Setzt sich die in Portugal dominierende BA.5-Variante auch bei uns durch?​

Die neue Omikron-Variante führt durch steigende Fallzahlen zu mehr Hospitalisierungen und Todesfällen. Bei uns verdoppelt sich der BA.5-Anteil wöchentlich.​

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(Bild: Corona Borealis Studio/Shutterstock.com)

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Wie schon bei früheren Wellen scheinen wärmere Temperaturen eine starke Verbreitung der Corona-Viren nicht erfolgreich zu verhindern. Portugal befindet sich trotz Wärme und einer Impfrate von 87 Prozent im Griff einer erneuten Infektionswelle. Im weltweiten Vergleich verzeichnet das Land mit etwa 1.600 Coronainfektionen pro 100.000 Einwohner hinter Taiwan die zweithöchste 7-Tage-Inzidenz, also Neuinfektionen binnen sieben Tagen (Stand: 8. Juni 2022).

Verantwortlich für den deutlich erhöhten Wert ist die Omikron-BA.5-Variante, die erstmalig Ende März in Portugal registriert wurde. Damals betrug die 7-Tage-Inzidenz noch etwa 740 pro 100.000 Einwohner. Bereits Ende Mai dominierte BA.5 laut dem Nationalen Gesundheitsinstitut Doutor Ricardo Jorge (INSA) die registrierten Neuinfektionen mit 87 Prozent. Parallel dazu verzeichnete das Land wieder wachsende Zahlen bei den Corona-Hospitalisierungen und -Todesfällen. Die europäische Gesundheitsbehörde und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte BA.5 Mitte Mai als "besorgniserregende Variante" ein.

Während Portugals Präsidentschaftsministerin Mariana Vieira da Silva den Höhepunkt der Welle in ihrem Land erreicht sieht, wachsen die BA.5-Fallzahlen in anderen Ländern inklusive Deutschland. Hierzulande dominiert zwar noch die BA.2 Variante mit mehr als 93 Prozent, meldete das Robert-Koch-Institut in seinem Wochenbericht vom 2. Juni. Die 7-Tage-Inzidenz betrug 238 Fälle pro 100.000 Einwohner, also bisher noch deutlich unterhalb der portugiesischen Zahlen.

Der BA.5-Anteil an neuen Infektionsfällen lag hierzulande Ende Mai bei – niedrig erscheinenden – 5,2 Prozent. Allerdings verdoppelt sich der Anteil derzeit etwa jede Woche und könnte, wenn dieser Trend anhält, schon in weiteren vier Wochen über 80 Prozent liegen. In einigen Regionen könnte es sogar noch schneller gehen, denn Labordaten aus Süddeutschland weisen darauf hin, dass der Anteil dort bereits bei etwa 15 Prozent liegt.

Die BA.5-Variante wurde, zusammen mit der BA.4-Variante, zuerst im Januar beim Sequenzieren in Südafrika registriert und wurde dort schnell zur dominanten Version von Sars-CoV-2. Die schnelle Verbreitung liege mehreren Studien zufolge vor allem auch an einer Mutation im Erbgut-Code des Spike-Proteins namens "L452R", die schon die Delta-Version aufwies, twitterte die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt Anfang Juni. L452R sorge für eine leichtere Infizierbarkeit der Lunge.

Weitere Mutationen verhelfen der Erregervariante zu einer besseren Immunflucht. Das bedeutet zum einen, dass Genesene, die eine frühere Omikron-Variante wie BA.1 oder BA.2 erwischt hatten, dadurch nicht nachhaltig geschützt sind und sich leicht erneut anstecken können.

Und zum anderen können auch vollständig geimpfte Menschen Durchbruchsinfektionen erleiden, vor allem wenn die letzte Auffrischimpfung länger zurückliegt. Laut der Vakzin-Allianz GAVI schützen die nach Impfungen gebildeten Antikörper allerdings im Vergleich etwas besser als die aus einer durchgemachten Infektion. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die BA.5-Variante, ebenso wie die seltenere BA.4-Version nicht von der vorherigen Versionen BA.1 bis BA.3 abstammt, sondern von einer früheren gemeinsamen Vorläuferversion.

Wie stark die Welle in Deutschland ausfällt, hängt Ciesek zufolge unter anderem von der Grundimmunität in der Bevölkerung ab. In Südafrika sei die BA.5-Welle weniger stark ausgefallen als die vorherige Omikron-Welle (BA.1), möglicherweise weil die Bevölkerung aufgrund mehrerer Infektionen mit Sars-CoV-2 eine hohe Immunität hat. "Auch die Anzahl von Hospitalisierungen und Todesfällen blieb erfreulicherweise geringer als bei früheren Varianten (Delta…)", twitterte die Medizinerin weiter. Allerdings könnte eine veränderte Teststrategie zu einer Unterschätzung der Infektionen in Südafrika geführt haben.

Dieselbe Immunflucht lässt sich nun auch in Portugal und Deutschland beobachten. Zwar gibt es laut Ciesek bisher keine Hinweise darauf, dass die Krankheitsschwere bei BA.5 schlimmer ist, das lasse sich allerdings noch nicht abschließend sagen.

Davon geht bisher auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) aus. Weil BA.5 aber in den kommenden Monaten zu einem signifikanten Wachstum der Fallzahlen in Europa führen und überall zur dominanten Variante werden könnte, seien schlicht durch die erhöhten Infektionsfälle auch wieder mit mehr Hospitalisierungen und auch mehr Todesfällen zu rechnen.

Deshalb mahnt die europäische Gesundheitsbehörde zum einen zur regelmäßigen Erbgutssequenzierung bei positiven Fällen, um den Anteil von BA.5 an schweren Verläufen mit Krankenhaus- und Intensivstation-Aufenthalten im Auge zu behalten. Zum anderen empfiehlt die ECDC schon seit Mittte Mai nicht nur vulnerable Gruppen, sondern allen ab 60 Jahren eine zweite Auffrischungsimpfung – und den europäischen Ländern entsprechende Pläne für eine schnelle Verabreichung aufzusetzen.

Laut Experten wie Ciesek wird es allerdings entscheidend sein, dass die Corona-Impfstoffe schneller an neue Varianten angepasst werden. Wie gut etwa Modernas neuer, bivalenter Impfstoffkandidat, der auch auf die ursprüngliche Omikron-Variante abzielt, vor Infektionen und den Folgen der veränderten BA.5- und künftigen Varianten schützt, muss sich dabei noch zeigen. Vorläufigen Ergebnissen zufolge erzeugt das lang erwartete Spikevax-Update im Vergleich zur Version 1.0 eine achtfach höhere Menge an neutralisierenden Antikörpern. Moderna hofft, dass er im Spätsommer zur Verfügung stehen könnte.

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(jle)