontinentalen Sensornetzes, auf das wir jetzt zugreifen können. Die große Aufgabe, an die sich nun Unternehmer machen können, ist herauszufinden, wie das am besten gehen könnte und wie man damit Leben rettet.

Leute wie Nathan Eagle haben hierbei bereits einige Fortschritte erzielt. Wenn die Privatsphäre geschützt bleibt und die richtigen Anreize gesetzt werden – etwa über ein Direktmarketing mit Vergütungen -, teilen Verbraucher ihre Daten bereitwillig. Genau das macht Eagle mit seiner Firma Jana.

Den langfristigen Nutzen aus diesen Daten, wenn wir sie erst einmal haben, genau abzuschätzen, ist schwierig. Firmen wie Kaggle, das eine Crowdsourcing-Variante von Datenanalysen betreibt, zeigen, in welche Richtung das gehen kann. Mit den richtigen Algorithmen sollten wir nicht nur ein detailliertes Bild bekommen, was gerade vor sich geht, sondern auch weltweite Gesundheitstrends ermitteln können. Je mehr Daten es gibt, desto genauer wird das Bild.

Das ist ein äußerst spannender Plan für das globale Gesundheitswesen, wobei selbst geringfügige Verbesserungen in den Datenmodellen schon große Wirkung entfalten können. Würden die Handydaten die bestehenden Modelle nur um ein Prozent verbessern, ließe sich damit der Tod von jährlich 69.000 Kindern unter fünf Jahren verhindern. Das sollte es wert sein, den nächsten Anruf zu machen. (nbo)